ArchivDeutsches Ärzteblatt24/2007Nordkorea: Fortbildung in Deutschland fördert die Karriere

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Nordkorea: Fortbildung in Deutschland fördert die Karriere

Dtsch Arztebl 2007; 104(24): A-1724 / B-1522 / C-1462

Jachertz, Norbert

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Das Krankenhaus in Hamhung: Viele Spuren zeugen noch immer vom Wirken ostdeutscher Ärzte. Fotos: Winfried Schorre
Das Krankenhaus in Hamhung: Viele Spuren zeugen noch immer vom Wirken ostdeutscher Ärzte. Fotos: Winfried Schorre
Die Ärzte sind gut ausgebildet und könnten mehr leisten, mangelte es nicht überall an Material. Vor allem in der Provinz

Samstagspätnachmittag. Nach siebenstündiger Fahrt über Rüttelpisten fallen wir drei, die „Deutschland Delegazia“, aus dem Toyota Hiace. Das Empfangskomitee wartet schon. Es besteht aus dem Chef der Gesundheitsverwaltung der Provinz Süd-Hamgjong, einem Arzt und Pharmazeuten, im schwarzen Mao-Anzug, vierzig Jahre alt und sichtlich der Erste Mann; aus dem Leiter der Provinzial- und Universitätsklinik in Hamhung, einem älteren Internisten im weißen Kittel und mit hoher Arzthaube, und schließlich aus einem jungen Arzt, landesüblich-korrekt gewandet im dunklen Anzug mit Krawatte, der kürzlich in der BG Klinik Ludwigshafen bei Prof. German die Behandlung von Schwerverbrennungen studiert hat. Dazu die üblichen stummen Begleiter. Sie alle mit dem Bild des großen Führers in Form eines Emailleansteckers über dem Herzen.
Auch wir drei – Prof. T. S. Lie und Dr. Winfried Schorre als Vertreter der Deutsch-Koreanischen Association für Medizin sowie der Autor – haben natürlich unsere Begleiter: Zwei liebenswürdige Ärzte aus Pjöngjang und ein speziell ausgewählter Fahrer achten darauf, dass es uns an nichts fehlt und wir nicht vom rechten Weg abkommen.
Die Provinz zieht den Kürzeren
Hamhung liegt im Norden des Landes, eine Industriestadt mit 900 000 Einwohnern und nach Pjöngjang mit fast drei Millionen Einwohnern die zweitgrößte Stadt des Landes. Nach dem Koreakrieg wurde sie modern wieder aufgebaut. Die frühere DDR hatte sich hier engagiert und schon früh die Plattenbauweise erprobt. Auch in dem 950-Betten-Krankenhaus, das wir besuchen, zeugen viele Spuren vom Wirken ostdeutscher Ärzte. Seit deren Abzug scheint materiell nicht mehr viel passiert zu sein. Die Medizintechnik stammt meist aus der DDR oder der ehemaligen Sowjetunion. Immer wieder fallen unglaubliche Jahreszahlen wie 1963 oder 1968. Vor dem Betreten des OP-Traktes weist der Provinzialchef vorsorglich darauf hin, dass eine gründliche Renovierung geplant sei. Die ist auch nötig, großflächig blättert die Farbe. Die Renovierung kann aus eigener Kraft gelingen, nicht aber die Erneuerung der technischen Ausstattung. In einem OP-Saal funktioniert der Schwenkarm nicht, im anderen streikt die Hydraulik des Tisches. Dank der Improvisationsgabe des Personals wird dennoch ein volles OP-Programm gefahren.
Gleiche Eindrücke in der Röntgenabteilung. Der Röntgenchef ist stolz darauf, sein Siemens-Gerät, dessen Goldjubiläum bald ansteht, funktionsfähig zu halten. Mit Bordmitteln und zwei alten Fernsehbildschirmen hat er sogar eine Bildübertragung in den Hörsaal installiert. Um Filmmaterial zu sparen, wird häufig durchleuchtet. Die Strahlenschutzverordnung steht noch nicht auf der deutsch-koreanischen Agenda. Eine gebrauchte Röntgenanlage, die in einem deutschen Krankenhaus wegen eines neuen technischen Ticks ausgemustert wird, würde in Hamhung noch lange gute Dienste tun können. Dennoch, die Sehnsucht der Klinik gilt nicht so sehr einem neuen Röntgengerät, sondern einem Computertomografen. Das nächste CT-Gerät steht nämlich in der Hauptstadt Pjöngjang, und die ist gerüttelte sieben Stunden entfernt. Im Labor der Klinik wartet still eine Ärztin, die schon seit 37 Jahren hier ihren Dienst versieht, und erinnert sich fast wehmütig an die alten Zeiten. Das modernste Gerät im Labor ist eine Kühltruhe, gestiftet von UNICEF.
Kliniken in Pjöngjang sind durchweg besser ausgestattet, jedenfalls die, die wir in diesem Jahr und 2005 besucht haben. Auch bei Gerätespenden zieht die Provinz offenbar den Kürzeren. Unsere Gesprächspartner in Hamhung setzen ihre Hoffnung in eine Patenschaft von einem deutschen Krankenhaus. Wenn sie dürfen. Und wenn sich eins findet.
