ArchivDeutsches Ärzteblatt25/2007Hochschulmedizin: Wege aus der Finanznot

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Hochschulmedizin: Wege aus der Finanznot

Dtsch Arztebl 2007; 104(25): A-1789 / B-1579 / C-1519

Hibbeler, Birgit

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Rettung in der Not oder Irrweg: Ist die Privatisierung das einzige Rezept gegen die roten Zahlen? Foto: dpa
Rettung in der Not oder Irrweg: Ist die Privatisierung das einzige Rezept gegen die roten Zahlen?
Foto: dpa
Die Hochschulmedizin steht unter Kostendruck und kann sich auf staatliche Unterstützung nicht mehr verlassen. Die Universitätskliniken müssen sich deshalb neu organisieren. Sonst tun es andere.

Noch 25 Universitätskliniken werde es 2015 in Deutschland geben – rund ein Drittel weniger als heute. Die Hälfte davon werde in privater Trägerschaft sein. Das prognostizierte Dr. med. Andreas Tecklenburg, Vorstand Krankenversorgung der Medizinischen Hochschule Hannover, schon vor zwei Jahren. Seitdem ist einiges passiert: Die Rhön- Klinikum AG hat das fusionierte Universitätsklinikum Gießen und Marburg übernommen (siehe Interview). Die Fallpauschalen setzen weiterhin die teure Hochschulmedizin unter Druck, notwendige Investitionen lassen angesichts der Finanznöte der Bundesländer auf sich warten. „Die Hochschulmedizin befindet sich in einer stürmischen Entwicklung“, sagte Prof. Dr. med. Dr. h. c. Gebhard von Jagow beim Medizinischen Fakultätentag in Aachen. Er befürchtet, die Finanzknappheit könne der Privatisierung von Universitätskliniken weiter Vorschub leisten – eine Entwicklung, die er nicht befürworte.
Ganz anders sieht das Dr. Michael Philippi von der Sana-Kliniken GmbH. „Wer den Weg in die Staatsmedizin ablehnt, muss die Privatisierung der Universitätsmedizin zumindest diskutieren“, sagte er. Für Philippi sind dabei mehrere Varianten denkbar: zum einen die Teilprivatisierung, also die Ausgliederung einzelner Abteilungen, zum anderen die Privatisierung der universitären Krankenversorgung – wie in Gießen und Marburg. Der dritte und von Philippi favorisierte Weg ist jedoch die Vollprivatisierung. Krankenversorgung, Forschung und Lehre könnten dabei als Einheit aus einer Universität herausgelöst werden. Eine solche Vollprivatisierung sehen viele mit großer Skepsis. Stichwort: Freiheit von Forschung und Lehre. Was geschieht mit Forschungsprojekten, mit denen sich kein Profit erzielen lässt? Kann und muss die Aus- und Weiterbildung immer dem Gesichtspunkt der Wirtschaftlichkeit standhalten?
Fest steht aber, dass sich die Universitätskliniken den neuen Anforderungen stellen müssen. Verstaubte Strukturen und eine ineffiziente Organisation gehören auf den Prüfstand, Arbeitsabläufe müssen optimiert werden. Wenn die Öko­nomi­sierung des Gesundheitswesens auch vor den Universitätskliniken nicht haltmacht, müssen die Einrichtungen unternehmerisch handeln. Das ist allerdings für Hochschulkliniken gar nicht so einfach. Denn im Viereck zwischen Universität, Fakultät, Klinik und Ministerium ist es schwierig, kurzfristig Entscheidungen zu treffen.
Die schwarz-gelbe Landesregierung in Nordrhein-Westfalen (NRW) will das mit dem „Hochschulfreiheitsgesetz“ ändern. Seit Januar sind die Hochschulen in NRW keine staatlichen Einrichtungen mehr, sondern Körperschaften des öffentlichen Rechts, die eigenständig handeln können. Das Land hat nur noch die Rechtsaufsicht, nicht mehr die Fachaufsicht. Auch in Rheinland-Pfalz steht eine Gesetzesänderung an. In Mainz sollen die universitäre Krankenversorgung, Forschung und Lehre als organisatorische Einheit zusammengeführt werden. Die Universitätsmedizin als rechtsfähige Körperschaft des öffentlichen Rechts soll selbstständig handeln. Darüber hinaus wird die Möglichkeit bestehen, sie in eine Gesellschaft mit beschränkter Haftung umzuwandeln.
Ein anderes Modell ist am Universitätsklinikum Jena bereits umgesetzt. Medizinische Fakultät und Klinikum sind hier verschmolzen und nun eine Teilkörperschaft der Universität. „Damit haben wir weitaus größere unternehmerische Möglichkeiten als bisher“, erläuterte Dekan Prof. Dr. med. Heinrich Sauer. Mit diesem Integrationsmodell sei die Universitätsmedizin als Ganzes erhalten. Eine Alternative dazu ist ein Kooperationsmodell: Dann betrifft die Verselbstständigung nur die Klinik, die mit der Fakultät kooperiert. Neben solchen Rechtsformänderungen gibt es noch weitere Optionen, um die Hochschulmedizin flexibler zu gestalten, etwa Public Private Partnerships. Auch ein Stiftungsmodell ist denkbar.
Die Hochschulmedizin befindet sich im Umbruch: Das Kriterium der Wirtschaftlichkeit wird immer wichtiger, während der gesellschaftliche Auftrag in den Hintergrund tritt. Das kann man sicherlich bedauern. Wer sich jetzt allerdings nicht neu aufstellt, dem wird das vielleicht in absehbarer Zeit von anderen abgenommen. Oder er wird entbehrlich.

Dr. med. Birgit Hibbeler
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