ArchivDeutsches Ärzteblatt22/2007Antwerpens Stadtteil Zurenborg: Bürgerkitsch und hohe Kunst

KULTUR

Antwerpens Stadtteil Zurenborg: Bürgerkitsch und hohe Kunst

Dtsch Arztebl 2007; 104(22): A-1602

Groß, Roland

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Je ausgefallener und fantastischer die Fassaden in Zurenborg prunkten, desto höher fiel der Miet- oder Kaufpreis aus. Foto: Roland Groß
Je ausgefallener und fantastischer die Fassaden in Zurenborg prunkten, desto höher fiel der Miet- oder Kaufpreis aus. Foto: Roland Groß
Das Viertel mit seinen Belle-Époque-Fassaden war solide katholisch geprägt. Ohne Sittenzeugnis des Pfarrers gab es keinen Mietvertrag.

Abseits von Rubens, Diamanten und quirliger Hafenatmosphäre ist Antwerpen immer für Entdeckungen gut. Denn wer würde hier ein architektonisches Disneyland der Belle Époque erwarten? Zwischen Kitsch und Kunst geraten die Augen ins Taumeln. Von der Miniaturausgabe des Aachener Kaiserdoms zur Palazzopracht Venedigs – Antwerpens südöstlicher Stadtteil Zurenborg macht es möglich.
Das aus heutiger Sicht höchst kuriose Viertel, das ab 1890 auf landwirtschaftlich „saurem Boden“ (Zurenborg) geplant und angelegt wurde, sollte ein solide katholisch geprägtes Wohnviertel für seriöse Bürger der oberen Mittelklasse werden. Den katholischen Bankiersfamilien des Senators Cogels und des Barons Osy gehörte das Land. Deren Immobilien- und Baugesellschaft – die Nachfolger sind heute noch tätig – sorgte für handverlesene Mieter und Käufer. Ohne ein Sittenzeugnis des Pfarrers für die Immobilien-Gesellschaft war damals an Wohnen in Zurenborg nicht zu denken.
Antwerpen hatte sich nach 1863 von den Schelde-Zollzwängen freigekauft, die die Niederlande bis dahin erhoben hatten. Neue, attraktive Wohnviertel sollten neue Bürger in die Hafenstadt locken. Je skurriler, ausgefallener und fantastischer die Fassaden in Zurenborg prunkten, desto höher fiel der Miet- oder Kaufpreis aus. Die Bepflanzung der Vorgärten und die Begrünung der vielleicht zehn kurzen Straßen um die zentrale Cogels-Osylei wurden hübsch ordentlich ausgerichtet.
Mythos, Märchen und Historie verschwimmen in Zurenborg. Eine der Legenden erzählt vom altflämischen Maler Quinten Matsys, der zunächst als Goldschmied tätig war und nicht das Mädchen seiner Wahl erobern durfte: Der Vater bestand auf einem Maler. So malte Quinten Matsys eine Fliege, die derart plastisch auf einem Bild des Schwiegervaters „saß“, dass der sie für echt hielt und verscheuchen wollte. Das Haus namens „Quinten Matsys“ (Cogels-Osylei 80) erinnert daran mit zahlreichen Fliegen im schmiedeeisernen Gittergeflecht der Balkone.
In der platzförmigen Ausbuchtung der Cogels-Osy-Lei steht man plötzlich vor einer bürgerlichen Ausgabe des Loire-Schlosses Chambord. Hier gingen um 1900 die hohen Offiziere ihren Karriereplänen nach. So kam auch nicht zufällig in diesem Viertel Generaal van Merlen, ein Haudegen im Freiheitskampf gegen die Niederländer, zu Straßennamen-Ehren. Nicht weit davon entfernt leuchtet das geflieste Haus der „Schlacht von Waterloo“: Die gestärkten Gardinen schaffen es kaum, das martialische Fliesengewirr der Bajonette zu befrieden. Dafür gleicht das Haus Waterloostraat 49 einem aufgeklappten Flügelaltar. Wo sich Waterloo- und Generaal Van Merlenstraat kreuzen, sorgen die vier Eckhäuser der Jahreszeiten für absolute Harmonie. Der Herbst, symbolisiert als brünetter Damenkopf mit üppigen Traubendolden, gehört zu den schönsten Art-nouveau-Mosaiken Belgiens.
Dem Haus der zwölf schwarzen Teufel in der Transvaalstraat versucht schräg gegenüber das Haus der zwölf Apostel Paroli zu bieten. Griechische Tempelanlagen konkurrieren mit Toskana-Villen à la Berchem: Der Bahnhof liegt in unmittelbarer Nähe und macht die Zurenborger Belle Époque schnell erreichbar. Minerva, eine porös gewordene Kriegsgöttin, scheint allmählich vom Dach des Bahnhofs zu kippen. Merkur, Gott des Handels, hat sich bereits vor Jahren verabschiedet – obwohl sich seit Beginn der öffentlich subventionierten Sanierung von Zurenborgs Belle Époque im Jahr 1985 die Preise vervierfacht haben.
Roland Groß


Informationen

Tourismus Antwerpen
Grote Markt 15, B-2000 Antwerpen, Telefon: 00 32/32 32 01 03,
Fax: 00 32/32 31 19 37,
E-Mail: toerisme@stad.antwerpen.be; Internet: www.visitantwerpen.be
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