ArchivDeutsches Ärzteblatt PP6/200710. deutscher Psychotherapeutentag: Bestätigung erfolgreicher Kammerarbeit

POLITIK

10. deutscher Psychotherapeutentag: Bestätigung erfolgreicher Kammerarbeit

PP 6, Ausgabe Juni 2007, Seite 247

Bühring, Petra

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„Wir reichen Psychiatern und ärztlichen Psychotherapeuten die ausgestreckte Hand.“ Rainer Richter, Präsident der Bundes­psycho­therapeuten­kammer Fotos: Jörg Hermann
„Wir reichen Psychiatern und ärztlichen Psychotherapeuten die ausgestreckte Hand.“ Rainer Richter, Präsident der Bundes­psycho­therapeuten­kammer
Fotos: Jörg Hermann
Vorstandswahlen dominierten die Jubiläumstagung in Berlin. Für Diskussion sorgte außerdem die sozialrechtliche Anerkennung der Gesprächspsychotherapie.

Die Jubiläumstagung, der 10. Deutsche Psychotherapeutentag (DPT), fand nicht ohne Grund dort statt, wo vor vier Jahren alles begann. In Berlin wählte die Delegiertenversammlung der Landespsychotherapeutenkammern im Mai 2003 den ersten Vorstand der Bundes­psycho­therapeuten­kammer (BPtK) – diesmal bestimmten erneut Vorstandswahlen die Tagesordnung.
Vieles ist seit den Anfängen erreicht worden. „Die BPtK gewinnt zunehmend an politischem Gewicht und stärkt damit die Arbeit der Länderkammern“, sagte der Präsident der gastgebenden Berliner Psychotherapeutenkammer, Michael Krenz. Er bezeichnete die Arbeit der Bundeskammer als „sehr erfolgreich“ und verwies auf den „eindrucksvollen Tätigkeitsbericht“, der gerade publiziert wurde*. Erstmalig nahmen Repräsentanten aller Länder am DPT teil – nach der Gründung der Ostdeutschen Psychotherapeutenkammer (OPK) zum 1. April auch 13 Delegierte aus den fünf neuen Bundesländern. Auf deren „frische kritische Sicht auch 20 Jahre nach der Wende“ hofft Versammlungsleiter Jürgen Hardt.
Über die Arbeit der BPtK in den vergangenen sechs Monaten berichtete Prof. Dr. Rainer Richter, gegenwärtiger und mit großer Mehrheit bestätigter Präsident. Als „relativ erfolgreich“ bezeichnete Richter die Ergebnisse der Lobbyarbeit in Bezug auf die Gesundheitsreform und das Vertragsarztrechtsänderungsgesetz: „Wir haben schwimmen gelernt im Haifischbecken.“ Von Politik und Öffentlichkeit würden die Psychotherapeutenkammern inzwischen als Interessenvertreter psychisch kranker Menschen akzeptiert und geschätzt. Davon, dass die Psychologischen Psychotherapeuten und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten zurzeit so viel bewirken könnten, sollten auch Fachärzte profitieren, findet Richter. „Wir reichen Psychiatern und ärztlichen Psychotherapeuten die ausgestreckte Hand.“ Auf wissenschaftlicher Ebene gebe es Konsens: Workshops zusammen mit psychiatrischen Fachgesellschaften seien geplant.
Mit einem „Dauerthema“ beschäftigte sich die Bundes­psycho­therapeuten­kammer verstärkt in den vergangenen Monaten: der sozialrechtlichen Anerkennung der Gesprächspsychotherapie (GT). Den hohen Ressourcenaufwand rechtfertigte Richter mit den Ankündigungen des Gemeinsamen Bundes­aus­schusses (G-BA), alle Richtlinienverfahren überprüfen zu wollen. Wissen, das man sich im Einsatz für die GT erworben habe, komme auch den übrigen Verfahren zugute. „Es geht um die Zukunft der Psychotherapie. Wir müssen vorbereitet sein“, sagte Richter.
Eigene angemessene
Bewertungsstandards
