ArchivDeutsches Ärzteblatt23/2007Projekt Gesundheitskarte: Wegbereiter für neue Dienste

TECHNIK

Projekt Gesundheitskarte: Wegbereiter für neue Dienste

Dtsch Arztebl 2007; 104(23): A-1677 / B-1482 / C-1422

Krüger-Brand, Heike E.

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Foto: Fotolia/Galinowicz
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Belastbare Zahlen zur Einschätzung von Kosten und Nutzen für den Aufbau der Tele­ma­tik­infra­struk­tur gibt es bislang nicht.

Die Frage von Kosten und Nutzen begleitete das Projekt zur Einführung der elektronischen Gesundheitskarte (eGK) von Anfang an. Auch die von der Betriebsgesellschaft gematik, Berlin, in Auftrag gegebene Kosten-Nutzen-Analyse der Unternehmensberatung Booz, Allen, Hamilton, die im Herbst 2006 fertiggestellt wurde, hat hier keine Klärung gebracht, sondern die Diskussion weiter angefacht. Wie sich das Verhältnis zwischen Kosten und Nutzen für den Aufbau einer Tele­ma­tik­infra­struk­tur gestaltet, war auch Thema des Workshops „Die elektronische Gesundheitskarte – was sie kostet und wem sie nutzt“ in Berlin.* Einig sind sich die meisten Experten darin, dass sich der größte Nutzen aus den freiwilligen medizinischen Anwendungen, wie Arzneimitteldokumentation, elektronischer Patientenakte und elektronischem Arztbrief, ergeben wird und nicht aus der Verwaltungsvereinfachung, etwa durch den Versichertenstammdatendienst.
Generell scheint Zurückhaltung bei der Annahme von Kosteneinsparungen im Zusammenhang mit der eGK angebracht. So erwartet das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium (BMG) unter anderem Einsparungen durch die Erhöhung der Arznei­mittel­therapie­sicherheit und die Vermeidung von Doppeluntersuchungen. Mit Blick auf aktuelle Studien aus Großbritannien und Deutschland kommt Prof. Dr. med. Bertram Häussler, Direktor des Instituts für Gesundheits- und Sozialforschung (IGES), zu dem Ergebnis, dass die Vermeidbarkeit von Arzneimittelnebenwirkungen durch die eGK massiv überschätzt werde. Auch das Einsparpotenzial durch die Vermeidung von Doppeluntersuchungen sieht Häussler äußerst kritisch, weil beispielsweise teure Röntgen- oder CT-Aufnahmen nur in den seltensten Fällen mehrfach angertigt werden. Statt der vom BMG erwarteten 3,5 Milliarden Euro Einsparungen rechnet er mit maximal 320 Millionen Euro und minimal 64 Millionen Euro an möglichen Einsparungen. Im Hinblick auf die Kosten-Nutzen-Gesamtbetrachtung werden die Ärzte nach Häussler wenig, die gesetzliche Kran­ken­ver­siche­rung relativ viel von der Einführung der Karte profitieren, wohingegen die höchste Ausgabenlast bei den Ärzten anfällt und diese daher bei der „Nutzen-Netto-Bilanz“ am schlechtesten abschneiden. Ein akzeptables Modell der Finanzierung sei daher dringend erforderlich, mahnte Häussler.
Überraschungen möglich
Prof. Dr. Kay Mitusch, Technische Universität Berlin, stellte Bezüge zwischen dem eGK-Projekt und anderen großen Infrastrukturprojekten, wie der Lkw-Maut, her. Seiner These zufolge ist der Aufbau einer Infrastruktur in der Regel teurer, als ursprünglich geplant und als nötig. Als „Unterbau“ für Dienste, die man darauf anbietet, entwickeln sich daraus jedoch oftmals Dienste und Märkte, an die zunächst niemand gedacht hat. Beispiele sind der SMS-Markt bei Handys sowie im Zusammenhang mit der Lkw-Maut die Möglichkeit, Einzelstrecken abzurechnen oder die Technik für die Feinsteuerung des Verkehrs einzusetzen. Ähnliches gelte für die Gesundheitskarte: Ihre Entwicklung sei teuer, wenn man auf die Einzelgeräte blicke, so Mitusch, unter anderem wegen der besonderen Sicherheitsanforderungen. Aber auch sie könne die Grundlage für viele Dienste der Zukunft bilden, so etwa für neue Diagnose- und Erinnerungsprogramme, die die Compliance verbesserten, und für eine genauere Steuerung der Gesundheitsausgaben. Mitusch plädiert vor diesem Hintergrund für offene Systeme und die Nutzung von Standards, um mehr Preis- und Qualitätswettbewerb zu ermöglichen.
Aus ärztlicher Sicht
Dr. med. Hans-Peter Peters, der ärztliche Projektleiter der Testregion Bochum-Essen, erörterte die Frage, welche Voraussetzungen aus Sicht der niedergelassenen Ärzte erfüllt sein müssen, damit Telematik einen Nutzen bringe. Peters definiert Telematik als ein „Instrument zur Optimierung der sektorübergreifenden Tätigkeit der Leistungserbringer zur Verbesserung der medizinischen Versorgung und Ressourcenschonung im Rahmen des Sicherstellungsauftrags“. Dies sei nur mit entsprechenden Kommunikationssystemen möglich. Seine Forderungen vor dem Hintergrund der ersten Feldtests: Die Schreib- und Lesevorgänge müssten erheblich verkürzt werden, die Einführung einer Stapelsignatur sei unabdingbar, ebenso die Erweiterung des Speicherplatzes für elektronische Rezepte. Für die Ärzte sieht er den Nutzen unter anderem in der Unterstützung von Arbeitsprozessen, in der Erleichterung und Vereinfachung von Dokumentationsaufgaben, in einer besseren Information durch einen schnelleren Datenzugriff und in einer optimierten Arzneimitteltherapie.
Das Fazit des Workshops: „Gesundheitskarten und Heilberufsausweise sind auf dem Weg. Jetzt geht es darum, weitere Anwendungen zügig voranzutreiben, weil diese den eigentlichen Mehrwert schaffen.“ (Jürgen Sembritzki, ZTG).
Heike E. Krüger-Brand

*Veranstalter waren das ZTG – Zentrum für Telematik im Gesundheitswesen GmbH, Krefeld, und das IGES – Institut für Gesundheits- und Sozialforschung GmbH, Berlin.
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