Den guten Ruf Deutschlands, seiner Medizin und seiner Ärzte verbreiten jene 60 Ärzte, die seit 2001 zur Fortbildung in Deutschland waren (Kasten). Aus Hamhung kam bisher nur einer, jener, der sich über die Behandlung bei Schwerverbrennungen fortbildete und sein Wissen heute in der ganzen Provinz in Vorträgen weitergibt. Die übrigen Ärzte stammten aus der Hauptstadt. In deren Uniklinik stürmten tags zuvor zwei Internisten auf uns zu und baten uns, ihren Dank an Prof. Erdmann in Köln weiterzugeben; überall lobten sie, was sie bei ihm gelernt hätten. In der HNO-Abteilung übernahm man OP-Techniken, die Prof. Eichhorn aus Cottbus vermittelt hatte. Er hatte zudem einen kompletten Instrumentensatz gespendet, der vor uns Besuchern ausgebreitet wurde, genauso wie in der Unfallchirurgie die Instrumente, die von der Unfallklinik Marzahn und ihrem Chef Prof. Ekkernkamp gekommen waren. Ein junger Kardiologe berichtete, die Nachsorge nach herzchirurgischen Eingriffen werde nach dem, was man am Herzzentrum Berlin gelernt habe, organisiert. Die Liste ließe sich fortsetzen.
Feedback ist verwehrt
Chefs, die in Deutschland Koreaner aufnahmen, sollten nicht überrascht sein, wenn sie von ihren Gästen nichts mehr hören. Feedback ist den Rückkehrern verwehrt. Sie können weder telefonieren noch mailen, geschweige denn auf eigene Faust ins Ausland reisen. Auch gibt es keine private Postzustellung. Umso beachtlicher ist es, dass das Land solche Fortbildungsaufenthalte nicht nur duldet, sondern fördert. Jeweils zwei Mediziner können zusammen ausreisen. Die Familie bleibt daheim, Singles gehen in der Regel nicht auf Reisen. Für die zumeist jüngeren Ärzte (und wenigen Ärztinnen) öffnet sich in Deutschland eine andere Welt. In ihrem Land gibt es nur einen Staatssender, der die weite Welt ausspart und die Bevölkerung auf die Liebe zu den beiden großen und geliebten Führern, Vater Kim Il-sung und Sohn Kim Jong-il, einschwört. Auf sie und die von ihnen entwickelte Juche-Ideologie („Alles aus eigener Kraft“) sind sie von früher Kindheit an eingeschworen. Mindestens einen Nachmittag pro Woche widmen sie der ideologischen Schulung.
Die Fortbildung in Deutschland trägt in Nordkorea offenbar zur Karriere bei. Der Ge­sund­heits­mi­nis­ter der Demokratischen Volksrepublik Korea, Prof. Choe Chang-sik, erwähnte, von jenen 60 Ärzten seien bereits 15 in leitende Stellen aufgerückt. Der Minister sprach sich dafür aus, das Programm fortzusetzen; er denke an 50 weitere Ärzte. Er bot zudem an, deutschen Ärzten, die bereit seien, ihre Kollegen und Kolleginnen in der DVR Korea fortzubilden, den Aufenthalt zu ermöglichen. Choe sprach anlässlich eines Empfangs zu Ehren von Professor T. S. Lie, der in Pjöngjang mit dem medizinischen Ehrendoktor geehrt wurde.
Prof. Dr. T. S. Lie (l.) wurde vom nordkoreanischen Ge­sund­heits­mi­nis­ter in Pjöngjang die Ehrendoktorwürde verliehen.
Prof. Dr. T. S. Lie (l.) wurde vom nordkoreanischen Ge­sund­heits­mi­nis­ter in Pjöngjang die Ehrendoktorwürde verliehen.
Nach dem Besuch der Klinik in Hamhung wird unsere kleine Delegation schnurstracks und ohne Stopps durch die Stadt gefahren. Sie wirkt aufgeräumt und, jetzt am frühen Samstagabend, lebhaft. Nicht wegen der Autos, die gibt es in Nordkorea kaum, sondern wegen der vielen jungen Menschen in dunklen Hemden und roten Halstüchern. Es sind Schüler, die zum Denkmal Kim Il-sungs strömen, das das Stadtzentrum überragt. Sie verabschieden ihre Mitschüler, die mit dem Schulabschluss jetzt, Ende April, zum Militär eingezogen werden. Und das bedeutet immerhin zehn Jahre Wehrpflicht. Das Land steckt im Kriegszustand, glaubt hier jeder, umso beherrschender ist das Militär. In der Gesellschaft der Volksrepublik rangiert es ganz oben, es folgen die Volkspartei und die Regierung. 1,2 Millionen Menschen stehen unter Waffen, dazu kommen fünf (nach anderen Informationen sechs) Millionen Reservisten, und das bei einer Bevölkerung von rund 22,5 Millionen Menschen.
Von der langen Wehrpflicht gibt es Ausnahmen. Wer in der Schule zu den Besten gehört, kann direkt auf die Universität. Und für den, der
dort wiederum zu den Besten gehört, kann sich die Wehrpflicht dann auf drei Jahre reduzieren. Die Elitenbildung fängt in der Schule an. In der Vorschule (ein Jahr) und Grundschule (vier Jahre) wird bereits gesiebt. Wer gut ist, kommt auf eine spezialisierte Mittelschule (sechs Jahre) und lernt zum Beispiel intensiv Deutsch, zusätzlich zu Englisch, das ohnehin jeder Mittelschüler lernt.
Sonntags herrscht Fahrverbot
