ArchivDeutsches Ärzteblatt22/2007Bürokratie: Teure „Brieffreundschaften“

POLITIK

Bürokratie: Teure „Brieffreundschaften“

Dtsch Arztebl 2007; 104(22): A-1545 / B-1371 / C-1311

Blöß, Timo

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Seit Langem ärgern sich Ärzte über unnötige Verwaltungspflichten. Diese verschlingen Zeit und Geld. Die Gesundheitsreform dürfte dieses Problem noch verschärfen.

Keiner kann sich mehr daran erinnern, irgendwann war es einfach da: das erste Formular im deutschen Gesundheitswesen. Was anfangs auch von Ärzten als notwendig akzeptiert wurde, ist zu einer lähmenden Krankheit mutiert. Mit immer neuen Metastasen hat sich die Bürokratie wie ein Krebsgeschwür tief in das System gefressen. Dabei verschlingt der Verwaltungsaufwand immer mehr Zeit und Geld. Rund 1,6 Milliarden Euro kosten die „Brieffreundschaften“ zwischen Ärzten und Krankenkassen jährlich, schätzen Experten. Die Parlamentarische Staatssekretärin im Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium, Marion Caspers-Merck (SPD), versprach im Vorfeld der Gesundheitsreform, überflüssigen Papierkram aus den Behandlungszimmern zu verbannen – wohl auch, um die ohnehin verärgerten Ärzte milde zu stimmen. In der „Arbeitsgruppe (AG) Bürokratieabbau“ sollten die Ärzte im vergangenen Jahr gemeinsam mit Kassenvertretern Vorschläge zur Reduzierung der Dokumentationspflichten erarbeiten. Ein Teil davon, so Caspers-Merck damals, werde auch im anstehenden GKV-Wettbewerbsstärkungsgesetz (GKV-WSG) umgesetzt.
Kein Rezept gefunden
Ein Jahr später ist von der großen Initiative nicht viel übrig geblieben. Von den 20 Vorschlägen, auf die sich Ärzte und Kassen einigen konnten, sollen neun von der Selbstverwaltung umgesetzt werden; die anderen fanden Eingang in die Reform. Doch auch damit liefert das GKV-WSG keine geeignete Therapie gegen den Bürokratiewahn. Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terin Ulla Schmidt sieht das anders. Mit den Vorschriften aus dem Reformwerk und den noch nicht umgesetzten Maßnahmen der AG Bürokratieabbau ließe sich „die überbordende Verwaltung ein ganzes Stück zurückstutzen“, sagte Schmidt beim Deutschen Ärztetag in Münster.
Bei den Wirtschaftlichkeitsprüfungen etwa würden nun lediglich noch fünf Prozent der Praxen geprüft, die Unterlagen dafür müssten nur noch zwei Jahre aufbewahrt werden. Die meisten Bürokratie-Abbau-Paragrafen im Reformgesetz aber widmen sich den Disease-Management-Programmen (DMP). „Die sind wenig spektakulär, beseitigen aber viel Kleinkram, der den Ärzten viel Ärger gemacht hat“, sagt Evert Jan van Lente. Als Leiter der Abteilung DMP beim AOK-Bundesverband hat er in der AG Bürokratieabbau mitgearbeitet. So sei die Überprüfung der aktiven Teilnahme an den Programmen erleichtert worden. Bisher mussten alle rund 40 Parameter der Dokumentation bis zu einem streng vorgegebenen Fristablauf vollständig und plausibel vorliegen. „Jetzt reicht es“, so van Lente, „wenn die wichtigsten Daten rechtzeitig da sind.“ Erst wenn in zwei aufeinanderfolgenden Quartalen die Dokumentationen fehlerhaft oder unvollständig sind, werden die
Versicherten aus den DMP ausgeschrieben. Bisher war das schon der Fall, wenn zwei Dokumentationen innerhalb von drei Jahren mangelhaft waren – mit der Folge, dass Ärzte ihre Patienten mit viel Aufwand wieder in die DMP einschreiben mussten. Zusätzlich werden Patienten fortan erst „gestrichen“, wenn ihre Kassenzugehörigkeit länger als ein halbes Jahr unterbrochen ist. Damit würden die Ärzte entlastet, sagt van Lente. In manchen Regionen mussten bis zu 20 Prozent der DMP-Teilnehmer aus diesen Gründen aus- und wieder eingeschrieben werden.
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Aus Papier- wird „PC-Kram“
Von Vorteil ist das vor allem für Ärzte, die die Daten nach wie vor „per Kugelschreiber“ aufnehmen. Denn anders als bei der elektronischen Dokumentation gibt es dabei keine automatische Plausibilitätsprüfung, die am Ende auf Fehler und Widersprüchlichkeiten hinweist. Von 2008 an soll mit dem GKV-WSG die elektronische Dokumentation flächendeckend in den Arztpraxen eingeführt werden. Doch damit ist das Problem nicht behoben: Künftig wird aus Papier- schlicht „PC-Kram“. „Die elektronische Dokumentation kostet auch Zeit“, sagt Dr. med. Uwe Kraffel, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Berlin. Notwendig seien vielmehr bundeseinheitliche DMP. Bisher brauche er für jedes DMP andere PC-Programme, die stets up-to-date gehalten werden müssten. Am Ende müsse er trotzdem noch viel mit der Hand ausfüllen.
