ArchivDeutsches Ärzteblatt23/2007Mobbing in Klinik und Praxis: Dem Kollegialitätsgebot zum Trotz

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Mobbing in Klinik und Praxis: Dem Kollegialitätsgebot zum Trotz

Dtsch Arztebl 2007; 104(23): A-1699 / B-1503 / C-1443

Hagedorn-Greiwe, Monika

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Psychoterror am Arbeitsplatz führt zur völligen seelischen und körperlichen Erschöpfung. Foto: Vario Images
Psychoterror am Arbeitsplatz führt zur völligen seelischen und körperlichen Erschöpfung. Foto: Vario Images
Gerade der ärztliche Berufsstand, der sich der Bekämpfung von Krankheiten verpflichtet fühlt, sollte dem Mobbing keine Chance geben.

Lan­des­ärz­te­kam­mern als Körperschaften des öffentlichen Rechts verabschieden auf der Grundlage der Kammergesetze für ihre Mitglieder eine Berufsordnung. Rechtlich bindend werden diese Berufsordnungen, wenn sie von der Kammerversammlung verabschiedet, von der Rechtsaufsicht genehmigt und amtlich bekannt gemacht worden sind. Die Berufsordnung orientiert sich in der Regel an der (Muster-)Berufsordnung (MBO). Dieses Standesrecht stellt die „Überzeugung der Ärzteschaft zum Verhalten gegenüber Patienten, Kollegen und anderen Partnern im Gesundheitswesen sowie zum Verhalten in der Öffentlichkeit dar“. Unter anderem bezeugen die Berufsordnungen, „berufswürdiges Verhalten zu fördern und berufsunwürdiges Verhalten zu verhindern“.
Kaum Beachtung findet unkollegiales Verhalten von Kollegen innerhalb vertikaler Arbeitsstrukturen. Dies erstaunt, stellt sich doch gerade hier eine Schnittmenge mit dem Mobbing dar, einem gerade in jüngster Zeit auch in der Medizin diskutierten Phänomen. Die Schlichtung von Streitigkeiten zwischen Ärzten gehört zu den Aufgaben der Kammern. Inzwischen haben alle 17 Lan­des­ärz­te­kam­mern Ansprechpartner benannt, an die sich ärztliche Mobbingopfer wenden können. Liegen Konflikte innerhalb hierarchischer Strukturen vor, unterbleibt jedoch oft die Anrufung der Kammern – aus Angst vor Benachteiligung.
Viele Kolleg(inn)en sind auch ungerechtfertigter Kritik ausgesetzt; ihre medizinische Kompetenz wird vor Kollegen, Mitarbeitern, Patienten oder Angehörigen angezweifelt. Hierbei handelt es sich nicht nur um ein „Mobbinginstrument“, sondern um berufsrechtliches Fehlverhalten des Mobbers im Sinne § 29 MBO. Die Frage nach den Grenzen zulässiger Kritik ist kaum abschließend entscheidbar, im Vordergrund steht die Betrachtung des Einzelfalls. Auch die schriftliche Diskreditierung ärztlicher Mitarbeiter mit gleichzeitiger Verbreitung von Unwahrheiten erfüllt bei systematischem Vorgehen die begrifflichen Voraussetzungen des Mobbings, das heißt eines schikanösen, ehrverletzenden Verhaltens in der Absicht, den so Gemobbten zur Kündigung zu bewegen. Stellt ein solches Verhalten immer bereits einen Verstoß gegen das Kollegialitätsgebot der Berufsordnung dar? Dies wird zu bejahen sein. Der Zweck des § 29 MBO kann sich nicht darin erschöpfen, dass durch unkollegiales Verhalten von Ärzten untereinander das Ansehen des ärztlichen Berufsstands in der Öffentlichkeit in Mitleidenschaft gezogen wird. Vielmehr bezweckt das Kollegialitätsgebot auch den Schutz des einzelnen Arztes vor ungerechtfertigter Kritik und stellt somit ein subjektives Abwehrrecht dar.
