ArchivDeutsches Ärzteblatt24/2007Kuba: Die Medizin bringt Devisen ins Land

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Kuba: Die Medizin bringt Devisen ins Land

Dtsch Arztebl 2007; 104(24): A-1779 / B-1571 / C-1511

Kubisch, Bernd

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Keine besonderen Vorbehalte hat das Zentrum für Reisemedizin in Düsseldorf gegenüber der Gesundheitsversorgung in Kuba. Angel Ernesto Castro Mestre untersucht einen Patienten. Fotos: Bernd Kubisch
Keine besonderen Vorbehalte hat das Zentrum für Reisemedizin in Düsseldorf gegenüber der Gesundheitsversorgung in Kuba. Angel Ernesto Castro Mestre untersucht einen Patienten. Fotos: Bernd Kubisch
Der Gesundheitstourismus ist eine immer wichtigere Sparte im Fremdenverkehr der Karibikinsel.

Die Tür zum Sprechzimmer von Prof. Dr. Angel Ernesto Castro Mestre öffnet sich. Eine junge Mexikanerin verabschiedet sich von ihm. Der nächste Patient hatte eine kürzere Anreise in die Augenklinik „Camilo Cienfuegos“ in Havanna. Von Matanzas sind es für den 44-jährigen Armando Brito knapp 100 Kilometer in die Hauptstadt. „Unser Patient hat ein eingeschränktes Blickfeld“, erläutert Castro bei der Untersuchung. Die Klinik hat sich international im Kampf gegen Retinitis pigmentosa einen Namen gemacht.
Dr. Castro weiß, dass viele Kollegen in Europa Kubas Erfolgsmeldungen in Sachen Retinitis pigmentosa skeptisch sehen. So bezeichnet Prof. Dr. Karl-Ulrich Bartz-Schmidt, Präsident der Retinologischen Gesellschaft, die kubanische Methode zu Retinitis pigmentosa als „sehr umstritten“. Dr. Castro nahm 2006 an der Jahrestagung der Retinologischen Gesellschaft in Kiel teil. Die Kollegen seien aufgeschlossen gewesen. Er betont: „Unser Team macht keine falschen Versprechungen. Wir konnten schon Patienten aus etlichen Ländern helfen, die in ihrer Heimat keine Hoffnung mehr auf Besserung hatten.“
Kubas Kliniken für Ausländer sind unter Obhut von „Turismo y Salud“. Das ist ein Unternehmen der staatlichen Gruppe „Cubanacan“. Zum Gesundheitszweig zählen Notfall-, Spa- und Anti-Aging-Einrichtungen an Touristenorten wie Varadero, Santiago, Cayo Coco und Havanna. Dazu kommen das „Centro de Histoterapia Placentaria“, das auf Vitiligo spezialisiert ist, sowie Zentren, die sich um Schönheitschirurgie, Rehabilitation, neurologische Erkrankungen, Herz- und Kreislaufbeschwerden kümmern. Auch für Drogenabhängige aus dem Ausland werden Entziehungskuren offeriert.
Der Gesundheitstourismus ist eine immer wichtigere Sparte im Fremdenverkehr Kubas, das dringend auf Devisen angewiesen ist.
Antonio Barciela Peña, Auslandsexperte von „Turismo y Salud“, kennt Fälle, in denen Patienten ihre erfolgreiche Kuba-Behandlung in der Heimat als Wunderheilung preisen. Barciela: „Solche Äußerungen bringen mehr Schaden als Nutzen, weil sie falsche Erwartungen wecken können.“ Er und die Ärztin Iliana Reyes Alvarez bauen für „Turismo y Salud“ ein Büro in Deutschland auf. Steigendes Interesse erhoffen sich die Verantwortlichen in Kuba von dem neuen Dialyseangebot für Urlauber, dass in den nächsten Monaten wohl zunächst in Varadero startet. 
Die Kubaner wissen, dass sie bei Patienten aus Lateinamerika wegen ihrer Leistungen und Anreisekosten einen „Heimvorteil“ haben. Mittelschicht, Reiche, Stars und Sternchen aus der Region, aber auch aus den USA, die zum Beispiel über Mexiko einreisen, nutzen die Angebote der Karibikinsel, vor allem bei Allergien, Hauterkrankungen, Augenleiden, Brust- oder Nasenkorrektur und Rehabilitation. „Besonders viele Patienten kommen aus Florida“, sagt Dr. Jesús Burgué Cedeño, Spezialist für Schönheitschirurgie und Verbrennungen in der „Clínica Central Cira García“ in Havanna. Und warum? „Wir sind gut, schnell, preiswert, sicher und diskret.“
