ArchivDeutsches Ärzteblatt PP6/2007Versorgung psychisch kranker Kinder und Jugendlicher: „Die tägliche Katastrophe“

POLITIK

Versorgung psychisch kranker Kinder und Jugendlicher: „Die tägliche Katastrophe“

PP 6, Ausgabe Juni 2007, Seite 250

Bühring, Petra

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LNSLNS Teilnehmer einer gesundheitspolitischen Podiumsdiskussion plädierten für eine bessere Versorgung psychisch kranker Kinder und Jugendlicher.

Der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut Peter Lehndorfer sieht sich in seiner Münchener Praxis jeden Tag aufs Neue damit konfrontiert: „Verzweifelten Eltern sagen zu müssen, dass sie womöglich ein halbes Jahr auf einen Therapieplatz für ihr Kind warten müssen.“ Der Vorsitzende der Vereinigung Analytischer Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten e.V. (VAKJP), der seit Jahren auch als Vorstandsmitglied der Bundes­psycho­therapeuten­kammer für eine angemessene Versorgung psychisch kranker Kinder kämpft, hatte im Rahmen der 54. Jahrestagung des Berufsverbandes Ende April in Düsseldorf zu einer Podiumsdiskussion geladen. Thema: Sicherstellung erfüllt?
Knapp 22 Prozent der Kinder und Jugendlichen in Deutschland sind „psychisch auffällig“, ermittelte die aktuelle Studie zur psychischen Gesundheit von Kindern und Jugendlichen (BELLA) vom Robert- Koch-Institut. Nur etwa die Hälfte dieser Kinder hat einen Therapieplatz (siehe PP 11/2006). In der ambulanten Versorgung stehen zurzeit 2 705 Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten (KJP) und 690 Kinder-und Jugendpsychiater zur Verfügung – mit großen regionalen Unterschieden (Tabelle).
Lehndorfer verwies auf einen der Hauptgründe für die Unterversorgung: Die Bedarfsplanung der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), die Erwachsenentherapeuten und KJP gemeinsam führt – mit der Konsequenz, dass fast alle KV-Bereiche für neue Zulassungen gesperrt sind. Bedauerlich sei, dass die bei den Vorbereitungen für das Vertragsarztrechtsänderungsgesetz geforderte Mindestquote von 20 Prozent für KJP nicht realisiert werden konnte: „Es gab einen plötzlichen Stimmungsumschwung zum Schluss – Chance vertan“, resümiert Lehndorfer lakonisch. Zulassungen sind in den westlichen Bundesländern zumeist nur als Sonderbedarf möglich.
Das Problem der gemeinsamen Bedarfsplanung sieht auch Dr. med. Leonhard Hansen, Vorsitzender der KVNo und Vorsitzender des Bedarfsplanungsausschusses der KBV: „Wir brauchen eine Versorgungsplanung.“ Kritisch merkte er allerdings an, dass es „erschreckend viele“ Psychologische Psychotherapeuten mit Abrechnungsgenehmigung für Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie gebe, „deren Behandlungsangebot gleich null ist“. Problematisch findet Hansen auch die mangelnde Flexibilität vieler Bewerber für Sonderbedarfszulassungen: „Wir bekommen den den x-sten Antrag für Köln, aber keiner will in die Eifel.“
Barbara Steffens, gesundheitspolitische Sprecherin der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen im Landtag NRW, wandte ein, dass auch in den Großstädten die Wartezeiten lang seien: „In Städten entsteht einfach ein höherer Bedarf.“ Hinzu komme, dass derzeit aufgrund von Geldmangel der Kommunen niedrigschwellige therapeutische Angebote wie Erziehungsberatungsstellen zunehmend gekürzt würden. „Auch das erhöht den Bedarf an Kindertherapeuten.“ Der Mangel an KJP gehe auch zulasten der psychiatrischen Institutsambulanzen, berichtete Bernhard Kuß, Landesvorsitzender der Barmer. „Wir stellen dort deutlich höhere Fallzahlen fest.“
„Bundesweit fehlen 800 bis 900 Kindertherapeuten“, erklärte Bernhard Moors, Vorsitzender des VAKJP in NRW, mit Bezug auf eine Simulationsrechnung der KBV, die bei einer getrennten Bedarfsplanung 866 zusätzliche KJP ermittelt. „Dafür müssten 80 bis 100 Millionen Euro zur Verfügung gestellt werden“, folgert er. „Das sind 0,07 Prozent der Gesamtvergütung“, relativierte Lehndorfer die Zahl. „Angesichts der täglichen Katastrophen in den Praxen ist das nicht viel.“ Hansen forderte für den zusätzlichen Versorgungsbedarf „neues Geld von den Kassen“.
Für eine getrennte Bedarfsplanung seien Änderungen in § 101 SGB V erforderlich, erklärte Lehndorfer. „Das kann nur der Bundestag entscheiden.“ Bis dahin, appellierte Hansen an die Zulassungsausschüsse der anderen KVen, sollten Anträge auf Sonderbedarf „nicht so restriktiv gehandhabt, sondern verantwortungsvoll eingeschätzt werden“. Ein wenig Dynamik in den Gesetzgebungsprozess könnte ein mit allen NRW-Landtagsfraktionen abgestimmter Antrag zur besseren Versorgung psychisch kranker Heranwachsender bringen. Dieser sei zurzeit geplant, berichtete die Grünen-Politikerin Steffens.
Petra Bühring
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