ArchivDeutsches Ärzteblatt24/2007Erinnerung Signatur O.D. – Ottomar Domnick: Bilder, Bücher, Filme und mehr

KULTUR

Erinnerung Signatur O.D. – Ottomar Domnick: Bilder, Bücher, Filme und mehr

Dtsch Arztebl 2007; 104(24): A-1762 / B-1557 / C-1496

Mahringer, Wolfgang

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Foto: Eta Lazi/Archiv Adolf Lazi Ottomar Domnick: „Mit Halbheiten konnte ich nicht leben. Zeit ist für mich ein lebenswichtiger Faktor.“
Foto: Eta Lazi/Archiv Adolf Lazi Ottomar Domnick: „Mit Halbheiten konnte ich nicht leben. Zeit ist für mich ein lebenswichtiger Faktor.“
Der Arzt mit einem schöpferisch unruhigen Geist wäre in diesen Tagen 100 Jahre alt geworden.

O. D., Ottomar Domnick, kehrt 1945 aus dem Krieg zurück, ausgemergelt, hungrig wie andere auch, doch ihn treibt der „Hunger nach Kunst“. Die abstrakten Bilder sind sein Neuland. „Es fiebert in mir, ich werde krank, ich kriege kalte Finger.“ O. D., am 20. April 1907 in Greifswald geboren, Neurologe und Psychiater, ab 1950 in eigener Praxis beziehungsweise Privatklinik in der Gerokstraße 65 in Stuttgart – ein paar Häuser weiter das Atelier von Willi Baumeister –, lebt und wirkt nach der Maxime „Leben ist Tätigsein“.
Mit „Hauptweg und Nebenwege“ hat Domnick den Titel des Bildes von Paul Klee bewusst über seine Biografie gesetzt (1977): Der Nervenarzt wird zum Sammler abstrakter Malerei, zum Buchautor („Die schöpferischen Kräfte in der abstrakten Malerei“, 1947), verlegt „Hans Hartung“ (1949) und dreht die Dokumentarkunstfilme „Neue Kunst – Neues Sehen“ (1950) und „Willi Baumeister“ (1954).
Leben ist Tätigsein
O. D. ist ein kritisch schöpferischer Mensch und „Ich bin ein unruhiger Geist“: Bilder und Bücher, Verleger, Ausstellungsmacher, Filmer, Cellospieler, Förderer und Veranstalter von Konzerten moderner Musik, dazu ab 1968 das eigene Haus und Museum in Nürtingen-Oberensingen. Er ist bei allem engagiert und Perfektionist, zumal wenn es um Technik geht: Seine Leidenschaft ist das Auto, der Mercedes-Benz ohne Stern, in dessen vollverchromten Motor er sich spiegeln konnte.
Versucht man Einzelnes zusammenzufassen und sich dabei das Gesicht der Sammlung mit den Schwerpunkten Fritz Winter, Hans Hartung und Willi Baumeister und dazu den vielen anderen Malern vorzustellen, so gehörte es für Ottomar Domnick und seine Frau immer auch dazu, diese Bilder zu zeigen und diese Kunst bereits 1947 in Sonntagsgesprächskreisen in der eigenen Arztpraxis und am Bubenbad in Stuttgart ins Bewusstsein und in die Lebenswirklichkeit zu führen. Man suchte eine Dauerbleibe und fand sie mit dem Architekten Paul Stohrer und dem Bau eines flachen Betonbungalows (1967/68). Mit dem dazugekommenen Eisenskulpturenpark wurde dieser 1987 unter Denkmalschutz gestellt – ein einmaliges Ausstellungsensemble im Angesicht der Schwäbischen Alb.
Hier konnte das Ehepaar Domnick leben, leben mit der Kunst. Er spielte sein Cello von Guiseppe Testore (1707) und veranstaltete ab 1973 zwölf Konzerte mit Cellisten wie Jan Polasek, der Finnin Frances Marie Uitti aus Rom, Siegfried Palm, dem „Spezialisten für Unspielbares“, der unvergesslich wie heute Helmuth Rilling in die Musik führte.
Diesen Konzerten folgten ab 1983 weitere in lockerer Folge bis zum heutigen Tag, jetzt veranstaltet von der Stiftung mit Aufführungen bei der Verleihung des Domnick-Cello-Preises an Studenten und Absolventen der Musikhochschulen des Landes Baden-Württemberg.
O. D. – selbst preisgekrönt – durfte solche Augenblicke mehrfach für sein Filmschaffen erleben: Bei Unruhe und Dynamik eröffnete sich ihm beim Filmen mit dem Übergang vom unbewegten zum bewegten Bild eine neue Möglichkeit der Gestaltung. Er wurde selbst Künstler und reduzierte von Film zu Film nicht nur die szenischen Mittel, sondern auch die Personen als Akteure und die Zahl der Mitarbeiter, bis bei „Domnick über Domnick“ (1997) er selbst nur noch als Darsteller und seine Frau als Filmer übrig blieben.