Der Nutzenbericht steht der Bundes­psycho­therapeuten­kammer nun zur Verfügung. Diese wolle die Studien im Detail prüfen, um zu klären, „wie der G-BA zu seiner Entscheidung gekommen ist“, erklärte Richter. Wichtig sei zu klären, welche Konsequenzen eine Beteiligung von Patienten mit Komorbiditäten in der positiv bewerteten Studie zur Depression für die Nutzenbewertung hätte. Für die neuerliche Stellungnahme habe die BPtK eine Frist von sechs Monaten beim G-BA beantragt. Die BPtK wolle die Gesprächspsychotherapie im Besonderen „angemessen und modern definieren“ und dafür generell „eigene, der Psychotherapie angemessene Bewertungsstandards entwickeln“, betonte Richter. Wichtig hierbei sei, das Konzept der Versorgungsrelevanz zu verankern, das einer Zulassung von Verfahren für das gesamte Spektrum der Anwendungsbereiche der Psychotherapie diene – auch dort, wo noch keine ausreichenden Nutzenbelege vorlägen. Damit solle eine indikationsspezifische Zulassung von Psychotherapieverfahren verhindert werden. „Wir müssen die Definitionshoheit haben“, forderte der Kammerpräsident.
Die Frage, welche Aufgaben der Wissenschaftliche Beirat Psychotherapie (WBP) übernehmen sollte, beschäftigte die Delegierten ebenfalls ausführlicher. Sieben Delegierte aus verschiedenen Kammern forderten in einem Antrag den DPT auf, darauf einzuwirken, dass die Funktionen des WBP „auf gutachterliche Aufgaben“ beschränkt bleiben und dieser keine Vereinbarungen mit Dritten trifft. Hintergrund ist eine geplante Rahmenvereinbarung zwischen den Trägerorganisationen des WBP, Bundes­ärzte­kammer und BPtK, und dem G-BA. Zweck ist die Kooperation bei Literaturrecherchen zur Beurteilung der wissenschaftlichen Anerkennung von Methoden und Verfahren. „Die Absprache zur Literaturrecherche ist nur ein Einstieg“, befürchtet Jörg Hein, Hessen, einer der Antragsteller. Die grundsätzliche Definition dessen, was Psychotherapie ist, werde immer mehr aus den Kammern herausverlagert. „Das darf nicht sein“, forderte Hein. Der Präsident stellte dagegen klar: „Es ist nicht die Aufgabe der Kammern, Methoden zu definieren.“ Die BPtK beabsichtige nicht, Einfluss auf den Beirat zu nehmen, der unabhängig und ergebnisoffen arbeite. Die Delegiertenversammlung stimmte deshalb für eine Nichtbefassung mit dem Antrag.
Skepsis gegenüber der
Gesundheitskarte
Der neue Vizepräsident, Ernst-Dietrich Munz, will sich für die Gleichberechtigung von Ärzten und Psychologen an Kliniken einsetzen.
Der neue Vizepräsident, Ernst-Dietrich Munz, will sich für die Gleichberechtigung von Ärzten und Psychologen an Kliniken einsetzen.
Viele Delegierte stehen der Einführung der elektronischen Gesundheitskarte (eGK) und dem Heilberufausweis (HBA) skeptisch gegenüber. Damit Psychotherapeuten Telematikanwendungen akzeptieren könnten, müsse der Schutz der Beziehung zwischen Patient und Therapeut sichergestellt werden, hieß es. Die Technik solle zudem für beide transparent sein. Belastungen und Störungen der Patientenversorgung seien nicht akzeptabel. „Telematik im Gesundheitswesen darf nicht zum Selbstzweck werden“, erklärte Richter. Er verwies auf die Resolution zu Nutzen und Gefahren der eGK, die der 5. Deutsche Psychotherapeutentag bereits verabschiedet hatte (PP, Heft 5/2005). Eine Resolution des 10. DPT, die weitestgehend auf den Schutz der Patientendaten fokussiert, sowie ein Antrag vor allem hessischer Delegierter, die sich gegen die weitere Entwicklung und Einführung der elektronischen Gesundheitskarte aussprechen, wurden an den Vorstand überwiesen. Die Zeit zur Diskussion der komplexen Punkte reichte nicht aus.
