ArchivDeutsches Ärzteblatt23/2007Irak – Selbst die Krankenhäuser sind nicht mehr sicher

POLITIK: Kommentar

Irak – Selbst die Krankenhäuser sind nicht mehr sicher

Dtsch Arztebl 2007; 104(23): A-1634 / B-1444 / C-1384

Claußen, Angelika

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Vier Jahre nach Beginn des Krieges ist die Zivilgesellschaft im Irak zerstört. Die Gewalt hat auch Einzug in die Krankenhäuser gehalten und viele Ärzte, die um Leib und Leben fürchteten, ins Ausland flüchten lassen.

In Krisengebieten sind Krankenhäuser oft die einzigen sicheren Orte. Auch im Irak flüchteten sich die Menschen in die Krankenhäuser. Das ist jetzt vorbei. Der Iraker Abu Nasr, dessen Cousin im Krankenhaus aus dem Bett gerissen und erschossen wurde, sagte gegenüber der Washington Post: „Es ist besser zu sterben, anstatt ins Krankenhaus zu gehen. Ich gehe nie wieder in ein Krankenhaus. Niemals. Die Krankenhäuser sind zu ,Killing Fields‘ (Todeszonen) geworden.“ Eine Sprecherin des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz bestätigt dies: „Bewaffnete Männer stürmen die Krankenhäuser und zwingen die Ärzte dazu, bestimmte Patienten vor allen anderen zu behandeln. Es ist sogar schon vorgekommen, dass Patienten darauf bestehen, während der Behandlung ihre Waffen und Masken zu behalten. Eine schockierende Situation für die behandelnden Ärzte.“ So ist es kein Wunder, dass mehr als die Hälfte der 34 000 Ärzte, die vor Beginn des Krieges im Jahr 2003 registriert waren, bis Oktober vergangenen Jahres den Irak verlassen haben. 2 000 Ärzte wurden ermordet.
Die Folgen des Ärztemangels für die irakische Bevölkerung sind katastrophal: 650 000 Zivilisten sind nach einer Studie im Lancet von Oktober 2006 (Lancet 2006; 368: 1421–8) infolge des Krieges gestorben, die meisten durch Waffen- oder Bombengewalt. Mit einer funktionierenden medizinischen Infrastruktur hätte die Hälfte von ihnen gerettet werden können, schätzen Experten. Auch die Pläne der USA und ihrer Verbündeten, im Irak 180 Kliniken zu errichten, haben an der Notlage nichts geändert: Bisher wurden nur vier Kliniken fertiggestellt, aber noch keine eröffnet.
Ärzte, die im Irak geblieben seien, hätten kaum Erfahrung in Notfallmedizin, berichtet Dr. Bassim Al-Sheibani vom irakischen Diwaniyah College. Von den 13 Krankenhäusern in Bagdad ist zurzeit nur eines mit Untersuchungsgeräten wie Ultraschall und Tomografen ausgestattet, die Ärzte benötigen, um die typischen Verletzungen nach Bombenexplosionen zu behandeln. Wer kann, macht es wie die meisten Ärzte und geht weg. Mehr als 40 000 Iraker fliehen jeden Monat nach Syrien. Bis jetzt haben rund 1,8 Millionen Menschen das Land verlassen. Auch andere Indikatoren zeigen, dass der Wiederaufbau nicht stattfindet: Zum Beispiel haben 68 Prozent der Iraker keinen Zugang zu sauberem Wasser.
Schlimmer noch sind die psychologischen Folgen des andauernden Bürgerkriegs. Eine Umfrage der Vereinigung der irakischen Psychologen bei 2 000 Menschen aus 18 Provinzen ergab, dass 92 Prozent der Befragten befürchteten, bei einem bewaffneten Anschlag ums Leben zu kommen. „Die Eltern schicken ihre Kinder mittlerweile nicht mehr in die Schule und nicht einmal vor die Haustür zum Spielen“, berichtete der Vizepräsident der Vereinigung irakischer Psychologen, Al-Sahad, der Nachrichtenagentur Irin. „Ich habe meinen Mann, meinen Sohn und meinen Schwiegersohn vor einem Jahr bei einer Bombenexplosion verloren. Sie waren auf der Suche nach Arbeit“, erzählt die 48-jährige Umm Youssef. „Jetzt erlaube ich meinen Töchtern nicht einmal, Brot einkaufen zu gehen. Ich gehe immer selbst. Ich will nicht auch noch meine beiden Töchter verlieren.“
Ein Dach über dem Kopf, Zugang zu Lebensmitteln, Schule und Gesundheitseinrichtungen – solche elementaren sozialen Rechte zu gewährleisten, ist nur möglich, wenn eine funktionierende Volkswirtschaft etabliert ist. In einem Land, das über die drittgrößten Ölvorräte der Welt verfügt, sollte es vergleichsweise leicht sein, wieder eine zivilgesellschaftliche Infrastruktur aufzubauen. Voraussetzung dafür ist jedoch, dass das irakische Volk Souveränität über das Öl besitzt. Doch schon jetzt herrscht Korruption und Chaos im irakischen Ölministerium, das von den Schiiten kontrolliert wird. Auch der Ölschmuggel grassiert an den Grenzen des Irak. Beteiligt sein sollen Politiker aus Regierungsparteien sowie aufständische Gruppierungen. Der Entwurf für ein Ölgesetz, das die Verteilung der Erdöleinnahmen regeln soll, wurde von einer kleinen Gruppe irakischer Politiker ein Jahr lang im Geheimen erarbeitet. Beteiligt waren die US-Consulting-Firma BearingPoint, das Botschaftspersonal der USA und Großbritanniens sowie der US-Energieminister Samuel Bodman. Dass diese das Wohl des irakischen Volkes und den Aufbau einer funktionierenden irakischen Wirtschaft als ihr Interesse ansehen, ist unwahrscheinlich, denn die Gewinnmargen ausländischer Ölfirmen bleiben unbegrenzt.

Angelika Claußen, Internationale Ärzte zur Verhütung des Atomkriegs
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