O. D. schreibt Filmgeschichte mit „Jonas“ (1957) – Bundesfilmpreise für Kamera und Musik und den Bambi für den künstlerisch wertvollsten Film. Hier „die Sache mit dem Hut“ des vereinsamten Menschen in der Großstadt, in „Gino“ (1960) die Entfremdung dreier Menschen und in „ohne datum“ (1962) die Hilflosigkeit gegenüber der bevorstehenden Vernichtung. Am Beispiel eines Mannes – „Die gedanken des mannes spiegeln sich in den dingen um ihn herum, und diese dinge spiegeln sich in seinen gedanken“ – erleben wir Sterben, Krebs, die Todeskrankheit und die Atomstrahlungen, „die heilen, die töten“. Im nächsten Film „NN“ (1990) geht es um die Anonymität.
Der vereinsamte Mensch in der Großstadt: Mit „Jonas“ (1957) schreibt O. D. Filmgeschichte.
Der vereinsamte Mensch in der Großstadt: Mit „Jonas“ (1957) schreibt O. D. Filmgeschichte.
Charakteristisch für alle Filme ist das Schwarz-Weiß und eine Kameraführung, die die Liebe zur modernen Malerei verrät. Dazu kommt die Sprache mit knapper Diktion, Stakkato; vieles sieht man, vieles wirkt unausgesprochen oder bleibt zwischen den Zeilen. Der Filmweg selbst führt dabei in „Augenblicke“ (1972) von der schleichenden inneren Krankheit zur damals schon erahnbaren, langsam beginnenden Zerstörung unserer natürlichen Umwelt. „Meine haare sind stumpf und fallen aus. Mein körper strahlt gift aus. Mein blut ist zerstört. Ich vergehe, verfalle inwendig und komme langsam um.“
Das Lebenswerk von O. D. ist ein Gesamtkunstwerk, das ohne die Empathie und Fürsorge von Greta Domnick (1909 bei Posen geboren), ebenfalls Nervenärztin, nicht möglich geworden wäre.
Signatur O. D. – dafür schuf Hans Hartung ein eigenes Zeichen, für einen Mann, der so viele Bereiche und Gegensätze in einem einzigen Leben unterbringen konnte und in allem ein Grenzgänger war. Er selbst war von zarter Konstitution, nervös und immer dann, wenn es um seine Person, seinen Körper ging, eher ängstlich, fast mimosenhaft. Zwischen Geduld und Ungeduld schreibt er: „. . . Für mich waren meine Ziele immer vorrangig, Rücksichtnahme war nicht immer meine Stärke. Mit Halbheiten konnte ich nicht leben. Zeit ist für mich ein lebenswichtiger Faktor . . . immer stand für mich fest: Stelle deine Arbeit unter die Idee einer Jahresfrist . . . so wächst daraus ein konzentriertes Tun. Das hatte Konsequenzen. Für mein Leben, auch für meine Mitmenschen, die sich mitunter irritiert fühlten oder sogar brüskiert.“
Am 14. Juni 1989 stirbt O. D. an einem chronischen Versagen mehrerer Organe in Tübingen, seine Frau folgt ihm knapp zwei Jahre später – beide werden seebestattet; an der von beiden eigentlich vorgesehenen Ruhestätte im Skulpturenpark findet man heute als Erinnerung die leeren Urnen in der Erde.
Ottomar Domnick erhielt neben zahlreichen Filmpreisen die Albert-Schweitzer-Medaille der Lan­des­ärz­te­kam­mer, die Hans-Neuffer-Plakette der Ärzteschaft Nordwürttemberg, eine Honorarprofessur an der Universität Hohenheim und die Verdienstmedaille des Landes Baden-Württemberg. 1977 wird von den Eheleuten Domnick die Stiftung Domnick testamentarisch begründet und 1980 erbvertraglich festgelegt. Das Land Baden-Württemberg wurde Alleinerbe mit dem Motto der Stifter „weitergehen, nicht stehen bleiben“. Die Sammlung Domnick ist heute ein öffentliches Museum.
Dr. med. Wolfgang Mahringer


Stiftung Domnick Nürtingen,
Oberensinger Höhe 4, 72622 Nürtingen, Telefon: 0 70 22/51 14 14,
E-Mail: stiftung@domnick.de.
Öffnungszeiten: April bis Oktober: dienstags und donnerstags von 15 bis 18 Uhr, sonntags von 13 bis 18 Uhr.
November bis März: sonntags von 13 bis 17 Uhr sowie nach Vereinbarung.
Öffentliche Führungen: jeden ersten Sonntag im Monat um 15 Uhr,
Eintritt: vier Euro, ermäßigt zwei Euro.
Teil eines Ausstellungsensembles: Mit dem „Hunger nach Kunst“ wandte sich der Kriegsheimkehrer der abstrakten Malerei zu. Foto: Volker Naumann/Sammlung Domnick
Teil eines Ausstellungsensembles: Mit dem „Hunger nach Kunst“ wandte sich der Kriegsheimkehrer der abstrakten Malerei zu. Foto: Volker Naumann/Sammlung Domnick
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