ArchivDeutsches Ärzteblatt25/2007Medizin im Zweiten Weltkrieg. Militärmedizinische Praxis und medizinische Wissenschaft im „Totalen Krieg“

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Medizin im Zweiten Weltkrieg. Militärmedizinische Praxis und medizinische Wissenschaft im „Totalen Krieg“

Dtsch Arztebl 2007; 104(25): A-1817 / B-1601 / C-1541

Eckart, Wolfgang U.; Neumann, Alexander

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Im öffentlichen Bewusstsein gelten die Militärmediziner als Sondergruppe der Ärzteschaft, die in der NS-Zeit und während des Zweiten Weltkriegs hocheffiziente Leistungen erbracht habe und aufgrund ihres hohen Berufsethos bis zuletzt „sauber“ geblieben sei. In diesem Licht erschien es auch als angemessen, dass sie personell und institutionell ungebrochen im Sanitätswesen der Bundeswehr fortwirkten. Wer trotzdem Zweifel anmeldete, wurde auf die monumentale Dokumentation des ehemaligen Sanitätsoffiziers Hubert Fischer verwiesen, in der dieser seiner Berufsgruppe ein uneingeschränkt positives Denkmal gesetzt hatte.
Mit diesem Mythos wird in dem Sammelband gründlich aufgeräumt. Er füllt eine wichtige Lücke der kritisch-historischen Analyse, die bislang zu sehr auf das Wirken der SS- und KZ-Ärzte, der Akteure der Psychiatriemorde und der nationalsozialistischen Funktionsträger in Gesundheitswesen und „Rassenhygiene“ fokussiert war. Gerade die Militärmediziner – die aktiven Sanitätsoffiziere und die sie „beratenden“ Hochschullehrer – sahen im Krieg ein Massenexperiment, das der medizinischen Forschung einmalige Gelegenheiten verschaffte. Für sie waren die Soldaten in erster Linie „Menschenmaterial“, dessen Individualität nicht mehr zählte und das sie in hypernationalistischer Verblendung auch dann noch in den Kampf schickten, als ihre physischen und gesundheitlichen Reserven erschöpft waren. Dabei träumten auch Sanitätsoffiziere vom Ideal einer serologischen Differenzierung der Menschenrassen, missbrauchten Lazarettinsassen und Kriegsgefangene zu Malaria-Experimenten und groß angelegten ernährungsphysiologischen Versuchsserien, partizipierten an KZ-Versuchsserien zur Giftgasforschung und beteiligten sich aktiv an der Erforschung der biologischen und chemischen Massenvernichtungswaffen in defensiver wie offensiver Absicht.
Zusätzlich zu dieser überfälligen Korrektur unseres medizinhistorischen Geschichtsbilds betreten die Herausgeber dieses Sammelbands Neuland und verweisen auf die künftigen Perspektiven der Forschung. Es geht um die sozialgeschichtliche Vertiefung unseres Wissens über den grausigen Alltag auf den Hauptverbandsplätzen und in den Frontlazaretten, wozu Wolfgang U. Eckart einen erschütternden Essay über Krankheit und Verwundung im Kessel von Stalingrad beisteuert, während sich Ulrike Thoms mit der immer prekärer gewordenen Verpflegungssituation der Wehrmacht auseinandersetzt. Und es ist längst an der Zeit, die Geschichte der NS-Medizin in ihren militärischen wie zivilen Sektoren vergleichend zu bilanzieren. Erste Ansätze dazu finden sich in einem Aufsatz von Iris Borowy über die Stellung der Gesundheitsorganisation des Völkerbunds zum Deutschen Reich während des Zweiten Weltkriegs und in der schon erwähnten Skizze über die Malariaforschung, in der die Autorin die analogen Aktivitäten des britischen Sanitätskorps als Vergleichsmaßstab heranzieht.
Karl Heinz Roth

Wolfgang U. Eckart, Alexander Neumann (Hrsg.): Medizin im Zweiten Weltkrieg. Militärmedizinische Praxis und medizinische Wissenschaft im „Totalen Krieg“. Schöningh, Stuttgart, 2006, 238 Seiten, gebunden, 34,90 Euro
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