Es zeigt sich, dass Ärzte der unterschiedlichsten Fachgebiete betroffen sind; vorwiegend Klinikärzte, aber auch in Praxen oder anderen Institutionen des Gesundheitswesens tätige Kolleginnen und Kollegen. Erschreckend ist, dass in vielen Fällen das Opfer keine Unterstützung durch den Vorgesetzten oder die Kollegen erfährt und dass das Mobbing sogar oft vom Vorgesetzten ausgeht. Oft ist das Opfer zunächst Sündenbock für unverarbeitete Konflikte am Arbeitsplatz. Später kommt es zu gezieltem Terror durch Ausgrenzung, Kränkungen und Rechtsübergriffe. Die von solchen Angriffen Betroffenen geraten unter extremen sozialen Stress. Die Folgen äußern sich in psychischen und physischen Symptomen. So kommt es zu Konzentrationsstörungen, Selbstzweifeln, Angstzuständen oder Depressionen bis hin zum Suizid. Der Psychoterror führt häufig zur völligen seelischen und körperlichen Erschöpfung.
Den Betroffenen bleibt am Ende meist nur die Flucht. Es kommt zunächst zur Zunahme der Fehlzeiten, dann oft zur Versetzung, Kündigung oder sogar Frühverrentung. Häufig werden Betroffene auch wegen schlechter Arbeitsleistung gekündigt. Weitere Folgen des Mobbings können tiefes Misstrauen gegenüber anderen Menschen, Verlust des Selbstwertgefühls oder Trennungen und Scheidungen sein. Fachleute schätzen, dass viele Selbstmordfälle durch Mobbing am Arbeitsplatz ausgelöst werden. Der wachsende ökonomische Druck im Gesundheitswesen führt zu zunehmender Arbeitsbelastung und Stress, befristeten Verträgen sowie zur Verschlechterung des Betriebsklimas. Hierdurch wird Mobbing gefördert oder begünstigt.
Von besonderer Bedeutung ist die große Abhängigkeit jüngerer Ärztinnen und Ärzte mit häufig befristeten Arbeitsverträgen vom Wohlwollen ihres ärztlichen Vorgesetzten. Lässt dieser durch konkludentes und in der Vergangenheit bereits praktiziertes Verhalten keinen Zweifel daran, dass er im Fall von fehlendem Wohlverhalten die ihm zur Verfügung stehenden Machtmittel (subtile Formen des Mobbings, unverhältnismäßige Kritik an der ärztlichen Tätigkeit, herablassende Äußerungen im Kollegenkreis, Schreiben von Abmahnungen an die Verwaltung) einsetzen wird, um willfähriges Verhalten zu erzwingen, dann stehen die Mitarbeiter vor der Alternative, das Verhalten zu dulden oder zu kündigen – und dabei erarbeitete berufliche Perspektiven zu opfern. Betroffen sind auch ältere Oberärzte, die oft keine Möglichkeit mehr haben, sich niederzulassen.
Auch Verwaltungen neigen dazu, im Zweifelsfall der Darstellung des Vorgesetzten zu glauben. Der betroffene Mitarbeiter wird unter erheblichen Rechtfertigungszwang gesetzt. Daher werden auch die arbeits- und berufsrechtlichen Möglichkeiten des Einschreitens nicht ausgeschöpft. Aus dem Arbeitsrecht ergibt sich etwa eine allgemeine Fürsorgepflicht des Arbeitgebers.
Die Beispiele zeigen, dass das aus dem allgemeinen Arbeitsleben bekannte Phänomen des Mobbings auch im Medizin- und Wissenschaftsbetrieb anzutreffen ist und dass jede Ärztin und jeder Arzt von Mobbing betroffen sein kann. Für Außenstehende klingen einzelne Aktionen dabei manchmal lächerlich oder unglaubwürdig.
Die Entschließungen der Deutschen Ärztetage haben die überkommenen Strukturen im Klinikbetrieb zu Recht als Ausdruck extremen hierarchischen Denkens kritisiert und mit der Forderung an die Vorgesetzten geknüpft, an deren Abbau konstruktiv mitzuwirken. Die rasche Verwirklichung dieses Ansatzes liegt nicht nur im Interesse der im Gesundheitswesen Beschäftigten, sondern in dem der Patienten sowie – nicht zuletzt unter Kostengesichtspunkten – den Interessen der Gesellschaft. Jegliche Formen von Mobbing stehen dem diametral entgegen und müssen rascher und entschiedener von den zuständigen Institutionen aufgegriffen werden. § 29 MBO bietet hier einen berufsrechtlichen Ansatz, zumal hier die Verfahren vom Amts wegen betrieben werden können. Verstöße gegen das Berufsrecht können von den Ärztekammern mit Sanktionen belegt werden (Mahnung, Rüge, Geldbuße, Einleitung eines Berufsgerichtsverfahrens oder Überprüfung der Weiterbildungsbefugnis).
Dr. med. Monika Hagedorn-Greiwe
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