ArchivDeutsches Ärzteblatt PP6/2007Medizingeschichte: NS-Zusammenhänge nur angedeutet

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Medizingeschichte: NS-Zusammenhänge nur angedeutet

PP 6, Ausgabe Juni 2007, Seite 283

Steger, Florian

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Herzlichen Glückwünsch zum 200. Geburtstag, werte Leipziger Universitätspsychiatrie! Wann nun aber ist Ihr Geburtstag? Heinroth trat am 20. Mai 1806 im Keller der Leipziger Pleißenburg vor die Studenten und hielt seine erste Vorlesung. Doch erst 1811 wird er in Leipzig zum ersten Professor für ein seelenheilkundliches Fach bestellt – ob das allerdings einem Beginn der Geschichte der akademischen Psychiatrie des Abendlandes gleichkommt, bezweifle ich. Und auch schon für die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts ist ein im weitesten Sinn nervenheilkundliches Lehrangebot an der Universität Leipzig auszumachen.
Aber: Seit Heinroth gibt es eine Tradition – über Paul Flechsig, Emil Kraepelin zu Paul Julius Möbius. Hierüber berichtet der Leipziger Psychiatriehistoriker Holger Steinberg in vier Kapiteln (in einem Beitrag mit Ulrich Müller) auf 237 Seiten – kurzum eine kundige Geschichte der Leipziger Psychiatrie im 19. Jahrhundert. Das 20. Jahrhundert fällt dagegen eher kurz aus. Steinberg schreibt in seinem keine 20 Seiten umfassenden Beitrag „Die Psychiatrische Klinik der Universität Leipzig von 1920 bis 1995“ von der Zeit während des Dritten Reiches, die noch als ein Desiderat der Forschung anzusehen ist. Für die Jahre seit 1995 enthält der Band wiederum einen wichtigen historischen Quellenbestand: die Reflexion von Matthias Angermeyer über seine Jahre als Ordinarius in Leipzig.
Mich wundert es, dass sich bisher nicht mehr um die so folgenschweren Ereignisse der NS-Zeit gekümmert wurde. So war dort immerhin Paul Schröder, der in Leipzig die Kinder- und Jugendpsychiatrie voranbrachte und seinen Schüler Paul Heinze prägte. Steinberg schreibt selbst davon, dass Heinze 1938 in Brandenburg-Görden eine „Kinderfachabteilung“ einrichtete, die für weitere im Deutschen Reich Vorbildcharakter hatte. Auch ist für die Universitätskinderklinik in Leipzig eine zentrale Verwicklung in die erste Tötung im Rahmen der „Kindereuthanasie“ nachgewiesen. Soweit das bisher bekannt ist, waren auch andere Schüler Schröders aktiv an der in den Dienst des Nationalsozialismus gestellten Medizin beteiligt. Und auch Schröders Nachfolger im Amt, August Bostroem, und wiederum dessen Nachfolger Werner Wagner sind kritisch zu bewerten.
In der Tat werden diese Zusammenhänge in der Festschrift zum 200-Jährigen nur angedeutet, was bedauerlich ist. Im Vorwort wird angemerkt, dass in einem Folgeband die DDR-Geschichte der Leipziger Universitätspsychiatrie im Mittelpunkt stehen könnte; was die Psychosomatik und Psychotherapie an der Universität Leipzig betrifft, geht Michael Geyer hierauf schon ein wenig ein. Meines Erachtens wäre es aber wesentlich vordringlicher, die historische Forschung zur Leipziger Universitätspsychiatrie während der nationalsozialistischen Diktatur zu intensivieren und dann auch darzustellen. Florian Steger

Matthias C. Angermeyer, Holger Steinberg (Hrsg.): 200 Jahre Psychiatrie an der Universität Leipzig. Personen und Konzepte. Springer, Heidelberg, 2005, 298 Seiten, gebunden, 32 Euro
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