ArchivDeutsches Ärzteblatt23/2007Rauchfreie Krankenhäuser: Mehr als nur Verbotszonen

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Rauchfreie Krankenhäuser: Mehr als nur Verbotszonen

Dtsch Arztebl 2007; 104(23): A-1644 / B-1450 / C-1390

Rustler, Christa; Batra, Anil

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Foto: ddp
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Das Deutsche Netz Rauchfreier Krankenhäuser sorgt nicht nur für eine rauchfreie Arbeitsstätte. Raucher – Patienten und Krankenhauspersonal – sollen aktiv bei der Tabakentwöhnung unterstützt werden.

Die Forderungen nach einem wirksamen Gesundheitsschutz vor Tabakrauch werden seit Monaten intensiv in der Öffentlichkeit und der Fachwelt diskutiert. Schließlich hat der Bundestag am 25. Mai ein Rauchverbot in Bundesbehörden und öffentlichen Verkehrsmitteln beschlossen. Auch der Jugendschutz wurde verschärft: Zigaretten dürfen künftig erst an über 18-Jährige abgegeben werden. Beschäftigte in der Gastronomie sind allerdings nach wie vor dem Passivrauch ausgesetzt. Einstimmig befanden der „Nichtrauchergipfel“ der Ge­sund­heits­minis­ter­kon­fe­renz im Februar und die Sitzung der Ministerpräsidenten im März, dass Gesundheitseinrichtungen sowie Schulen und öffentliche Gebäude rauchfrei werden sollen.
Bei der Reduzierung des Tabakkonsums spielen Krankenhäuser und Rehakliniken eine zentrale Rolle. In den 2 170 deutschen Krankenhäusern werden jährlich etwa 16,8 Millionen Behandlungen durchgeführt. Weitere rund 1 300 Rehakliniken und Vorsorgeeinrichtungen versorgen jährlich zusätzliche 1,9 Millionen Patienten. Mit insgesamt 1,19 Millionen Beschäftigten ist die Zielgruppe für den Gesundheitsschutz vor Tabakrauch sowie als professionelle Multiplikatoren für die Tabakprävention und -entwöhnung relevant. Nicht zuletzt ist die Rolle der Kliniken als Lehr- und Ausbildungsstätten für Ärzte und Pflegepersonal und viele Berufe im Gesundheitswesen für die Verbreitung von Gesund­heits­förder­ungskonzepten nicht zu unterschätzen.
Seit 2005 besteht in Deutschland, wie in 19 weiteren europäischen Staaten, eine nationale Organisation des European Network for Smoke-free Hospitals (ENSH). Das Bundesministerium für Gesundheit (BMG), unter der Schirmherrschaft der Drogenbeauftragten der Bundesregierung, Sabine Bätzing, unterstützt in einem dreijährigen Modellprojekt den Aufbau eines Netzes rauchfreier Krankenhäuser in Deutschland.
Raucher bei der Entwöhnung unterstützen
Die Zielsetzung des Deutschen Netzes Rauchfreier Krankenhäuser (DNRfK) basiert auf dem Kodex und den Standards des ENSH (siehe Kasten). Krankenhausträger sind danach nicht nur verpflichtet, für eine rauchfreie Arbeitsstätte zu sorgen. Aufgabe der Krankenhäuser ist es auch, Raucher bei der Tabakentwöhnung aktiv zu unterstützen. Dies gilt für Patienten wie auch für das Krankenhauspersonal. Als Erfolgsfaktoren für die Entwicklung eines rauchfreien Krankenhauses haben sich im Modellprojekt zum Aufbau des DNRfK als wesentlich herausgestellt:
- das Engagement der Krankenhausleitung: Die Umsetzung der Standards muss verlässlich in den Zielen und offiziellen Dokumenten der Organisation verankert sein. Vor allem müssen sich die Mitarbeiter auf die Unterstützung der Führung verlassen können, wenn die Maßnahmen auf Widerstände treffen.
- die Entwicklung einer Umsetzungsstrategie mit allen Beteiligten: Verbote alleine reichen nicht aus. Kommuniziert und entwickelt werden sollten Gesundheitsschutz vor Tabakrauch und Gesund­heits­förder­ungsprogramme für alle, nicht „nur“ Nichtraucherschutzregelungen.
- die Qualifizierung der Mitarbeiter: Mitarbeiter müssen theoretisch und praktisch darauf vorbereitet werden, Raucher anzusprechen und zum Rauchstopp zu beraten.
- Tabakentwöhnungsangebote für Mitarbeiter und Patienten: Etwa 45 bis 55 Prozent der Raucher möchten mit dem Rauchen aufhören (1), und viele legen im Krankenhaus freiwillig einen Rauchstopp ein. Dauerhaft rauchfrei zu werden, gelingt stark abhängigen Rauchern häufig nicht ohne Unterstützung. Mehr als 60 Prozent der Raucher erwarten während eines Klinikaufenthalts Beratung und Entwöhnungsangebote (2).
- Rauchfreiheit und die Einschränkung der Anreize zum Rauchen: Die Glaubwürdigkeit einer Beratung und Behandlung der Tabakabhängigkeit in der Klinik ist mit einem gleichzeitigen Zigarettenverkauf, Rauchgelegenheiten und einer Passivrauchbelastung nicht zu vereinbaren. Abhängige Raucher erfahren häufig keine Hilfe bei der Überwindung des Rauchverlangens.
Psychiatrische Kliniken als besondere Herausforderung
Psychiatrische Einrichtungen waren zum Beispiel auch in Irland aufgrund fehlender Erfahrungen von den umfassenden gesetzlichen Regelungen ausgenommen. Lediglich psychiatrische Abteilungen in Akutkliniken hatten die Rauchfreiheit einzuhalten. Die Erfahrungen zeigten, dass es selbst in psychiatrischen Einrichtungen gelingen kann, die Rauchfreiheit und den Gesundheitsschutz vor dem Passivrauchen zu gewährleisten. Lediglich in definierten Ausnahmesituationen, beispielsweise für Patienten im akuten Krankheitszustand, die das Gebäude nicht verlassen können, kann eine individuelle und zeitlich begrenzte Raucherlaubnis von Verantwortlichen ausgesprochen werden.
Das Deutsche Netzwerk Rauchfreier Krankenhäuser gibt Orientierunghilfen in der Entwicklung zum rauchfreien Krankenhaus. Die Umsetzung der Anforderungen wird durch einen Fragebogen zur Selbsteinschätzung unterstützt. Die Ergebnisse ermöglichen eine Stärken-Schwächen-Analyse des Entwicklungsprozesses im Krankenhaus. Über die jährlichen Wiederholungen der Selbsteinschätzung werden Entwicklungen auch im zeitlichen Verlauf sichtbar und ein Vergleich der Entwicklung auf regionaler, nationaler und internationaler Ebene möglich.
Als Anreiz können Krankenhäuser je nach Umsetzungsgrad europäische Zertifikate in Bronze, Silber und Gold erwerben. Voraussetzung für die Zertifizierung ist die Mitgliedschaft im Deutschen Netz Rauchfreier Krankenhäuser und die regelmäßige Teilnahme an den Selbsteinschätzungen. Die Klinik führt damit auch das Logo des DNRfK.
Bronze-Zertifikat: Rauchfrei-Grundsätze sind für das Krankenhaus formuliert, eine Arbeitsgruppe ist mit der Umsetzung beauftragt. Mitarbeiter, Patienten, Angehörige und das Krankenhausumfeld sind über die Grundsätze zum rauchfreien Krankenhaus informiert. Ein Maßnahmenplan für die weitere Entwicklung in den nächsten zwölf Monaten liegt vor.
Silber-Zertifikat: Der gesamte Zehnpunktestandard muss zu mindestens 75 Prozent erfüllt sein. Das Gebäude ist rauchfrei, und allen Rauchern wird Motivation und Beratung zum Rauchstopp angeboten. Ein Maßnahmenplan für die weitere Entwicklung wird vorgelegt.
Gold-Zertifikat: Weder im Krankenhaus noch auf dem Krankenhausgelände wird geraucht. Die Klinik bietet umfassende Angebote zur Motivation, Beratung und Tabakentwöhnung. Die vollständige Umsetzung der Standards muss über mindestens zwei Jahre nachgewiesen werden.
Das Deutsche Netz Rauchfreier Krankenhäuser umfasst aktuell 120 Mitglieder, die die genannten europäischen Standards umsetzen und damit positive Erfahrungen machen. Im Namen des European Network for Smoke-free-Hospitals wurde das Deutsche Netz von EU-Gesundheitskommissar Markos Kyprianou im September 2006 für seine nachhaltige Entwicklung und das erfolgreiche Wachstum in sehr kurzem Zeitraum ausgezeichnet.
Christa Rustler
Deutsches Netz Rauchfreier Krankenhäuser
Prof. Dr. Anil Batra
Wissenschaftlicher Aktionskreis
Tabakentwöhnung (WAT) e.V.



