ArchivDeutsches Ärzteblatt23/2007Taiwan: „Wir haben uns wie Waisen gefühlt“

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Taiwan: „Wir haben uns wie Waisen gefühlt“

Dtsch Arztebl 2007; 104(23): A-1646 / B-1452 / C-1392

Gieseke, Sunna

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Ansteckung vermeiden: Im Fall einer erneuten Epidemie ist für das Pflegepersonal im Taipeh-City-Hospital Schutzkleidung vorgesehen. Fotos: Pamela Messi
Ansteckung vermeiden: Im Fall einer erneuten Epidemie ist für das Pflegepersonal im Taipeh-City-Hospital Schutzkleidung vorgesehen. Fotos: Pamela Messi
Aus Angst vor neuen Epidemien hat Taiwan viele Vorkehrungen getroffen, um auf einen Ernstfall besser vorbereitet zu sein. Das Land will nicht noch einmal wie 2003 von SARS überrascht werden.

W ärmebildmessgeräte kontrollieren die Körpertemperatur der ankommenden Passagiere in der taiwanesischen Hauptstadt Taipeh. Die SARS-Epidemie im Jahr 2003 hat ihre Spuren hinterlassen. Etwa 800 Menschen hätten sich damals in Taiwan mit SARS (Severe Acute Respiratory Syndrome) infiziert, 70 bis 80 seien an der Atemwegsinfektionskrankheit gestorben, sagt Dr. Yen-Tao Hsu, Direktor des Taipeh-City-Hospitals – Heping Branch. Genaue Zahlen zu nennen, sei allerdings schwierig, da die Körper der Toten innerhalb von 24 Stunden verbrannt werden mussten. Das Taipeh-City-Hospital wurde am 24. April 2003 geschlossen. 1 300 Menschen, Angestellte und Patienten, wurden damals für einige Wochen unter Quarantäne gestellt. Vor der Wiederaufnahme des Betriebs musste alles desinfiziert werden: Räume, Abwasserleitungen und das Lüftungssystem.
Danach wurde ein spezieller Sektor in dem Krankenhaus eingerichtet, in dem im Fall einer Epidemie 119 Patienten in Isolationsräumen versorgt werden könnten. Davon sind 14 Betten für eine Intensivpflege vorgesehen. In diesen Räumen herrscht Unterdruck, damit die Luft nicht frei zirkulieren kann. Zwei Fahrstühle dienen ausschließlich der Beförderung von infektiösen Patienten. Auf den Fluren stehen längliche, durchsichtige Zelte, in denen Menschen untergebracht werden können. Für den Transport der SARS-Patienten sind diese unerlässlich, da der Atem der hochinfektiösen Patienten hierdurch nicht nach außen gelangen kann. Um den Kontakt der Patienten zur Außenwelt möglichst zu vermeiden, wurden Monitore installiert, die eine gesundheitliche Überwachung außerhalb der Isolationsräume ermöglichen. Die Kommunikation läuft über das Internet. Zur Schutzkleidung von Ärzten und Krankenschwestern gehören neben Mundschutz, Kitteln und Haube eine Plastikmaske und zwei Paar Handschuhe. Zudem ist genau festgelegt, wie diese nach jeder Behandlung ausgezogen und entsorgt werden. Bisher hat das Krankenhaus die Räume nicht gebraucht. Um auf den Ernstfall vorbereitet zu sein, fänden ein- bis zweimal im Jahr Übungen statt, so Dr. Hsu.
Sicherer Transport: Für SARS-Patienten sind im Taipeh-City- Hospital diese Zelte vorgesehen.
Sicherer Transport: Für SARS-Patienten sind im Taipeh-City- Hospital diese Zelte vorgesehen.
Letzter Fall vor fünf Jahren
Taiwan ist es gelungen, SARS einzudämmen. „Ich kann nicht sagen, unsere Vorbereitungen seien perfekt und alles sei sicher. Aber jedenfalls haben wir derzeit keinen Fall von SARS oder Vogelgrippe“, sagt Dr. Ming-Liang Lee, Forscher am Nationalen Gesundheitsforschungsinstitut (NHRI) in Taipeh. Man möchte nicht mehr so unvorbereitet von einer gesundheitlichen Krise getroffen werden wie vor fünf Jahren. „Wie Waisen“ hätten die Taiwaner sich damals in der Welt gefühlt. Internationale Hilfe durch die WHO sei damals erst nach mehrmaligen Nachfragen geleistet worden. Dabei sei es für die Menschen eine große psychologische Hilfe gewesen, zu wissen, man sei nicht allein mit dem Problem.
WHO-Mitgliedschaft abgelehnt