Der Zeitmangel war vor allem den Wahlen des Vorstands für die zweite Legislaturperiode geschuldet. Als Kandidat für das Amt des Kammerpräsidenten, stellte sich Prof. Dr. Rainer Richter erneut zur Wahl. Dessen „kritische Distanz, die vieles ermöglicht hat“, würdigte Jürgen Hardt, Präsident der Hessischen Psychotherapeutenkammer. „Im Rückblick sind wir viel weiter gekommen, als wir uns vorstellen konnten.“ Dr. Heiner Vogel, Bayern, sagte schlicht: „Er hat seinen Job super gut gemacht.“ – Wenngleich er den Präsidenten auf eine „mögliche Eigenüberforderung“ aufgrund seiner verschiedenen Ämter als Hochschullehrer, Präsident der Hamburger Psychotherapeutenkammer und der Bundeskammerpräsidentschaft hinwies. Richter wurde mit großer Mehrheit (95 von 105 Stimmen) wiedergewählt.
Ebenfalls mit großer Mehrheit (92 Stimmen) bestimmten die Delegierten Dr. Ernst Dietrich Munz, Präsident der Psychotherapeutenkammer Baden-Württemberg, zum Vizepräsidenten. Munz ist promovierter Physiker und neben seiner Kammerarbeit an der Sonnenberg-Klinik in Stuttgart angestellt. In einer Position vergleichbar der eines Oberarztes arbeitet er vor allem mit essgestörten Patienten. Munz will sich für die Gleichberechtigung von angestellten Ärzten und Psychologen einsetzen. Ein weiteres Anliegen ist ihm die länderübergreifende Vernetzung der Kompetenzen der Angestellten.
Für das Amt des zweiten Vizepräsidenten bewarben sich Monika Konitzer, bisherige Vizepräsidentin und erste Frau an der Spitze der Psychotherapeutenkammer Nordrhein-Westfalen (NRW), und Dr. Frank-Roland Deister, niedergelassener Psychoanalytiker in Frankfurt und seit mehr als 13 Jahren berufspolitisch unter anderem für den Bundesverband der Vertragspsychotherapeuten e.V. aktiv. Konitzer setzte sich mit 68 zu 28 Stimmen gegen Deister durch. Die Verhaltenstherapeutin mit eigener Praxis will sich auch weiterhin für eine erfolgreiche Arbeit der BPtK engagieren.
Andrea Mrazek: Innerhalb von zwei Monaten zur Präsidentin der Ostdeutschen Psychotherapeutenkammer und in den Vorstand der Bundeskammer gewählt
Andrea Mrazek: Innerhalb von zwei Monaten zur Präsidentin der Ostdeutschen Psychotherapeutenkammer und in den Vorstand der Bundeskammer gewählt
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Drei von fünf Amtsinhabern wiedergewählt
Ohne Gegenkandidaten und mit einer Mehrheit von 90 Stimmen konnte Peter Lehndorfer, niedergelassener Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut (KJP) erneut sein Amt als obligatorischer Vertreter der KJP im Vorstand einnehmen. Lehndorfer will sich weiterhin für eine bessere Versorgung psychisch kranker Heranwachsender einsetzen.
Für das Amt des zweiten Beisitzers bewarben sich zwei Kandidatinnen: Anni Michelmann, niedergelassene Psychotherapeutin aus Bonn und Mitglied im Fortbildungsausschuss der Kammer NRW und der BPtK, sowie Andrea Mrazek, niedergelassene Psychotherapeutin aus Radebeul bei Dresden, die kurz zuvor auch zur Präsidentin der Ostdeutschen Psychotherapeutenkammer gewählt worden war. Die gebürtige Wienerin Mrazek konnte sich mit 73 zu 29 Stimmen gegen Michelmann durchsetzen.
Drei von fünf Amtsinhabern des alten Vorstands wurden wiedergewählt. Auch das zeigte die Zufriedenheit der Delegierten mit der Arbeit der Bundes­psycho­therapeuten­kammer. Der 11. Deutsche Psychotherapeutentag findet am 10. November in Mainz statt.
Petra Bühring


