ArchivDeutsches Ärzteblatt PP6/2007Sucht und Drogen: Verzerrungen
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LNSLNS Zusammenfassende Kritik: In ihrem Artikel berichten Nutt et al. von einem Prozedere, das zu einem Substanzgefährlichkeitsranking führt, resultierend aus den Urteilen zweier Expertengruppen (Suchtpsychiater und Drogenexperten). Das Rankingresultat ist jedoch aus einer Reihe von Gründen nicht belastbar. Der Anspruch der Autoren, eine Delphi-Technik angewendet zu haben im Sinne einer objektiven Integration repräsentativer Expertenurteile, ist nur bedingt eingelöst. Die Schlussfolgerung der Autoren, „our findings raise questions about the validity of the current Misuse of Drugs Act classification“ wird durch den Artikel nicht gerechtfertigt.
Was macht Drogen „gefährlich“?
Psychoaktive Substanzen werden für vulnerable Personen gefährlich, welche vor dem Hintergrund ihrer Lebenssituation im Sinne einer „Abwärtsspirale“ ein Konsummuster entwickeln, das letztlich zerstörerisch werden kann. Das von Nutt et al. verwendete Gefährlichkeitsranking von psychoaktiven Substanzen blendet genau dies aus und reduziert die Perspektive von einer biopsychosozialen auf die einer labortechnischen.
Wie belastbar ist das verwendete Gefährlichkeitsranking inhaltlich?
1. Es ist unklar, inwiefern die Zahlenwerte des Rankings unterschiedliche Häufigkeiten und Dosierungen des Substanzkonsums berücksichtigen. 2. Sollen ferner Interpretationen wie „Cannabis ist halb so gefährlich wie Heroin“ oder „fünf Zigaretten/d sind gefährlicher als fünf Ecstasypillen“ zulässig sein, wie das Ranking suggerieren mag? Wie wird eine nicht fachliche Öffentlichkeit solche Rankings auffassen? Wie belastbar ist das verwendete Gefährlichkeitsranking messtechnisch?
Das Ranking in Tabelle drei bei Nutt et al. ist das Herzstück der Studie und beruht auf einer Gesamtskala, in welche alle beurteilten Aspekte mit gleichem Gewicht eingehen. Inwiefern dies psychometrisch zulässig ist, wird jedoch nicht belegt. Im Gegenteil: Die Vermutung der Autoren, dass die Expertenurteile womöglich nicht auf nur einer einzigen Gesamtskala, sondern auf mehreren und inhaltlich verschiedenen Skalen abzubilden wären, steht im Widerspruch zu ihrer eigenen Vorgehensweise. (. . .)
Inwieweit war überhaupt ein Delphi-Vorgehen gegeben? Bei Gruppe eins handelt es sich einfach um einen Fragenbogen-Survey. Das Vorgehen in Gruppe zwei wird mit „a series of meetings run along delphic principles“ und einer „open delphic discussion“ beschrieben. Ein solches Vorgehen freilich ist anfällig für genau diejenigen gruppendynamischen Verzerrungen, gegen welche die Delphi-Techniken ursprünglich erfunden wurden (Stichwort „groupthink“).
Dr. phil. Peter-Michael Sack, Dr. phil. Kay Petersen, Prof. Dr. med. Rainer Thomasius, Deutsches Zentrum für Suchtfragen des Kindes- und Jugendalters, Zentrum für Psychosoziale Medizin, Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, Martinistraße 52, 20246 Hamburg, Telefon: 0 40/4 28 03-93 59, Internet: www.dzskj.de, E-Mail: thomasius@uke.uni-hamburg.de
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