ArchivDeutsches Ärzteblatt22/2007Zugang zu lebensnotwendigen Arzneimitteln: Patente verhindern die Therapie

POLITIK

Zugang zu lebensnotwendigen Arzneimitteln: Patente verhindern die Therapie

Dtsch Arztebl 2007; 104(22): A-1552 / B-1377 / C-1317

Korzilius, Heike

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
100 000 HIV-Infizierte, darunter viele Kinder, erhalten derzeit in Thailand eine antiretrovirale Therapie. Foto: dpa
100 000 HIV-Infizierte, darunter viele Kinder, erhalten derzeit in Thailand eine antiretrovirale Therapie. Foto: dpa
Hilfsorganisationen zufolge sterben jährlich 13 Millionen Menschen an behandelbaren Krankheiten. Patente sorgten dafür, dass lebensnotwendige Medikamente unerschwinglich teuer seien oder gar nicht erst entwickelt würden, lautet die Kritik.

Abbott gegen Thailand – das Kräftemessen zwischen den ungleichen Gegnern sorgt zurzeit weltweit für massive Proteste von Hilfs- und Nichtregierungsorganisationen. Es geht wieder einmal um die Frage, ob der Schutz geistigen Eigentums Vorrang haben darf vor den Interessen der öffentlichen Gesundheit. Das US-amerikanische Pharmaunternehmen Abbott hat Ende April die beantragte Zulassung von sieben neuen Medikamenten für Thailand zurückgezogen und reagierte damit auf die Zwangslizenzen, die das Land nach gescheiterten Preisverhandlungen gegen das Unternehmen und weitere Pharmafirmen verhängt hatte. Zwangslizenzen erlauben es, preiswerte Nachahmerpräparate von noch patentgeschützten Medikamenten herzustellen oder zu importieren. Die Vereinbarungen zum Schutz geistigen Eigentums (Trade-Related Aspects of Intellectual Property Rights, TRIPS) der Welthandelsorganisation gestatten ein solches Vorgehen, wenn die öffentliche Gesundheit gefährdet ist. Damit soll es auch ärmeren Ländern ermöglicht werden, ihre Bevölkerung mit lebensnotwendigen Medikamenten zu versorgen.
Druck der Pharmaindustrie
Betroffen vom Zulassungsrückzug ist unter anderem eine neue hitzestabile Tablettenversion des Aidsmedikaments Kaletra. Zwar haben nach Angaben des Difäm – Deutsches Institut für Ärztliche Mission – in Tübingen weltweite Proteste von Aidsverbänden, ärztlichen Organisationen und Nichtregierungsorganisationen Abbott veranlasst, den Preis für Kaletra zu senken. Die Zusage geht den Hilfsorganisationen aber nicht weit genug, zumal die Firma den Druck auf die thailändische Regierung nicht zurückgenommen hat, die Zwangslizenz aufzuheben. Das Difäm appelliert deshalb zusammen mit zahlreichen anderen Organisationen an die Ärztinnen und Ärzte in Deutschland zu prüfen, ob sie Vertreter der Firma Abbott weiterhin empfangen und anstelle der Originalpräparate der Firma generische Alternativen verordnen wollen (www.difaem.de).
„Wir haben versucht zu verhandeln, obwohl wir das gar nicht müssen“, schilderte Dr. Suwit Wilbulpolpraset, Chefberater für Gesundheitsökonomie im thailändischen Ministerium für öffentliche Gesundheit, den Konflikt mit Abbott. „Wir sind gescheitert. Deshalb haben wir entschieden, uns die Patentrechte mit der Firma zu teilen, um die Armen zu retten.