Unsere Fahrt endet 30 Kilometer hinter Hamhung an der Küste in einer Hotelanlage am Strand, schön wie an der Costa Brava. Wir sind die einzigen Gäste, offenbar die ersten in diesem Jahr, denn noch wird gekehrt und geputzt. Raus können wir nicht, an allen Zugangswegen taucht zuverlässig ein Soldat mit gekreuzten Armen auf. Erwartungen auf einen Sonntagsausflug mit dem Auto verpuffen. Sonntags herrscht Fahrverbot. Umweltschutz, heißt es. Gemeint ist aber wohl auch Spritsparen. Der Nebeneffekt ist, dass Nordkoreaner an ihrem freien Tag brav zuhause spazieren gehen. Und wir eben am Strand. Kein Stadtbummel, der unerwünschte Kontakte zeitigen könnte, nicht mal mit Begleitern. Stattdessen gesellt sich des Mittags das Empfangskomitee, das wir schon aus Hamhung kennen, zu uns; sie kommen mit dem Krankenwagen – der darf fahren. Bald entwickelt sich ein spezieller deutsch-koreanischer Austausch: Die Gastgeber singen die so beliebten gefühlvollen Balladen, die Gäste revanchieren sich mit Rudimenten von „Kein schöner Land“ und dem „Heideröslein“. Wer nach Nordkorea fährt, muss sich darauf gefasst machen zu singen. Nicht nur bei Strandpartien. Der Lieblingszeitvertreib ist überall Karaoke.
Zum Singen kommt an diesem Tag die Information. Endlich. Die von uns besichtigte Klinik ist das Spitzeninstitut der Provinz, die drei Millionen Einwohner zählt. Auf die 950 Betten der Klinik kommen 400 Ärzte und 400 weitere Mitarbeiter. Eine traumhafte Relation nach deutschen Verhältnissen. Sie ist aber für das Land typisch. Es mangelt eben nicht an Ärzten, sondern nur an Material. Bei den Kreiskrankenhäusern ist das Verhältnis ähnlich: auf 250 Betten 100 Ärzte. Zur Erklärung wird neben der Arbeitszeit – geregelte acht Stunden am Tag – die Ambulanz angeführt. Ein Arzt im Kreiskrankenhaus betreut als Hausarzt etwa 100 Familien. Zur Seite stehen ihm Krankenschwestern, je eine für fünf Familien. Dazu kommen Gesundheitsstationen auf Gemeindeebene, die mit fünf bis 20 Ärzten, je nach Gemeindegröße, besetzt sind.
Zum echten Informationsaustausch kommt es erstmals beim zwanglosen sonntäglichen Picknick am Strand.
Zum echten Informationsaustausch kommt es erstmals beim zwanglosen sonntäglichen Picknick am Strand.
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Nordkorea galt als vorbildlich
Das Büro der Welt­gesund­heits­organi­sation (WHO) in Pjöngjang listet rund 800 Kliniken mit zentralen Funktionen für die DVR Korea auf, dazu etwa 1 000 kleinere Krankenhäuser und 6 500 Polikliniken. Der Personalbestand wird auf 300 000 geschätzt. Auf 1 000 Einwohner entfallen 3,2 Ärzte (zum Vergleich Deutschland: 3,4). Trotz solch guter statistischer Relationen, trotz guter Ausbildung der Ärzte und trotz eines relativ hohen Bildungsniveaus der Bevölkerung – sie ist zu fast 100 Prozent alphabetisiert – sind die üblichen Kennziffern für das Gesundheitsniveau nur mittelmäßig: Kindersterblichkeit: (per 1 000) 56 (männlich), 54 (weiblich); Lebenserwartung: 65 Jahre für Männer und 68 Jahre für Frauen. Die Zahlen und Verhältnisse waren schon mal besser. Nordkorea galt bis zum Zusammenbruch des Ostblocks, der das Land ins Mark traf, als vorbildlich. Belastend waren die Hungersnöte Mitte/Ende der 90er-Jahre.
Rückfahrt am Montag im Morgengrauen, vor uns die Rüttelstrecke, angereichert durch langwierige Umleitungen. Immer wieder Straßenbauarbeiten, mit Hammer und Meißel. Die Nebenstrecken führen über schroffe Berge und durch Reisfelder. Jede ebene Fläche wird genutzt. Auf den Hügeln blühen die Obstbäume. Ochsenkarren ziehen Hakenpflüge, kleine Traktoren, daneben Pflugschare. Zwei Welten auf einem Feld. Dörfer mit gestampften Lehmstraßen, abgegrenzt durch geweißte Kieselsteine. In der Dorfmitte der Juche-Obelisk, das Symbol der Staatsideologie. Die Landstraße wie die Autobahn entlang ziehen geduldig Fußgänger. Lastwagen, viele davon mit Holzkocher, transportieren hohe Lasten, Stroh, Möbel oder, gesteckt voll auf der Ladefläche, Menschen.
Zurück in Pjöngjang. Die Vorbereitungen für den 1. Mai laufen. Ein weiterer Feiertag in diesen an Gedenktagen reichen Wochen. Die Girlanden und Spruchbänder hängen noch vom „Tag der Armee“ am 25. April und dem „Tag der Sonne“ am 15. April, dem 95. Geburtstag des verstorbenen und hochheilig verehrten Staatsgründers Kim Il-sung. In den Straßen seien wenig Parolen gegen die Imperialisten und Amerikaner zu sehen, erkennt ein Mitfahrer. Bei der Militärparade am „Tag der Armee“ habe der Generalstabschef vor den Augen und Ohren des geliebten Führers nur einmal auf die USA geschimpft. Der Beobachter sieht darin Zeichen von Normalisierung. Solange sie anhält. Immerhin hat der Generalstabschef markig versichert, imperialistische Eindringlinge werde man auf einen Schlag zunichte machen.
Norbert Jachertz


