ArchivDeutsches Ärzteblatt25/2007Palliativmedizin: Quantensprung für die Versorgung Schwerstkranker

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Palliativmedizin: Quantensprung für die Versorgung Schwerstkranker

Dtsch Arztebl 2007; 104(25): A-1792 / B-1582 / C-1522

Klinkhammer, Gisela

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In Deutschland entwickelte sich die palliative Versorgung langsamer als in den angelsächsischen Ländern. Inzwischen existieren aber auch hierzulande mehr als 140 Palliativstationen.

Palliativmedizin ist an sich die Urmedizin – also die Versorgung der Bevölkerung bei den Siechen des späten Mittelalters und zu Beginn der Krankenhausbewegung“, sagte der Präsident der Bundes­ärzte­kammer, Prof. Dr. med. Jörg-Dietrich Hoppe, gegenüber dem Deutschen Ärzteblatt (DÄ, Heft 22/2007). Im Rahmen der „Vernaturwissenschaftlichung“ der Medizin in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und im gesamten 20. Jahrhundert seien jedoch Mängel entstanden. Vor allem mit der in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts einsetzenden rasanten Entwicklung der Medizin, mit der Entdeckung der Antibiotika und den operativen Möglichkeiten nach der Entwicklung der Anästhesie kam es zu einschneidenden Veränderungen.
Die Tradition der Sterbebegleitung und Pflege Schwerstkranker war allerdings nie ganz abgebrochen. So war es in Deutschland Pastor Theodor Fliedner, der vor rund 150 Jahren in Kaiserswerth ein Krankenhaus für Mittellose gründete, das vom ersten protestantischen Pflegeorden betrieben wurde. Nach Kaiserswerth kamen sowohl Florence Nightingale – sie legte dort sogar ihre Krankenschwesterprüfung ab – als auch Mary Aikenhead, die 1879 in Dublin ein Hospiz gründete, das als erstes Hospiz auf den Britischen Inseln gilt. Pionierleistungen in der Schmerztherapie wurden vom Londoner St.-Luke’s-Krankenhaus erbracht, das 1893 von den Methodisten gegründet wurde.
1948 suchte Cicely Saunders eben dieses St.-Luke’s-Krankenhaus auf, zunächst um aus einem Lehrkrankenhaus entlassene Patienten zu besuchen, später zur Aufnahme ihrer systematischen Arbeit, die die moderne Palliativbetreuung begründen sollte. Ihre ersten Erfahrungen hatte Saunders im Zweiten Weltkrieg gemacht. Nach dem Krieg ließ sie sich als Sozialfürsorgerin ausbilden. Nachts arbeitete sie als Sterbebegleiterin in Londoner Krankenhäusern.
Entwicklung der Hospizidee
Dr.-Mildred- Scheel-Haus: Ingeborg Jonen-Thielemann im Gespräch mit einem Patienten. Foto: KNA
Dr.-Mildred- Scheel-Haus: Ingeborg Jonen-Thielemann im Gespräch mit einem Patienten. Foto: KNA
Saunders studierte schließlich Medizin. Sie wies im Jahr 1962 nach, dass Patienten bei geeigneter Dosierung von Morphium ein normales Leben führen können und dass es bei richtiger Verwendung keine Suchtgefahr gebe. Sie stellte damit zum ersten Mal das Prinzip der Palliativmedizin auf eine wissenschaftliche Grundlage und kam zu der Schlussfolgerung, dass der ideale Ort für ein ganzheitliches Konzept mit medizinischer, sozialer und spiritueller Betreuung ein unabhängiges Hospiz sei. Im Jahr 1967 eröffnete sie dann das St Christopher’s Hospice, das als die Wiege der modernen Hospizbewegung gilt (DÄ, Heft 16/2007).
Die Hospizidee fand im englischsprachigen Raum eine rasche Ausbreitung. Im Jahr 1974 nahm in den USA das Connecticut Hospice seine Arbeit auf, ein Hausbetreuungsdienst mit hauptberuflichen und ehrenamtlichen Helfern, aber ohne eigene Betten. 1975 wurde die erste Palliativstation am Royal Victoria Hospital in Montreal gegründet. Die Station war in das Krankenhaus integriert, alle diagnostischen und therapeutischen Möglichkeiten des Krankenhauses standen den Patienten der Station zur Verfügung. Der Gründer dieses Krankenhauses, Belfour Mount, benutzte als erster in diesem Zusammenhang den Begriff „palliative care“.
Ähnliche Einrichtungen entstanden in den nächsten Jahren in vielen europäischen, asiatischen und amerikanischen Ländern. Eine Reihe von Hospizinitiativen wurde in der Bundesrepublik und vereinzelt auch in der Deutschen Demokratischen Republik gegründet. Erste palliativmedizinische Ansätze fanden Eingang in die Tumornachsorge und in onkologische Schwerpunktpraxen, in Hausarztpraxen und in die Krankenpflege. Bereits in den 60er-Jahren begannen Mitarbeiter im Tübinger Paul-Lechler-Krankenhaus, einer Klinik für Tropenmedizin und Innere Krankheiten, die in Londoner Hospizen gemachten Erfahrungen umzusetzen. Die Palliatividee wurde in die „normale“ Krankenhausarbeit integriert.
