ArchivDeutsches Ärzteblatt25/2007Kritik am Gesundheitssystem: Von Kassen und Klassen

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Kritik am Gesundheitssystem: Von Kassen und Klassen

Dtsch Arztebl 2007; 104(25): A-1781 / B-1573 / C-1513

Rieser, Sabine

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LNSLNS Stopp! Wer sicher weiß, dass er die Erwähnung der Begriffe Unter-, Über- und Fehlversorgung nicht noch einmal erträgt, der möge besser weiterblättern. Ebenso diejenigen, die niemals mehr lesen wollen, dass der Bürger fürs bundesdeutsche Gesundheitswesen wie für einen Mercedes zahlt, dafür aber nur einen Golf fahren darf.
Alle anderen – bitte hier entlang. Prof. Dr. med. Karl Lauterbach hat ein Buch geschrieben: „Der Zweiklassenstaat. Wie die Privilegierten Deutschland ruinieren“ (erschienen bei Rowohlt, 14,90 Euro). Es geht um Bildung, Medizin, Rente und Pflege. Erwartungsgemäß kommen im Kapitel über die Medizin, genauer: die Zweiklassenmedizin, Stichwörter im wahrsten Sinne des Ausdrucks vor. Zur Buchvorstellung erscheint der SPD-Bundestagsabgeordnete ohne Fliege. Er hat sich auch eine lässigere Frisur zugelegt. Doch er gibt sich kämpferisch, ist sparsam mit dem ein oder anderen Beleg und duldet keine Einwände, so wie immer.
Eine Leseprobe: „Wenn man eine ernste, seltene oder schwerwiegende Erkrankung hat, kommt alles darauf an, von einem der sehr guten Leute behandelt zu werden . . . Tritt der Ernstfall ein, bleibt der gesetzlich Versicherte oft auf der Strecke, weil er keinen oder nur einen sehr späten Zugang zu Spezialisten hat. Die Experten in fast allen Bereichen der Medizin behandeln vornehmlich oder ausschließlich Privatpatienten.“
So geht das weiter. 70 Seiten übers Gesundheitswesen reichen Lauterbach, damit viele ihr Fett abbekommen: Ärzte, die sich in Internetforen abfällig über ihre Kassenpatienten auslassen, von ihnen auch „Chipsletten“ genannt; die Kassenärztlichen Vereinigungen, die er gern abgeschafft sähe; Gesundheitspolitiker, die seine Befunde leugnen; private Krankenversicherer, Verbände und und und . . .
Seine Analysen kann man angreifen. Sie mögen viele Ärzte auch ärgern. Stärker als sonst verteidigt Lauterbach immerhin Ärztinnen und Ärzte und schildert, welchen Systemzwängen er sie ausgesetzt sieht: „Ein Gramm des Gehirns eines Spezialisten kann mehr helfen als eine tonnenschwere Bestrahlungskanone. Diese Fachärzte können sich ihre Patienten aussuchen, es gibt immer mehr, als sie zu behandeln vermögen . . . Es sind die Besten ihres Jahrgangs, und es ist nicht einzusehen, weshalb drittklassige Manager, die den Börsenwert der Firma halbieren, Höchstgehälter kassieren, während voll austrainierte Spezialisten mäßig bezahlt werden . . . Wirklich problematisch bleibt jedoch, dass das hohe Einkommen nur zustande kommt, wenn Ärzte sich auf privat Versicherte konzentrieren. Die Zweiklassenmedizin ist im heutigen System die Voraussetzung dafür, dass Spezialisten in Deutschland gut bezahlt werden können: eine groteske Situation. Sie führt dazu, dass die Fachleute die am schwersten erkrankten und auch medizinisch interessantesten Patienten oft gar nicht sehen, weil diese zu 90 Prozent gesetzlich versichert sind.“
Lauterbach findet zudem, dass das bestehende System die Forschung hierzulande ruiniere. Denn mit der Forschung allein könne an einem deutschen Universitätskrankenhaus nicht viel Geld verdient werden. Im Vergleich mit den USA schreibt er: „Unsere Spitzenleute sind weder dümmer noch fauler. Nur wenige Spezialisten in der Universitätsklinik schaffen es aber, gleichzeitig die Privatklinik zu schmeißen, die Weiterbildung durchzuführen, die Kontrolle der Assistenzärzte bei der Versorgung der gesetzlich versicherten Patienten zu gewährleisten und daneben international anerkannte Spitzenforschung zu betreiben.“
Komplexe Finanzierungs- oder Reformfragen spielen in Lauterbachs Buch keine Rolle, eher Warnungen vor dem ökonomischen Niedergang des Landes. Zumindest einen seiner Sätze übers Gesundheitswesen werden vielleicht auch diejenigen unterschreiben, die ganz andere Reformvorstellungen vertreten als er: „Dieses System kann nur überleben, wenn man nicht darüber nachdenkt oder spricht.“

Sabine Rieser
Leiterin der Berliner Redaktion
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Avatar #612077
EEBO
am Dienstag, 28. Juni 2016, 20:07

Hatte Lafayette eher

den General des amerikanischen Unabhängigkeitskrieges und französischen Revolutionär zum Vorbild? Seine Äußerungen passen weder zum einen, noch zum anderen. Ihm ist wohl seine Karbolsäure zu Kopfe gestiegen - solch dümmliche Beleidigungen gegen ganze Berufsgruppen sprechen jedenfalls für einen arg vernebelten Blick auf die Umgebung.
Avatar #106067
dr.med.thomas.g.schaetzler
am Dienstag, 28. Juni 2016, 09:43

Pflege- und Ärzte-"bashing" im DÄ?