Informationen

Wer Interesse am Ärzteaustausch oder an einer Gerätespende hat, kann sich an Prof. Dr. med. Dr. mult. h. c. T. S. Lie, Deutsch-Koreanische Association für Medizin, Adolfstraße 9–11, 53111 Bonn, wenden. Telefon: 02 28/63 93 91, Fax: 02 28/63 93 94. Lie ist Generalsekretär der Gesellschaft, Präsident ist Prof. Dr. med. Dr. mult. h. c. Karsten Vilmar. Die Association arbeitet mit öffentlichen Stellen zusammen und wickelt den Austausch mithilfe der Gesellschaft für internationale Weiterbildung und Entwicklung (InWEnt) ab. Die Plätze vermittelt Lie persönlich. Der Austausch wird von der deutschen Botschaft in Pjöngjang ideell unterstützt.
Auch bei Gerätespenden kann Lie vermitteln. Die Transportkosten übernehme das Ge­sund­heits­mi­nis­terium der DVR Korea, wurde bei dem Besuch Ende April versichert. Geldspenden sind steuerbegünstigt. Konto 206 790 000 BLZ 370 800 40, Dresdner Bank, Bonn.
Sehr informativ ist die Website des WHO-Büros in Pjöngjang: www.dprk.searo.who.int/EN/index.htm. Das Büro gibt einen Überblick über die Struktur des Gesundheitswesens und aktuelle Gesundheitsfragen. Auch findet man Hinweise zu der immer wieder thematisierten Ernährungslage.

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