ArchivDeutsches Ärzteblatt PP6/2007Ausstellung „Schmerz“: Eine der intensivsten Empfindungen

KULTUR

Ausstellung „Schmerz“: Eine der intensivsten Empfindungen

PP 6, Ausgabe Juni 2007, Seite 287

Gieseke, Sunna

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LNSLNS Nahezu täglich begegnet einem Schmerz – schrecklich und schön zugleich. Auf besonders eindrucksvolle Art lässt sich dieses eindringliche Gefühl derzeit in Berlin betrachten.

Ohne Schmerz kein Bewusstsein“, sagte einst der Aktionskünstler Joseph Beuys. Und auch umgekehrt gilt die Aussage: Ohne Bewusstsein kein Schmerz. Seit Einführung der Narkose in der Medizin weiß man inzwischen, dass der Bewusstseinsverlust einem den Segen schenkt, keinen Schmerz bei einer Operation zu empfinden. Noch vor gar nicht so langer Zeit hieß es, Zähne zusammenbeißen: Im 19. Jahrhundert sollte dem Patienten ein Beißstab helfen, das Leiden erträglicher werden zu lassen, wenn beispielsweise ein Bein amputiert wurde. Das Exemplar in der Ausstellung zum Thema „Schmerz“ in der Berliner Charité zeigt deutlich die Spuren zahlreicher Patienten: In dem circa einen Meter langen, mit Leder umwickelten Messingstab sind unzählige Abdrücke von Zähnen, die sich in das Leder gebohrt haben.
Schmerz ist eine der intensivsten menschlichen Empfindungen und kann schrecklich und schön zugleich sein: Operationen und Geburt, chronische Schmerzen und Sport – in vielen Bereichen findet man dieses Gefühl wieder. Unter anderem ist die Religion ein wichtiges Thema dieser Ausstellung, denn letztendlich ist auch das Christentum durch die Kreuzigung von Jesus begründet.
Kunst und historische Objekte werden auf so eindrucksvolle Weise gezeigt, dass das Phänomen des Schmerzes in seiner vielfältigen Ausprägung deutlich wird. Häufig lässt sich nicht unterscheiden, ob man gerade vor einem Kunstwerk oder einem medizinischen Objekt steht. In der Ausstellung steht alles gleichwertig nebeneinander: Auf Patientenbögen wurden Ort und Stärke der Schmerzen mit kräftigen Farben kenntlich gemacht – es könnte sich auch um Kunstwerke handeln. Aya Ben Ron zeigt in dem Film „Still Under Treatment“ Menschen, die eine Narkose bekommen – es könnte auch ein medizinischer Lehrstreifen sein.
In sorgsam verwahrten Präparaten von Menschen sticht einem der Schmerz besonders ins Auge: Eine Galle mit unzähligen Gallensteinen, eine Magenschleimhaut mit Geschwür, eine Hand mit Gichtknoten und eine Lunge mit schwarzen Ablagerungen – man kann förmlich mitfühlen, wie schmerzhaft diese Körperteile für die Besitzer gewesen sein müssen. Was Menschen eben einzigartig macht, ist die Empathie. In einer Videoinstallation sieht man Menschen, die etwas betrachten. Man sieht nicht, was sie sehen. Aber der Schmerz in ihren Augen, dass sie sich gegenseitig Halt geben, zeigt dem Besucher das Mitgefühl, das sie dem Unbekannten entgegenbringen.
Es ist eine Herausforderung, etwas darzustellen, was subjektiv gefühlt wird. Dieser Aufgabe zeigt sich die Berliner Ausstellung gewachsen. So wird der Ausdruck von Schmerz unter anderem durch Patientenbriefe aus fünf Jahrhunderten deutlich.
Sunna Gieseke
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