Ein Arzt mit längerer Berufserfahrung verdient in Kuba 800 bis 1 000 „MN“. Hinzu kommen jeweils 10 CUC. „MN“ steht für „Moneda Nacional“, die einheimische Währung. CUC-Pesos sind konvertibel. Für einen Euro gibt es etwa 1,20 CUC-Pesos, für einen CUC-Peso dann 24 MN-Pesos. Umgerechnet bekommt ein Arzt also monatlich bis zu 43 Euro. Ein Kellner in einem Touristenrestaurant verdient wegen der Trinkgelder mehr als ein Arzt. Es sei denn, dieser erhält von einem zufriedenen Patienten aus dem Ausland als Dankeschön einen Umschlag zugesteckt . . .
„Unsere Mitarbeiter haben viel Zeit für ihre Patienten, egal ob Kubaner oder Ausländer“, wirbt Dr. Pedro Llerena Fernández für das Centro Internacional de Salud „La Pradera“. Hier hat der Klinikchef vor sieben Jahren den Fußballstar Diego Maradona empfangen. Dann lässt sich der Arzt in seinem Büro vor einem Foto ablichten, auf dem Venezuelas Präsident Hugo Chávez und Fidel Castro in schwachem Sonnenlicht zu erkennen sind. Ein paar Klinikgebäude weiter spaziert der 14 Jahre alte Kevin aus Caracas/Venezuela auf Krücken durch den Garten. Er unterzog sich einer komplizierten Knie- und Meniskusoperation. „In Venezuela könnten wir das nicht bezahlen.“ Behandlung und Reise sind für beide gratis.
Anders als Maradona werden ausländische Drogenpatienten sonst meist in Kubas Osten behandelt. Die gut 50 Plätze der Clínica Antidroga in Holguín, zu der die beiden Komplexe Quinque und Cocal gehören, „sind meist ausgebucht. Oft haben wir eine Warteliste“, sagt Fachärztin Natalia Friman Rodríguez. Komfortable Zimmer, blühende Gärten, Swimmingpools, Strand- und Kulturausflüge gehören zum Aufenthalt. Hinzu kommen pro Patient im Schnitt zwei Mitarbeiter, einschließlich Arzt und Gärtner. Auch Süchtige aus Deutschland waren in den letzten Jahren hier zur Therapie. Ein Tag in der Klinik kostet den Patienten alles inklusive etwa 120 Euro.
Einige Tausend Ärzte und Krankenschwestern der Insel arbeiten heute in knapp 60 Ländern, meist im Rahmen eines Programms zu Kooperation und Entwicklungshilfe. Diese Ärzte und Schwestern seien vor allem bei den Armen im Ausland „Sympathieträger“, sagt eine Krankenschwester. Sie würden „nicht den Sozialismus bejubeln, sondern zupacken und helfen“. Und Zehntausende Patienten einkommensschwacher Familien in Bolivien, Kolumbien, Venezuela, El Salvador und anderen Ländern werden im Rahmen des zwischenstaatlichen Programms „Misión Milagros“ (Mission Wunder) nach Kuba geflogen, dort behandelt und operiert.
Propaganda, wohin man blickt: Pedro F. Llerena Fernández vor einer Aufnahme von Fidel Castro und Hugo Chávez
Propaganda, wohin man blickt: Pedro F. Llerena Fernández vor einer Aufnahme von Fidel Castro und Hugo Chávez
Schon vor dem Zerfall der Sowjetunion und vor der Anerkennung des US-Dollars als Zahlungsmittel hat Kuba in einigen Medizinsparten Patienten aus anderen Ländern angelockt. „Die konnten damals viele Jahre in kubanischen Pesos bezahlen. Das war besonders günstig für die Ausländer“, erinnert sich Dr. Carlos M. Miyares Cao, Direktor der Hautklinik „Centro de Histoterapia Placentaria“ in Havanna. Vor allem mit der erfolgreichen Behandlung von Vitiligo hat er sich international einen Namen gemacht.
„Prinzipiell hat Kuba ein gutes Gesundheitswesen“, bestätigt Professor Erich Kröger, Leiter des Zentrums für Reisemedizin in Düsseldorf. „Vom medizinischen Standpunkt aus gibt es da keine besonderen Vorbehalte. Vieles hängt jedoch sehr von der technischen Ausstattung des Krankenhauses ab, die sehr unterschiedlich sein kann.“ Ob eine deutsche Kran­ken­ver­siche­rung die Kosten für eine geplante Behandlung auf Kuba übernimmt, müsse vor Abreise geklärt werden. Versicherte der gesetzlichen Krankenkassen hätten darauf keinen Anspruch.
Bernd Kubisch

www.cubanacan.cu/espanol/turismo/ salud/webs/servicios.htm; www.sld.cu
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