ArchivDeutsches Ärzteblatt1-2/1996Entwicklungsländer: Romantisierend
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LNSLNS Es war zu befürchten. Nun soll uns die Dritte Welt neben der Müllentsorgung auch noch bei der Lösung des zunehmenden Problems arbeitsloser Ärzte helfen. Nicht gemeint sind hier die längerfristigen Auslandstätigkeiten gut ausgebildeter Mediziner und die Kurz-einsätze von Spezialisten, sondern die in dem Artikel propagierten kurzfristigen Aufenthalte arbeitsloser deutscher Ärzte zu Ausbildungszwecken. Das hat der Dritten Welt gerade noch gefehlt: Medizinische Nischen suchende, unerfahrene arbeitslose Ärzte mit Sendungsbewußtsein, die zum Beispiel ein paar Monate nach Afrika gehen, um dort Medizin zu lernen. Die Peinlichkeit und Zumutung für alle Beteiligten während solcher Kurzauftritte westlicher Ärzte-Famulanten mußte ich während meiner eigenen mehrjährigen Tätigkeit in der Entwicklungshilfe mehrfach beobachten. Das Echo in Ländern, die selbst einen Mangel an gut ausgebildeten Ärzten haben, ist verheerend. Deswegen erschreckt mich auch die romantisierende Naivität, die aus dem Artikel von Herrn Mohr spricht. Ich kann nur jeden Unerfahrenen vor solchen kurzfristigen ärztlichen Einsätzen in Entwicklungsländern warnen. Die Arbeits- und Lebensbedingungen unterscheiden sich so sehr von denen bei uns, und jeder Neuankömmling hat erfahrungsgemäß mehr mit sich selbst und seiner Adaptation an die Verhältnisse zu tun, als halbwegs nutzbringende ärztliche Tätigkeiten ausführen zu können. Kaum halbwegs eingelebt, reist man wieder ab. Einblicke in die Probleme von Entwicklungsländern gewinnt man auch dabei allerdings. Leider muß ich auch die Illusion nehmen, daß Zeugnisse über Tätigkeiten in Entwicklungsländern Vorteile bei ärztlichen Stellenbewerbungen bringen. Das Gegenteil ist der Fall. Zumeist gilt dies als vertane Zeit und Spinnerei und bringt einen Wettbewerbsnachteil mit Mitbewerbern. Soviel zur heutigen Realität.
Ansonsten kann ich bei entsprechender medizinischer Ausbildung in Deutschland, eigenem Engagement, Bereitschaft zu Verzicht und einer vernünftigen Vorbereitung auf Land, Menschen und deren Sprache zu einer längerfristigen Auslandstätigkeit in einem Entwicklungsland nur raten, es gibt in der Tat kaum etwas Befriedigenderes im beruflichen und privaten Bereich. Unsere Probleme mit einer zunehmenden Arbeitslosigkeit von Ärzten müssen wir aber zu Hause lösen.
Dr. Rolf Schmitt, Rheinstraße 28, 53332 Bornheim-Hersel
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