ArchivDeutsches Ärzteblatt25/2007Interview mit Prof. Dr. med. Bernhard Maisch, Dekan des Fachbereiches Humanmedizin der Philipps-Universität Marburg: „Im Augenblick überwiegen durchaus die positiven Aspekte“

POLITIK: Das Interview

Interview mit Prof. Dr. med. Bernhard Maisch, Dekan des Fachbereiches Humanmedizin der Philipps-Universität Marburg: „Im Augenblick überwiegen durchaus die positiven Aspekte“

Dtsch Arztebl 2007; 104(25): A-1790 / B-1580 / C-1520

Flintrop, Jens; Gerst, Thomas

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Bernhard Maisch: Trotz weiter bestehender Skepsis erkennt er auch positive Aspekte der Privatisierung.
Bernhard Maisch: Trotz weiter bestehender Skepsis erkennt er auch positive Aspekte der Privatisierung.
Der Direktor der Klinik für Innere Medizin – Kardiologie – über die Folgen der Privatisierung des Universitätsklinikums Gießen und Marburg

Herr Prof. Maisch, Sie waren ein vehementer Gegner der Übernahme durch die Rhön-Klinikum AG. Haben sich Ihre Befürchtungen bestätigt, oder sind Sie auch positiv überrascht worden?
Maisch: Es gibt eine ganze Reihe von positiven Effekten. Ein wichtiger Punkt ist, dass überfällige Investitionen, die das Land in Gießen gar nicht und in Marburg erst in vielen Jahren tätigen wollte, nun konkret geplant werden.

Die Investitionen kommen vor allem der Krankenversorgung zugute – weniger den Bereichen Forschung und Lehre.
Maisch: Korrekt. Das Geld fließt zu etwa 90 Prozent in die Krankenversorgung. Aber indirekt profitieren natürlich auch die Studierenden, insofern kann man das nicht so eindeutig trennen. Der Anteil für Forschung und Lehre am Standort Marburg wurde bei einer Investitionssumme von insgesamt 197 Millionen Euro bis 2010 mit zehn Millionen Euro veranschlagt. In Gießen sollen von 170 Millionen Euro 20 Millionen Euro in Gebäudeanteile für Forschung und Lehre investiert werden.

Das ist noch Zukunftsmusik. Insofern handelt es sich doch erst einmal nur um gefühlte Vorteile.
Maisch: Das ist richtig.

Gibt es bereits konkrete Verbesserungen im Alltag der Ärzte?
Maisch: Ja, das, was im Makrobereich bei den Gebäuden erst noch kommt, ist im Mikrobereich bei den Gebrauchsgütern vielfach schon umgesetzt. Ein Beispiel: Ein Patient, der einen Defibrillator benötigt, erhält einen solchen jetzt zu „Rhön-Preisen“. Ein zweites Beispiel sind die wesentlich günstigeren Einkaufsbedingungen bei medikamentenfreisetzenden Stents. Wir haben nun nicht mehr wie früher bestimmte Kontingente und können bei Bedarf alle Patienten bis zum Jahresende mit diesen innovativen Produkten versorgen.