Gesprächspsychotherapie

Zum Stand des Anerkennungsverfahrens:
Der Gemeinsame Bundes­aus­schuss (G-BA) hat die Gesprächspsychotherapie (GT) mit Beschluss vom 21. November 2006 zur Aufnahme als Richtlinien-Psychotherapieverfahren abgelehnt. Wirksamkeit und Nutzen seien für die Behandlung der wichtigsten psychischen Erkrankungen – mit Ausnahme der Depression – wissenschaftlich nicht belegt. Weil das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium den Beschluss am 20. Januar beanstandet hat, ist er noch nicht in Kraft getreten. Die Gründe für die Beanstandung: Der Bundes­psycho­therapeuten­kammer als zuständige Heilberufskammer wurde der mehr als 604 Seiten umfassende Nutzenbewertungsbericht nicht zur Verfügung gestellt, sodass diese sich „nicht fachlich dezidiert“ damit auseinandersetzen konnte – und eventuell die Argumente des G-BA hätte entkräften können.


Resolution

Gemeinsam die Gesundheit von Kindern verbessern
Der 10. Deutsche Psychotherapeutentag fordert eine bessere Bildungs-, Sozial- und Gesundheitspolitik für Kinder, damit sie zu selbstbestimmten Individuen heranwachsen können. Dabei stehen Kommunen, Länder und Bund ebenso in der Verantwortung wie die gemeinsame Selbstverwaltung. Gebraucht werden:
- Dauerhafte Finanzierung bereits vorliegender evaluierter Programme zur Prävention und Gesundheitssförderung sowie deren flächendeckende Umsetzung in Schulen, Kindergärten und Jugendhilfeeinrichtungen.
- Eine bessere Vernetzung von Gesundheitssystem, öffentlichem Gesundheitsdienst und Jugendhilfe, damit soziale Frühwarnsysteme funktionieren und Instrumente der Früherkennung eingesetzt werden können.
- Ausreichende finanzielle Mittel im Gesundheits- und Jugendhilfesystem, damit Familien niedrigschwellige Beratungs- und Förderangebote erhalten und kranke Kinder rechtzeitig behandelt werden.


Erhöhung der Mitgliedsbeiträge

„Wichtige Aufgaben sind mit den vorhandenen Ressourcen nicht zu leisten“, erklärte der Präsident der Bundes­psycho­therapeuten­kammer. Kümmern will sich die BPtK künftig zusätzlich um Rehabilitation, Nationale Versorgungsleitlinien, Psychiatrie, Jugendhilfe und Ausbildung. Notwendig sei auch ein Ausbau der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit: „Wir müssen agieren, nicht nur reagieren.“ Fachveranstaltungen, Workshops, der Ausbau von Publikationen seien erforderlich, um mithalten zu können. Die Mitarbeiter der BPtK-Geschäftsstelle brauchten dringend Unterstützung: Zwei zusätzliche Referentenstellen und eine halbe Sekretärinnenstelle sollen eingerichtet werden. Für all dies forderte der Vorstand in einem Antrag eine Erhöhung des Jahresbeitrags um neun Euro auf 48 Euro pro Kammermitglied. Der Antrag wurde ohne Diskussion angenommen.

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