“ Suwit sprach beim Symposium „Patienten, Patente, Profite – Globale Gesundheit und geistiges Eigentum“, das die Hilfsorganisation medico international zusammen mit Brot für die Welt, der BUKO Pharma-Kampagne und Misereor am 10. Mai in Berlin veranstaltete. Nach Angaben des thailändischen Arztes erhielten derzeit 100 000 HIV-Infizierte eine antiretrovirale Therapie. Mehr als 10 000 benötigten die weitaus kostspieligeren Präparate der zweiten Generation, weil sich Resistenzen entwickelt hätten. „Nur 15 Prozent dieser Patienten erhalten eine solche Therapie“, sagte Suwit. Für patentierte Arzneimittel gebe es nur einen kleinen Markt der Reichen. Daneben existiere der große Markt der Armen. 78 Prozent der thailändischen Bevölkerung seien auf die öffentliche Gesundheitsfürsorge angewiesen. Der Druck auf das Ge­sund­heits­mi­nis­terium wegen der Zwangslizenzen sei enorm. „Aber ein solches Vorgehen ist möglich, wenn man genügend soziale und politische Unterstützung hat“, so Suwit.
„HIV/Aids verdeutlicht, dass die Interessen der öffentlichen Gesundheit und des Patentschutzes auf verheerende Weise aus der Balance geraten sind“, sagte Thomas Gebauer, Geschäftsführer von medico international. Patente verteuerten die Preise und setzten falsche Forschungsanreize. Die Veranstalter des Symposiums forderten deshalb gemeinsam mit den teilnehmenden Gesundheitsexperten, unter anderem aus den USA, Thailand, Kenia, Brasilien und Südafrika, in einer Berliner Erklärung einen Wandel in der globalen Medikamentenpolitik. Darin heißt es, dass viele Menschen sterben, „weil Pharmapatente als De-facto-Monopole dafür sorgen, dass selbst lebensnotwendige Medikamente unerschwinglich teuer sind oder gar nicht erst entwickelt werden.“ Systematisch würden die Gesundheitsbedürfnisse von Menschen, die über keine oder geringe Kaufkraft verfügten, vernachlässigt.
„Zwei Milliarden Menschen leiden beispielsweise weltweit an Tuberkulose, aber seit Jahrzehnten hat es keine neue Therapie mehr gegeben“, kritisierte medico-Geschäftsführer Gebauer. Angesichts des G-8-Gipfels in Heiligendamm forderte er, alle Pläne zur Verschärfung des weltweiten Patentrechts aufzugeben. „Noch ist die Welt zu heterogen für einheitliche Regelungen“, mahnte Gebauer. In ihrer Berliner Erklärung fordern die Organisationen stattdessen, die unterschiedlichen Entwicklungsniveaus zu berücksichtigen und die patentrechtlichen Flexibilitäten politisch umzusetzen, die im TRIPS-Abkommen festgelegt und mit der „Doha-Erklärung über geistige Eigentumsrechte und öffentliche Gesundheit“ 2001 nochmals bestätigt wurden. Thailand hat diesen Weg jetzt beschritten.
Die Organisationen fordern einen Politikwechsel, der darin besteht, die lokale Medikamentenproduktion in den Entwicklungsländern zu fördern. Brasilien hat mithilfe dieser Strategie große Erfolge in der Therapie von HIV-/Aidspatienten erzielt. Außerdem fordern die Hilfsorganisationen Patentpools zur einfacheren und kostengünstigeren Handhabung von Lizenzverträgen.
Aber auch in der Forschung verlangen die Organisationen neue Ansätze. „Die Prioritätensetzung darf nicht länger dem Markt überlassen werden“, sagte Gebauer. Es müsse eine zwischenstaatliche Einrichtung geschaffen werden, die beispielsweise bei der Welt­gesund­heits­organi­sation angesiedelt sein könne. Diese solle Forschungsprioritäten festlegen. Um eine Gesundheitsforschung im öffentlichen Interesse zu gewährleisten, soll nach dem Willen der Veranstalter „essenzielle Gesundheitsforschung“ öffentlich finanziert werden, um bedarfsgerecht die Entwicklung von Impfstoffen, Diagnostikverfahren und Arzneimitteln in Auftrag zu geben.
Heike Korzilius
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema