ArchivDeutsches Ärzteblatt23/2007USA und Europa: Gemeinsame Standards für die Gesundheitsmärkte

POLITIK

USA und Europa: Gemeinsame Standards für die Gesundheitsmärkte

Dtsch Arztebl 2007; 104(23): A-1636 / B-1445 / C-1385

Zylka-Menhorn, Vera

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LNSLNS TransAtlantic Business Dialogue: Internationale Firmenchefs und Politiker fordern die Straffung von Genehmigungsprozessen und eine Angleichung der Märkte.

Wie sich die Zeiten ändern: Wurden einst im DDR-Staatsratgebäude am Berliner Schlossplatz Strategien gegen den kapitalistischen Westen entwickelt, diskutierten dort kürzlich Vertreter jener Wirtschaftsform, um für den Gesundheitsmarkt ein Bollwerk gegen die mächtigen Angreifer aus Ostasien zu schmieden. In dem geschichtsträchtigen Gebäude, in dem heute die European School of Management and Technology (ESMT) residiert, trafen sich Vorstandsvorsitzende der Medizinbranche, politische Entscheidungsträger und wissenschaftliche Sachverständige aus Europa und den USA zum TransAtlantic Business Dialogue* (TABD). Ihr Ziel: Die Formulierung gemeinsamer Strategien zur Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit ihrer Gesundheitsmärkte.
Existenziell bedrohlich
„Die asiatischen Health-Care-Märkte wachsen künftig drei- bis viermal so schnell wie die Märkte in Europa und den USA“, warnte Pedro Lichtinger, Senior Vice President des Pharmakonzerns Pfizer in Europa. Als existenziell bedrohlich erachtet es Newt Gingrich, ehemaliger Sprecher des US-Repräsentantenhauses und Gründer des Centre of Health Transformation in Washington, „dass die Hälfte der Innovationen bis 2030 von außerhalb der westlichen Welt kommt – und das bei exponentiellem Zuwachs der wissenschaftlichen Erkenntnisse“. In den nächsten 25 Jahren würde viermal so viel Wissen generiert wie in der Zeitspanne von 1880 bis 2006, so Gingrich.
Der wirtschaftliche Druck aus Asien lässt Europa und Amerika enger zusammenrücken, wobei die Herausforderungen auf beiden Seiten des Atlantiks ähnlich sind: Die USA und Europa klagen über ineffiziente Versorgungsstrukturen, Qualitätsmängel und fehlendes Kostenbewusstsein. Schon heute verschlingen die öffentlichen Gesundheitskosten in den USA rund 16 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, in Europa im Schnitt rund zehn Prozent. Einem Bericht von Pricewaterhouse Coopers (HealthCast 2020: Creating a Sustainable Future) zufolge, werden sich diese Ausgaben bis 2020 sogar verdreifachen.
„Durch die alternden Bevölkerungen und steigende Nachfrage nach einer qualitativ besseren Versorgung, treten Ineffizienzen im Gesundheitswesen immer deutlicher in Erscheinung“, sagte Dr. Klaus Kleinfeld, Vorstandsvorsitzender der Siemens AG. Als Mitvorsitzender der TABD-Arbeitsgruppe Innovation forderte er gemeinsame Standards bei der Zulassung auf den jeweiligen Gesundheitsmärkten, die Straffung von Genehmigungsprozessen, den Schutz geistigen Eigentums und einen besseren Zugang zu Investitionskapital: „Dann führen Health-Care-Innovationen auch zu Wirtschaftswachstum.“
Für Joseph M. Hogan, Vorstandsvorsitzender des Medizintechnikherstellers General Electric, ist weder der US-amerikanische noch der europäische Gesundheitsmarkt perfekt, „aber man kann sich gegenseitig viel abschauen“. Die Koordination der Wirtschaftsräume aber werde nicht einfach. „So komplexe Systeme wie die innerhalb Europas zusammenzuführen, geht nicht über Nacht“, warnte John Farnell, Direktor bei der EU-Kommission. Das Ziel aber sei klar. „Wir brauchen dringend eine starke Pharma- und Medizintechnikindustrie in Europa, um die Kosten unserer Systeme in den Griff zu bekommen“, sagte EU-Vizepräsident Günter Verheugen.
Globale Wertschöpfungskette
Um dem Angriff aus Asien erfolgreich zu begegnen, forderten die internationalen Firmenchefs die Europäische Union und die US-Regierung auf, die Marktregulierung anzugleichen. „Wir haben eine globale Wertschöpfungskette, daher ist auch eine Harmonisierung notwendig“, sagte Richard Clark, Vorstandsvorsitzender des US-Pharmariesens Merck & Co. „Die Fortschritte in der Medizintechnik und Patientenversorgung dienen als Wegbereiter für Versorgungsangebote, bei denen Vorbeugen statt
Heilen im Vordergrund steht. Im Zuge dieser Schwerpunktverlagerung wollen wir Regierungen dazu ermuntern, Ausgaben im Gesundheitswesen als förderungswürdige Investition in die Zukunft zu begreifen, statt als Kosten, die es zu steuern gilt.“
Auch die medizinische Forschung profitiere von einer engeren transatlantischen Zusammenarbeit, sagte Bun­des­for­schungs­minis­terin Dr. Annette Schavan. So sei die Erforschung epidemiologisch relevanter Erkankungen wie Alzheimer, Diabetes oder Krebs weder von einzelnen Konzernen noch von einzelnen Ländern zu leisten. „Das kann nur im Bündnis gelingen.“
Dr. med. Vera Zylka-Menhorn


*Der TransAtlantic Business Dialogue vereint Spitzenmanager von mehr als 30 global agierenden europäischen und US-amerikanischen Unternehmen, um engere wirtschaftliche Beziehungen zwischen den USA und der Europäischen Union zu fördern.
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