War es denn früher nicht möglich, solche Preise zu verhandeln, etwa in einem Verbund?
Maisch: Teilweise doch. Die Stents und die Defibrillatoren sind herausragende Beispiele. Es gibt andere Bereiche, in denen wir vorher schon gute Preise hatten. Die waren nicht sehr viel schlechter als nach der Privatisierung. Aber die Einkaufskraft eines Konzerns mit insgesamt 45 Kliniken ist doch letztlich größer. Dass wir die Medizinprodukte heute unterm Strich deutlich günstiger einkaufen, ist ein wichtiger Pluspunkt der Privatisierung.
Ihre Abteilungen stehen jetzt in Konkurrenz mit vergleichbaren Abteilungen des Rhön-Konzerns. Wie gefällt Ihnen das konzerninterne Benchmarking?
Maisch: Die Vergleiche hinken teilweise. Da wird Meiningen mit Frankfurt/Oder, Gießen oder Marburg verglichen. Zwar nimmt der Vergleich die für Forschung und Lehre ausgewiesenen Stellen aus, trotzdem gibt es Unterschiede. Denn selbst an einem Krankenhaus der Maximalversorgung mit optimaler Einrichtung wie Meiningen müssen weniger Leute aus- und weitergebildet werden als an einer Universitätsklinik. Aus- und Weiterbildung setzt immer Redundanz voraus. Diese wird noch nicht in ausreichendem Maß anerkannt.
Hinzu kommt: Als Universitätsklinikum haben wir Aufgaben in den Hochschulambulanzen oder in den Polikliniken zu erfüllen. Die waren schon immer chronisch unterfinanziert. Jeder Patient bringt in Marburg pro Quartal rund 140 Euro ein. Kommt ein Patient am Ende der ambulanten Behandlungskette ins Klinikum, braucht er in der Regel mehr als nur ein Gespräch. Das wird dann teuer. Apparative Untersuchungen, CT, MRT, Sonografie oder Echokardiografie können durch diesen Pauschalbetrag nicht gegenfinanziert werden.

Sind schon Stellen gestrichen worden wegen angeblich schlechter „Performance“ einer Abteilung?
Maisch: Bei den Ärzten sind bisher Wiederbesetzungen frei werdender Stellen kaum unterblieben. Gefühlt wird hier dennoch das schon vor der Privatisierung bestehende knappe Stellenkorsett. Dagegen gab es in Marburg im ersten Jahr der Privatisierung Personalreduktionen beim Pflegedienst (von 883 auf 836 Stellen), beim medizinisch-technischen Dienst (von 550 auf 504 Stellen) und in der Verwaltung (von 224 auf 215 Stellen). Insgesamt wurden am Standort Marburg binnen Jahresfrist 118 Stellen abgebaut. Nach dem Kooperationsvertrag darf bis 2010 niemandem mit einem unbefristeten Arbeitsvertrag gekündigt werden. Die Stellenreduktion betrifft deshalb nur Mitarbeiter/-innen mit einem befristeten und auslaufenden Arbeitsvertrag. Was nach 2010 wird, weiß ich nicht.

Ein Problem scheint die Abgrenzung zwischen Krankenversorgung und Forschung/Lehre zu sein. Ist das Konzept, nur die Krankenversorgung zu privatisieren und die anderen Bereiche als hoheitliche Aufgabe beim Land zu belassen, überhaupt umsetzbar?
Maisch: Wir Ärzte sind jetzt Diener mindestens zweier Herren. Dahinter steckt die Vorstellung, dass es Freiheit für Forschung und Lehre nur geben kann, wenn die Ärzte als Beamte oder Angestellte formal beim Land verbleiben. Dem Universitätsklinikum sind wir nur ausgeliehen.

Was heißt das?
Maisch: Rhön zahlt dem Land für die Ärzte eine Art Leihgebühr.

Leidet die Lehre unter diesem Konstrukt?
Maisch: De facto sind die Stellenanteile aus Forschung und Lehre, die bei den Ärzten circa 15 Prozent einer Abteilung ausmachen, nicht in die Benchmark einbezogen worden. Im Semester werden alle dem Klinikum geliehenen Ärzte in Seminaren, Unterricht am Krankenbett, in der Vorlesung zu festen Zeiten benötigt. Im Einzelnen ist dies ein Abstimmungsprozess, der bisher immer in der Hand des Abteilungsdirektors lag. Das wird aus praktischen Gründen auch so bleiben. Nur wenn es Schwierigkeiten gibt, schaut die Verwaltung genauer hin.

