ArchivDeutsches Ärzteblatt25/2007Demografie: Die Alphamädchen Ost suchen ihr Heil im Westen

POLITIK

Demografie: Die Alphamädchen Ost suchen ihr Heil im Westen

Dtsch Arztebl 2007; 104(25): A-1797 / B-1585 / C-1525

Jachertz, Norbert

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LNSLNS Die Bevölkerungszahl in Ostdeutschland geht überproportional zurück.

Das Thema füllte locker das Sommerloch: Den Jungmannen im Osten kommen die Frauen abhanden. Umso anfälliger werden sie für die rechte Männerbündelei. Und die Frauen wandern in den Westen ab, weil sie zu Hause keine adäquaten Partner finden. Denn junge Ost-Frauen sind gebildeter, beweglicher und aufstiegsorientierter als die heimischen Männer. Sie sind eben auch „Alphamädchen“, wie der „Spiegel“ das neue deutsche Fräuleinwunder taufte – in Abwandlung eines Diktums von Frau von der Leyen, die Widerstände gegen ihre Familienpolitik bei gewissen Alphamännchen ortete.
Die Ost-West-Geschichte über das statistisch abnorme Geschlechter(miss)verhältnis geht von einer Studie des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung aus. Das private Institut legte Ende Mai eine Studie („Mann in Not“) vor, die das spröde Material so verlockend aufbereitete, dass die gute alte FAZ sogar auf der Titelseite damit aufmachte. Und viele, viele Blätter folgten.
Seit 1989 ist die Bevölkerungszahl in Ostdeutschland um rund zehn Prozent oder 1,5 Millionen zurückgegangen. 735 000 Männer und 866 000 Frauen sind abgewandert und nur wenige hinzugezogen. In den beiden ersten Jahren nach der Wende zogen mehr Männer gen Westen, „doch je jünger die Auswanderer sind, umso größer wird die Dominanz der Frauen“ (Studie). Das hat für den Osten unangenehme Folgen. In der Altersgruppe der 18- bis 29-Jährigen zum Beispiel kommen auf 100 Männer lediglich 90 (und weniger) Frauen, in Krisenregionen sogar weniger als 80. Die Abwanderung junger Frauen geht einher mit einem „Geburtenverlust“. Würden diese Frauen im Osten bleiben, dann gäbe es dort jährlich rund 10 000 Geburten mehr. Für die Jahre 1995 bis 2005 wird somit der Geburtenverlust auf 100 000 berechnet.
Der Westen hingegen profitiert davon. Das Statistische Bundesamt rechnet in den alten Bundesländer zwischen 2006 und 2050 mit einem Bevölkerungsrückgang von „nur“ 14 Prozent, in den neuen Ländern dagegen von 31 Prozent. Der Rückgang geht einher mit fortschreitender Überalterung, im Westen weniger, im Osten dramatisch. Der Altenquotient (Anzahl der Alten je 100 Personen im erwerbstätigen Alter), der heute in Ost und West mit 35 beziehungsweise 32 fast gleichauf liegt, steigt im Osten bis 2050 auf 80, im Westen auf „nur“ 62. Bevölkerungsabnahme und fortschreitende Alterung werden zu neuen Organisationsformen auch in der medizinisch-ärztlichen Versorgung, vor allem der strukturschwachen, weiterhin sich ausdünnenden Regionen, führen müssen.
Jungen und Mädchen sind, gemessen am Schulabschluss, nicht nur in Ostdeutschland, aber gerade auch hier unterschiedlich qualifiziert. Zwischen 1999 und 2004 machten 31 Prozent der Mädchen im Osten Abitur, aber nur 21 Prozent der Jungen. Für diese gebildeten jungen Frauen bietet der Arbeitsmarkt im Osten bisher zu wenig geeignete Positionen, sie suchen ihr Heil daher in Westdeutschland. Sie wandern aber auch deshalb ab, weil ihnen Bildungsstand und Berufschancen möglicher Partner nicht ausreichen.
Zurückbleibende junge Frauen ziehen sich offenbar gern auf die Mutterrolle zurück. Mit zwei problematischen Nebeneffekten: In den meisten ostdeutschen Kreisen hat der Anteil der von unter 20-jährigen Müttern geborenen Kinder deutlich zugenommen. Und auch die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche bei minderjährigen Frauen liegt im Osten relativ hoch. Zwischen 1996 und 2005 stieg sie von 18 auf 36 Abbrüche je 10 000 Frauen, in den alten Ländern hingegen nur von 15 auf 22.
Das Bild vom Frauenverlust und seinen Folgen für den Osten ist freilich nicht ganz so dunkel, wie es scheint. Die jungen qualifizierten Frauen wandern nämlich nicht nur nach Westen ab, sondern auch innerhalb Ostdeutschlands in die Städte, in denen sich etwas tut, nach Berlin, Dresden, Leipzig oder Jena, auch Magdeburg, um einige Leuchttürme zu nennen. Die jungen Frauen bleiben also, wenn sie im Osten ihre Chance finden – bei der Suche nach einem Arbeitsplatz, der der Qualifikation entspricht, aber auch bei der Suche nach dem passenden Partner. Alphamädchen suchen halt Alphamännchen. Also, Ihr Jungen im Osten: statt Rückzug in die Männerbünde, rein in die höhere Bildung. Dann wird sich alles auch mal wieder wenden.
Norbert Jachertz
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