ArchivDeutsches Ärzteblatt25/2007Sturzprävention: Krafttraining mit 85

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Sturzprävention: Krafttraining mit 85

Dtsch Arztebl 2007; 104(25): A-1796 / B-1584 / C-1524

Rieser, Sabine

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Foto: dpa
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Senioren wird häufig geraten, ihre Wohnung anzupassen, um Stürze zu vermeiden. Sinnvoll ist es zudem, Kraft und Balance zu trainieren – selbst in hohem Alter.

Knielanger dunkler Rock, gestreifte kurzärmelige Bluse, graue, gewellte Haare. Eigentlich eine alte Frau wie so viele. Wenn da nicht die blauen Gewichtsmanschetten um ihre Waden wären. Und die kleinen Hanteln, die gerade neben dem Stuhl liegen, hinter dem sie turnt.
Zum Seniorenkaffee ist die alte Dame nicht in die Düsseldorfer Begegnungsstätte gekommen. Sie hat sich vielmehr für einen Kurs zum Training von Kraft und Balance entschieden. Solche Kurse werden mittlerweile in zehn Düsseldorfer Begegnungsstätten angeboten und sollen nach und nach ausgedehnt werden, auch über die Stadtgrenzen hinaus. Dabei handelt es sich um ein Modellprojekt für Senioren, initiiert von der Ärztekammer Nordrhein mit den Betriebskrankenkassen zur Prävention von Stürzen und sturzbedingten Verletzungen.
„Nachdem die Ärztekammer bereits ein Modell zur Sturzprävention in stationären Einrichtungen der Altenpflege umgesetzt hat, zielt das neue Projekt darauf ab, Senioren zu erreichen, die zu Hause leben, ein erhöhtes Sturzrisiko haben und eine Gangunsicherheit aufweisen“, erläutert Dr. med. Andrea Icks, die in der Ärztekammer für Gesundheitsberatung zuständig ist. Einmal in der Woche üben spezifisch qualifizierte Trainer mit den Senioren, die mehrheitlich über 75 Jahre alt sind. Zusätzlich erläutern sie, wie die Kursteilnehmer zwischendurch zu Hause üben können.
Sturz, Bruch, Unbeweglichkeit
In verschiedenen Analysen zur Sturzprävention sind Wissenschaftler zu dem Ergebnis gekommen, dass mehrteilig angelegte Programme am nützlichsten sind. Es zählt nicht nur die Anpassung der Wohnung, die Überprüfung der Sehleistung, der Check der Medikation, beispielsweise die Vermeidung von Benzodiazepinen. Besondere Bedeutung scheint das Training von Kraft und Balance zu haben.
Im Alter sicher auf den Beinen zu sein, ist keine Selbstverständlichkeit. Nach Angaben der Ärztekammer Nordrhein stürzt hierzulande pro Jahr etwa die Hälfte der über 80-Jährigen, die zu Hause leben. Etwa fünf von 100 Stürzen führen zu Knochenbrüchen, etwa ein bis zwei zu Oberschenkelhalsbrüchen. Danach erlangt nur noch jeder zweite Betroffene seine vorherige Beweglichkeit zurück, etwa jeder fünfte bleibt ständig pflegebedürftig.
Bislang schien das Interesse an Sturzprävention bei vielen Ärztinnen und Ärzten nicht ausgeprägt, doch das ändert sich offenbar. So unterstützt beispielsweise das Hausarztnetz Düsseldorf (HAND) das Modellprojekt der Kammer. HAND-Mitglied Dr. André Schumacher verweist darauf, dass er und rund 150 Kollegen im Netz gezielt über die Kursangebote und weitere Aspekte des Themas informiert wurden. „Die Hausärzte haben erkannt, dass Sturzprävention ein wichtiges Thema ist“, sagt er.
Und nicht nur sie. Man solle Erkenntnisse zur Sturzprävention aus anderen Ländern nutzen, schlug Marion Caspers-Merk Mitte Juni in Berlin vor. Die Parlamentarische Staatssekretärin im Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium (BMG) äußerte sich am Rand einer Expertenrunde. Veranstalter waren das europäische Netzwerk „ProFaNe“ (Prevention of Falls Network Europe) und das BMG. Als sehr erfolgreich gilt nach den Worten von Dr. med. Clemens Becker, Arbeitsgruppenleiter bei Profane, beispielsweise ein Konzept aus Großbritannien, dem das Projekt der Ärztekammer Nordrhein ähnelt. Dort wurden mittlerweile mehrere Tausend Übungsleiter ausgebildet, die Senioren trainieren, damit sie Kraft und Beweglichkeit erhalten.
Von einem so umfangreichen Angebot ist Deutschland weit entfernt. Doch auch der Deutsche Olympische Sportbund hat die Sturzprävention entdeckt. Derzeit würden entsprechende Trainingsinhalte in Sportkurse eingebaut und Übungsleiter geschult, berichtete eine Mitarbeiterin während der Profane-Tagung. Der Bedarf ist vorhanden. Denn in Sportvereinen sind Senioren die Mitgliedergruppe, die am stärksten wächst.
Sabine Rieser


Weitere Informationen im Internet:
www.aekno.de/buergerinfo/
gesundheitsfoerderung
www.profane.eu.org
www.aktivinjedemalter.de
(Informationen über das sogenannte Ulmer Modell und zahlreiche praxisnahe Tipps)
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