Die Geschäftsführung fragt also nach, ob das alles seine Berechtigung hatte, wenn ein Arzt aus der Krankenversorgung abgezogen werden musste?
Maisch: Richtig. Das muss man erklären. Aber das ist bisher unproblematisch.
Konfliktpotenzial bietet doch sicher auch die Berufung der Abteilungsdirektoren, die ja in der Regel Ordinarien sind und als solche vom Land berufen werden?
Maisch: In diesen Abstimmungsprozessen zwischen Universität und Ministerium ist mindestens ein Vertreter des Rhön-Klinikums informatorisch eingebunden. Er hält auch mit seiner Meinung nicht hinterm Berg, das braucht er auch gar nicht. Denn wir haben das gemeinsame Interesse, dass wir sehr gute Leute holen oder halten wollen. Und dieser Interessenkonsens hält in der Regel.

„Man braucht Kompromissbereitschaft auf beiden Seiten.“ Fotos: Jens Flintrop
„Man braucht Kompromissbereitschaft auf beiden Seiten.“ Fotos: Jens Flintrop
Wer sitzt am längeren Hebel, wenn es hart auf hart kommt?
Maisch: Als Dekan habe ich ein Vetorecht für den Fall, dass Forschung und Lehre betroffen sind.

Haben Sie das schon mal einsetzen müssen?
Maisch: Nein, aber es könnte bald so weit sein. Bei den Verhandlungen über den Jahresabschluss 2006 ging es um Fragen wie: Wie wird der Anteil von Forschung und Lehre bei der Raumnutzung auf den Stationen berechnet oder auch bei den Werkstätten oder in der Küche? Da gab es zunächst eine Differenz von fast sechs Millionen Euro. Inzwischen sind wir bei 750 000 Euro, die konsentiert sind. Die Kostenrechnungen waren teilweise einfach falsch, die Zuordnungen stimmten nicht. Da hat sich die Rhön-Geschäftsführung sehr einsichtig gezeigt – natürlich nicht ganz ohne Druck.

Lehre und Forschung sind Bereiche, die sich schlecht gegenrechnen lassen. Macht diese Erbsenzählerei überhaupt Sinn?
Maisch: Bisher haben wir diese Trennungsrechnung zwischen Forschung und Lehre einerseits und Krankenversorgung andererseits sehr strikt durchgezogen. Da ist sicherlich auch Wirklichkeitsfremdes dabei. Damit es am Schluss einigermaßen aufgeht, braucht man Kompromissbereitschaft auf beiden Seiten. Ein Patient im Universitätsklinikum ist zunächst wie in jedem Klinikum Patient im Sinne der Krankenversorgung. Es kann nicht sein, dass schon allein aufgrund der Tatsache, dass der Patient zur Therapie im Universitätsklinikum liegt, der Fachbereich anteilig an seiner Mitfinanzierung beteiligt wird. Wir sind gerne bereit, für das, was sein Aufenthalt für die studentische Ausbildung mehr kostet, auch zu bezahlen – aber nicht anteilig. Eine Grenzkostenrechnung ist hier gerechter und sinnvoller als eine anteilige Kostenrechnung. Letzten Endes sprechen wir da über sechs, sieben Millionen Euro jährlich.

Über eine Stiftung werden jährlich mindestens zwei Millionen Euro für medizinische Forschungsprojekte zur Verfügung gestellt. Nimmt Rhön Einfluss darauf, welche Projekte gefördert werden?

Maisch: Klar ist, dass die Rhön-Klinikum AG eher klinische Forschung fördern will. Insofern waren dann auch in den ersten beiden Jahren Projekte etwas bevorzugt begutachtet worden, bei denen es um klinische Forschung ging.

Welche Effekte der Privatisierung überwiegen bislang, die positiven oder die negativen?
Maisch: Meines Erachtens überwiegen im Augenblick durchaus die positiven Effekte. Aber bis zum Jahr 2010 dauert es noch ein Weilchen. Mal sehen, ob alle Versprechen eingehalten werden.
DÄ-Fragen: Jens Flintrop, Thomas Gerst
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