1972 musste Taiwan sich aus der Welt­gesund­heits­organi­sation (WHO) zurückziehen und ist seither kein eigenständiges Mitglied mehr. Nun hatte sich das Land erneut um einen Sitz in der WHO beworben. Die Argumente hierfür lauteten: Krankheiten kennen keine Grenzen, Gesundheitsversorgung ist ein Menschenrecht, Taiwan kann dem Rest der Welt mit seinem Know-how helfen. Die Aussicht auf Erfolg dieser Bewerbung schien von Anfang an recht unwahrscheinlich. Die Volksrepublik China verfolgt die sogenannte Ein-China-Politik. Hierzu werden das Festland und Taiwan gezählt. Ein unabhängiger Sitz Taiwans in den internationalen Organisationen ist nicht Teil dieser Politik. Auf Druck Chinas ist Taiwan zudem international kaum de jure als eigentständiger Staat anerkannt. Mitte Mai teilte die taiwanesische Regierung mit, dass die Bewerbung für Taiwans Mitgliedschaft in der WHO nicht auf die Tagesordnung der 60. World Health Assembly gesetzt wurde. Bereits im April habe das WHO-Sekretariat unter der Führung der Generalsekretärin Margret Chang eine Beratung über eine Mitgliedschaft des Landes abgelehnt.
Akupunktur gegen Schmerzen: Die traditionelle chinesische Medizin spielt in Taiwan immer noch eine große Rolle.
Akupunktur gegen Schmerzen: Die traditionelle chinesische Medizin spielt in Taiwan immer noch eine große Rolle.
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Taiwan verfügt über ein gut funktionierendes Gesundheitssystem. 80 Prozent der Patienten seien glücklich, die Ärzte seien es nicht, beschreibt Peter Chang, Abgeordneter der Regierungsorganisation Taiwan International Health Action, das Gesundheitssystem in Taiwan. Zu viel Arbeit und zu wenig Einkommen, das kenne man auch aus Deutschland. Seit 1995 gibt es eine nationale Krankenkasse, die National Health Insurance, in der 96 Prozent der Taiwaner versichert seien. Auf einen Arzt kommen circa 660 Patienten. Jeder Patient erhält eine sogenannte IC Card, die der deutschen Krankenkassenkarte sehr ähnlich ist. Seit 2002 werden einige Basisdaten hierauf gespeichert. Vertrauliche Informationen wie zum Beispiel eine HIV-Infektion werden nicht vermerkt.
Der westlichen Medizin steht in Taiwan immer noch die traditionelle chinesische Medizin gegenüber. Etwa bis zu 15 Prozent der Bevölkerung nutzten diese Form der Behandlung, so Dr. Yuh-Hsinag Yeh, Chefarzt der traumatologischen Abteilung des Hospital of Traditional Chinese Medicine in Taipeh. Das Krankenhaus bietet – trotz großer Bettenzahl – ausschließlich ambulante Behandlungen an. Neben dermatologischen und gynäkologischen Beschwerden versorgen die dort beschäftigen Ärzte auch Erkrankungen aus der Inneren und traumatologischen Medizin. Akupunktur und Pflaster mit verschiedenen Kräutern sollen helfen, die Beschwerden zu lindern. Zur Herstellung der zahlreichen Kräutermischungen gibt es im ersten Stock ein Labor, in dem unter anderem zu Themen wie Asthma und Kosmetologie geforscht wird.
Die meisten der 13 dort beschäftigten Ärzte haben zunächst Allgemeinmedizin studiert und sich dann zusätzlich ausbilden lassen. Das Krankenhaus bietet Seminare an, die eine solche Fortbildung ermöglichen.
Häufig sei die traditionelle chinesche Medizin als eine zusätzliche Behandlung zu verstehen und ersetze nicht die westliche Medizin. Dr. Yeh berichtet von einer 30-jährigen Frau, die sich das Schienbein gebrochen hatte. Für die Behandlung wählte sie eine Kombination aus westlicher und traditioneller chinesischer Medizin. Auch mit Krebspatienten hat Yeh gute Erfahrung gesammelt. Ihnen könne man besonders bei Schwächegefühlen gut helfen, denn für viele solcher Fragen habe die westliche Medizin keine Lösungen. Hier könne die traditionelle chinesische Medizin gute Hilfe leisten. „Es gibt eben nicht nur ein gültiges System der Medizin“, so Dr. Yeh.
Sunna Gieseke

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