Im Jahr 1971 wurde in Deutschland der im St Christopher’s Hospice gedrehte Dokumentarfilm „Noch 16 Tage – eine Sterbeklinik in London“ ausgestrahlt. Dieser Film führte zur ersten öffentlichen Auseinandersetzung mit dem Thema der unzureichenden Versorgung von Schwerstkranken und Sterbenden. Der Film weckte aber gleichzeitig auch Assoziationen von „Sterbeklinik“, und von Kritikern wurde die Hospizidee sogar als Schritt zur Euthanasie missverstanden. Dieses Missverständnis führte immer wieder zu Diskussionen. Erst in den 80er-Jahren entstanden Initiativen und Vereine, die wesentlich zur Weiterverbreitung und Akzeptanz der Hospizidee beitrugen. So entstand beispielsweise im Jahr 1984 unter der Leitung von Johann-Christoph Student an der Evangelischen Fachhochschule Hannover die Arbeitsgruppe „Zuhause sterben“, die sich um eine Verbesserung der Situation von Sterbenden und Trauernden bemühte. Zunehmend begannen auch kirchliche und andere Wohlfahrtsverbände, die Hospizidee zu unterstützen.
Pionierarbeit geleistet
Der deutsche Pater Helmut R. Zielinski lernte im St Christopher’s Hospice nicht nur die Pflege-, sondern auch die Schmerzbehandlungskonzepte von Cicely Saunders kennen. Gemeinsam mit den Kölner Ärzten Prof. Dr. med. Dr. Heinz Pichlmaier und Dr. med. Ingeborg Jonen-Thielemann entwickelte er Pläne, auch in Deutschland eine Palliativstation zu errichten. Mit Unterstützung der Deutschen Krebshilfe konnte dies im Jahr 1983 in Köln verwirklicht werden. „Die Einrichtung der ersten Palliativstation in Deutschland gilt als Quantensprung für die Versorgung unheilbar kranker Krebspatienten in Deutschland“, schreibt die Deutsche Krebshilfe. Diese Station, die zunächst in der Chirurgischen Klinik der Universität angesiedelt war, wurde 1992 in das mit 15 Palliativbetten ausgestattete Dr.-Mildred-Scheel-Haus auf dem Gelände der Universitätskliniken zu Köln umgesiedelt.
Anfang der 80er-Jahre war die fachgerechte Betreuung schwerstkranker Menschen noch Pionierarbeit. Doch die kleine Kölner Station wurde bald zum Vorbild für weitere Einrichtungen. Bereits im Jahr 1984 wurde in Köln ein Hausbetreuungsdienst eingerichtet. 1988 folgte die Gründung des ersten Hospizes für palliative Therapie. Ebenfalls mit Unterstützung der Deutschen Krebshilfe wurden in Bonn die Palliativstationen der Paul-Janker-Klinik und des Malteser-Krankenhauses eröffnet. Dennoch ging die Entwicklung der Palliativmedizin in Deutschland langsamer voran als in Großbritannien. So gab es Anfang der 90er-Jahre nur je etwa ein Dutzend Hospize und Palliativstationen. Im Jahr 1994 wurde die Deutsche Gesellschaft für Palliativmedizin (DGP) gegründet, die Ärzte und andere Berufsgruppen zur gemeinsamen Arbeit am Aufbau und Fortschritt der Palliativmedizin vereinen will. Inzwischen existieren immerhin 1 300 ambulante Hospizdienste, 139 stationäre Hospize und 142 Palliativstationen.
Der größte Nachholbedarf besteht nach Ansicht der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin bei den ambulanten Palliativdiensten. Bis auf wenige Modellprojekte und Einzelinitiativen habe sich deren Etablierung in Deutschland bisher nicht durchsetzen können. Nach dem vor Kurzem in Kraft getretenen GKV-Wettbewerbsstärkungsgesetz sollen von den Kostenträgern künftig die nötigen Mittel zur Verfügung gestellt werden. Im stationären Bereich geraten durch die Einführung des DRG-Systems in der Krankenhausfinanzierung inzwischen vielerorts Palliativstationen ebenfalls in eine bedrohliche Lage, da eine Abbildung der auf Palliativstationen geleisteten Arbeit in der DRG-Systematik bisher nicht möglich war.
Im Bereich der Aus-, Weiter- und Fortbildung ist es, so die DGP, in den letzten Jahren „zu bemerkenswerten Initiativen und Veränderungen gekommen“. Vom Deutschen Ärztetag wurde im Jahr 2003 eine neue (Muster-)Weiter­bildungs­ordnung verabschiedet, die eine eigenständige Zusatz-Weiterbildung Palliativmedizin ermöglicht und die Palliativmedizin darüber hinaus auch zum Gegenstand der Weiterbildung in allen patientennahen Fachgebieten gemacht hat. „Auch in der neuen Approbationsordnung für Ärzte werden Palliativmedizin und Schmerztherapie immerhin erwähnt. Hingegen wurde der Forderung der DGP, die Palliativmedizin zum Pflichtlehr- und Prüfungsfach für Medizinstudenten zu machen, leider nicht entsprochen.“
Gisela Klinkhammer

Literatur
Aulbert E, Nauck F, Radbruch L: Lehrbuch der Palliativmedizin. Stuttgart. Schattauer 2007. 5–10.
Deutsche Krebshilfe: 30 Jahre Deutsche Krebshilfe – Verantwortung für das Leben. 2004. 66–9.
Ford G: Entstehungsgeschichte und Entwicklung der Palliativbetreuung im Vereinigten
Königreich (www.fes.de/fulltext/asfo/ 00231003.htm).

Weitere Informationen zur Palliativmedizin: www.aerzteblatt.de/
dossiers/palliativ
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