Wie Ministerin Schmidt ist auch Dr. med. Hans-Georg Faust (CDU) davon überzeugt, dass die Ärzte durch das GKV-WSG bürokratisch entlastet würden. Nach Meinung des Bundestagsabgeordneten entlastet die Verordnung von Generika den Arzt, da der Apotheker das Medikament auswähle: „Bei der Verordnung aut-idem-fähiger Arzneimittel hat der Apotheker immer das Arzneimittel an den Patienten weiterzugeben, für welches seine Kasse einen entsprechenden Rabattvertrag abgeschlossen hat.“ Dass die Ärzte deswegen noch lange nicht ihre Kugelschreiber und Aktenordner wegwerfen, ist Faust bewusst: „Natürlich ist mir auch klar, dass durch die Möglichkeit von Selektivverträgen oder die Neuregelung der morbiditätsbezogenenen Vergütung auch auf den einzelnen Leistungserbringer ein Mehr an Arbeit zukommen kann.“ Ähnlich sieht das sein Kollege im Bundestag, Dr. med. Harald Terpe (Bündnis 90/Die Grünen). Der geplante Gesundheitsfonds funktioniere nur, wenn man einen morbiditätsorientierten Risiko­struk­tur­aus­gleich schaffe. „Aber nur die Leistungserbringer können die Morbidität festlegen“, sagt er. Das könnte zur Folge haben, dass mehr Diagnosen verschlüsselt würden. „Man wird eine größere Anzahl von Behandlungsparametern erheben und dokumentieren müssen, um die Morbidität abzubilden“, sagt auch der Vizepräsident der Lan­des­ärz­te­kam­mer Sachsen, Dr. med. Stefan Windau.
Zugleich befürchtet Terpe enormen bürokratischen Mehraufwand, etwa durch die Überprüfung der
Patienten-Compliance. „Auch das werden Ärzte dokumentieren müssen“, ist der Politiker überzeugt. Wichtig sei dies etwa bei der Festlegung der Obergrenze der Selbstbeteiligung. Bei nicht therapiegerechtem Verhalten soll die Belastungsobergrenze für chronisch Kranke bei Zuzahlungen erhöht werden. Nur Ärzte könnten beurteilen, ob sich die Patienten an die Therapierichtlinien eines DMP halten. Er sieht mit der Reform mehr Bürokratie auf die Ärzte zukommen.
„Arzneimittellisten
wie in den USA“
„Wir wissen, dass wir ein Formularwesen brauchen, aber man muss es beschränken“, sagt Dr. med. Dieter Conrad, Vorsitzender des hessischen Hausärzteverbandes. Um dem notwendigen Augenmaß Nachdruck zu verleihen, hat er mit seinem Verband Anfang des Jahres Aufkleber drucken lassen, mit denen Krankenkassenformulare als „überflüssig“ oder „unsinnig“ gestempelt werden können. Die Nachfrage danach, ohnehin gut, könnte durch das GKV-WSG noch zunehmen. Conrad befürchtet aufgrund der ausgeweiteten Möglichkeiten für Rabatt- und Einzelverträge „Arzneimittellisten wie in den USA.“ Die Arzneien würden fortan kassenspezifisch verteilt. Die Ärzte müssten überprüfen, welche Arzneien sie wem verschreiben dürfen. Die Möglichkeit, per Aut-idem die Rabattverantwortung dem Apotheker zu übertragen, gebe es allenfalls eingeschränkt. „Nicht alle Generika haben den gleichen Zulassungsstatus“, sagt er. So könnten beispielsweise ACE-Hemmer eine Zulassung für die Bluthochdruckbehandlung, aber zugleich eine Kontraindikation bei koronaren Herzerkrankungen haben. Das könnte Patienten beim Lesen des Beipackzettels irreführen. Zugleich müssten Ärzte bei den Verschreibungen auch die Vorgaben des Arzneimittelversorgungs-Wirtschaftlichkeitsgesetzes berücksichtigen, sagt Windau. „Wir müssen darauf achten, dass die Preise nicht zu hoch sind und die Medikamente zu sehr in die Bonus-Malus-Regelung fallen.“ Vor allem müsse dabei auch noch die Dosis stimmen.
Ein „DMP Bürokratie“ als Gegenmaßnahme wünschen sich die Ärzte auch, um den Verwaltungswahn bei den Einzelverträgen in den Griff zu bekommen. So müssen Ärzte in Erfahrung bringen, ob der Patient für die hausarztzentrierte Versorgung oder in ein DMP eingeschrieben ist und welche Rabattverträge seine Kasse ausgehandelt hat. Derzeit kann niemand genau sagen, was passiert, wenn ein Patient nicht angibt, welche Versorgungsformen er gewählt hat. Ärztevertreter befürchten, dass dafür ein Kontrollsystem notwendig werden könnte. „Das wäre dann wohl Aufgabe der Arztpraxis“, meint Conrad.
Bei der Kassenärztlichen Bundesvereinigung hält man sich mit einer Beurteilung der Bürokratiebelastung durch das GKV-WSG noch zurück. Vor allem der Bereich der Einzelverträge berge jedoch ein großes Bürokratiepotenzial, sagt Sprecher Dr. Roland Stahl. Da aber niemand wisse, wie viele und welche Arten von Einzelverträgen es geben werde, lasse sich der zusätzliche Verwaltungsaufwand nicht abschätzen.
Timo Blöß

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