GELDANLAGE

China vor dem Crash

Dtsch Arztebl 2007; 104(24): A-1768 / B-1560 / C-1500

Rombach, Reinhold

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LNSLNS Was schert uns dieser berühmte Sack Reis, der seine Bekanntheit nur der Tatsache verdankt, dass er erstens in China steht und zweitens kein Mensch davon Notiz zu nehmen gedenkt, wenn er umfällt?! Das Fallereignis ist einfach keines.
Ob sich die Relevanz des Non-Events zu ändern vermag, wenn statt der Körnerfrucht Aktien zu Boden kippen, mag dem Durchschnittsbetrachter nicht groß einleuchten, Hauptsache, das Ganze findet ganz weit weg statt, und erst recht in China kann es einen kaum mehr tangieren, erschrecken schon gar nicht.
Es ist aber schon sehenswert, was sich derzeit an der Börse Schanghai abspielt. Die Volksrepublik China wird nun schon seit Monaten von einem Börsenfieber erfasst, das seinesgleichen sucht und mit seinen Exzessen dem hierzulande leidvoll erlebten Neuen Markt bei Weitem nicht nachsteht. Der Leitindex SSE Composite legte in knapp einem Jahr fast 200 Prozent zu – der Dax kann da nur vor Neid erblassen.
Chinesen, die vorher nie etwas mit Aktien im Sinn hatten, kaufen die Dividendentitel trotzdem auch weiter auf Teufel komm raus, die Klientel besteht zu einem großen Teil aus Hausfrauen, Studenten und Rentnern. Neuemissionen sind teilweise zweihundertfach und mehr überzeichnet, die Zahl der Depots überstieg soeben die magische Marke von 100 Millionen. Kaum jemand fragt danach, ob das, was gekauft wird, auch werthaltig ist, den Aktionären wird vielfach gnadenloser Schrott verkauft, ach, was sage ich, die Titel werden den Banken nur so aus den Händen gerissen. Viele Menschen tragen ihre gesamten Ersparnisse in die Handelsräume der Broker, die wie Spielhöllen aussehen, und es in Wahrheit wohl auch sind. Die in China weitverbreitete Spielsucht heizt den Hype auch noch über Gebühr an.
Die chinesische Regierung mahnte vor Kurzem, maßvoller mit Aktien umzugehen, allerdings ohne großen Erfolg. Erst der Warnschuss, die Stempelsteuer auf Aktientransaktionen zu verdreifachen, sorgte für einen Einbruch an der Schanghaier Börse, der sich mit einem Minus von „nur“ 6,5 Prozent aber sehr in Grenzen hielt.
Prominente Stimmen weisen denn auch weiterhin auf die chinesische Börsenblase hin, so auch der frühere US-Notenbankchef, Alan Greenspan. Genützt hat es bislang allerdings nicht viel.
Das amtliche Peking wird bald erkennen (müssen), dass mit purer Symbolik wie der Erhöhung der Stempelsteuer nichts, aber auch gar nichts gegen den Massenwahn auszurichten ist. Über kurz oder lang helfen nur härtere Maßnahmen wie etwa Zinserhöhungen und regulatorische Eingriffe in den Börsenhandel. Mit anderen Worten: China kommt um einen schmerzhaften Kurseinbruch nicht herum, um Schlimmeres zu verhindern. Das Land läuft schnurstracks auf einen Crash zu. Wir alle werden die Auswirkungen noch zu spüren bekommen.
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