Europaweit rauchfrei

Die Zielvorgaben des European Network
for Smoke-free Hospitals (ENSH):
 1. Alle Entscheidungsträger sind in die Aktivitäten zum rauchfreien Krankenhaus einbezogen und wirken mit. Krankenhauspersonal und Patienten sind informiert.
 2. Eine Arbeitsgruppe ist eingerichtet. Ein Strategie- und Maßnahmenplan ist entwickelt.
 3. Ein Schulungsprogramm ist eingerichtet und das Personal im richtigen Umgang mit Rauchern geschult.
 4. Tabakentwöhnungsmaßnahmen für Patienten und Personal werden angeboten. Unterstützung bei der Tabakentwöhnung wird Patienten auch nach der Entlassung gewährleistet.
 5. Das Krankenhaus mit dem zugehörigen Areal ist rauchfrei. Noch vorhandene Raucherbereiche sind klar abgegrenzt.
 6. Es gibt keine Anreize zum Rauchen (keine Werbung, keine Aschenbecher, keinen Tabakwarenverkauf), und das Krankenhaus lehnt jede Form von Unterstützung durch die Tabakindustrie ab.
 7. Die Gesundheit aller im Krankenhaus Tätigen wird geschützt und gefördert.
 8. Das Krankenhaus unterstützt Aktivitäten zur Tabakkontrolle in der Region.
 9. Informationen zur Unterstützung der Verbindlichkeit der Rauchfrei-Politik werden weiterentwickelt. Der weitere Verlauf und die Qualitätssicherung sind gewährleistet.
10. Langfristige Umsetzung: Zuerst überzeugen, wenn nötig, Verbote analog interner oder gesetzlicher Regelungen durchsetzen. Geduld haben.
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1.
Augustin R et al. (2005): Tabakkonsum, Abhängigkeit und Änderungsbereitschaft. In: Sucht 51 (Sonderheft 1); 40–8.
2.
Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (Hrsg.): Manual für die Projektleitung „Rauchfreies Krankenhaus“. Köln: BZgA 2004.
1. Augustin R et al. (2005): Tabakkonsum, Abhängigkeit und Änderungsbereitschaft. In: Sucht 51 (Sonderheft 1); 40–8.
2. Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (Hrsg.): Manual für die Projektleitung „Rauchfreies Krankenhaus“. Köln: BZgA 2004.

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