Wer zieht bloß derart ironisierend und zugleich herabwürdigend über das Berufsbild einer staatlich examinierten Gesundheits- und Krankenpflege in Deutschland her? Und benennt sich zugleich nach einer westlich-verhassten Luxus-Kaufhauskette?

Ich zitiere 'Lafayette':
"Was für ein verantwortungsvoller Beruf die Krankenschwester doch ist. Mein Tip: Sollten Sie dergleichen erleben, verlangen Sie das bitte von der verantwortlichen Karbolmaus schriftlich und lassen Sie sich Ihren Namen geben".

Wer Gesundheits und Krankenpfleger/-innen heutzutage noch als "Karbolmaus" bezeichnen und sich über "die oft unmotivierten Notfallärzte" bei der Ärztekammer beschweren will, darf sich nicht wundern, wenn er in unserem GKV-Gesundheits- und -Krankheitswesen auch noch aneckt bzw. nicht mehr als ratsuchender Patient wahrgenommen wird.

Insbesondere, wenn er sich lieber in die gute alte DDR-Poliklinik mit Dienst nach Vorschrift, Bevorzugung der SED-Bonzen, STASI-Psychiatrie und Ausflügen bis an die Mauer-Innenseite zurückbeamen möchte.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
Avatar #714600
Lafayette
am Montag, 27. Juni 2016, 18:55

Zum Gesundheitswesen in der BRD

Wir hatten mal im östlichen Teil Deutschlands ein hervorragendes Gesundheitssystem. Leider ist man ja gleich ein Defätist, wenn man diese Tatsache ausspricht.

Das Netz der Polikliniken war gut ausgebaut und aufgrund der kompakten Bündelung von Diagnose- und Heilbereichen in denselben konnte auf die meisten Beschwerden kompetent und zügig reagiert werden.
Damals musste der Patient i.d.R. nur einmal zu einer Poliklinik fahren und der weitere Behandlungsprozess fand zumeist innerhalb dieses Gebäudes statt - welch eine Erleichterung für Schmerzpatienten oder Senioren!

Heute ist das Procedere ein anderes: Man hat Beschwerden und geht damit zu seinem Hausarzt. Nach mehr oder weniger langer Wartezeit wird man auch drangenommen. Oft hat dieser Allgemeinmediziner nicht so wirklich Ahnung oder nur einen vagen Verdacht. Jetzt kommt es darauf an wie sehr man vom Glück begünstigt ist. Hat man Glück, überweist der Hausarzt einen zum Facharzt. Hat man Pech "probiert er (der Hausarzt) verschiedene Lösungsansätze durch". Gehen wir jedoch zunächst von der glücklichen Konstellation aus. Man begibt sich also (je nach Erkrankung mit mehr oder weniger großen Schmerzen und Anstrengungen) zum Facharzt. Nach einem Jahr erhält man dann einen Termin bei demselben. In der Zwischenzeit passiert - NICHTS! Oft ist man dann verstorben oder die Krankheit ist mit oder ohne Folgeerscheinungen wieder vergangen.

So etwas wäre in einer Poliklinik der DDR nicht passiert. In diesem System kann dies jedoch eintreten. Es ist ohnehin sehr schade, dass es überhaupt möglich ist mit Medizin Geld zu verdienen. Die bürgerliche Ethik tut nach außen hin immer sehr besorgt und fürsorglich. Dies ist jedoch lediglich Fassade, was mittlerweile auch der "Bodensatz der Gesellschaft" (Bezeichnung der bürgerlichen Apparatschiks für einkommensschwache Bevölkerungsmitglieder) mitbekommen hat. Es geht bei der Medizin in kapitalistischen Systemen primär um den "Erhalt der Arbeitskraft der Verbrauchsware Mensch".

Kommen wir jedoch zurück zum ursprünglichen Thema. Jetzt gibt es einige Schlaumeier, die sich an das System der Polikliniken erinnern und sich in die Notaufnahme von Krankenhäusern begeben, dort etwas auf die Tränendrüsen des Personals drücken und sich sagen: "dort ist ja alles an medizinischen Einrichtungen, da kann man ja gleich alle notwendigen Untersuchungen vornehmen". Diese Zeitgenossen werden oftmals bitter enttäuscht. Die Krankenschwester hat in den vergangenen Jahren eine erhebliche Erweiterung ihres Berufsbildes erfahren - sie kann umfassende Diagnosen stellen und entscheiden, welche Fälle Priorität haben. Zu 90% hat natürlich kein Fall Priorität ("Das ist nicht so schlimm, gehen sie zu Ihrem Hausarzt!". Was für ein verantwortungsvoller Beruf die Krankenschwester doch ist. Mein Tip: Sollten Sie dergleichen erleben, verlangen Sie das bitte von der verantwortlichen Karbolmaus schriftlich und lassen Sie sich Ihren Namen geben. Das gleiche gilt für die oft unmotivierten Notfallärzte. Es gibt eine Ärztekammer für so etwas.

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