GELDANLAGE

Am Brunnen angekommen

Dtsch Arztebl 2007; 104(25): A-1856 / B-1638 / C-1574

Rombach, Reinhold

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LNSLNS Der Krug geht bekanntlich bis zum Bruchzeitpunkt an den Brunnen, auch wenn es etwas dauert. Bei der Göttinger Gruppe allerdings mussten die Beobachter durchaus eine lange Weile ausharren, bis sich die Scherben für jedermann sichtbar offenbarten.
Schon in den 90er-Jahren mahnten einige kritische Stimmen das Geschäftsgebaren der Göttinger Gruppe (GG) an, genutzt hat es wohl nur in Einzelfällen. Auch Börsebius schrieb in den letzten 20 Jahren mehrfach gegen die Produkte der GG an. Gleichwohl sammelten die Macher der GG bei rund 100 000 vornehmlich deutschen Bürgern mindestens eine Milliarde Euro ein, manche Schätzungen sprechen sogar von mehreren Milliarden.
Den Anlegern wurden von der – übrigens in Berlin ansässigen – Göttinger Gruppe Sparpläne für die Altersvorsorge angeboten, was durchaus seriös daherkam – wer will nicht Sorge für später treffen. Tatsächlich aber wurden mit den eingesammelten Geldern ziemlich riskante typische oder atypische Unternehmensbeteiligungen eingegangen und dies auch noch in einem vertrackt verschachtelten Firmenkomplex der GG um die 1986 gegründete Securenta AG.
Die Geschäfte liefen nur so lange gut, bis der Bundesgerichtshof (BGH) 2005 die GG dazu verdonnerte, Einlagen zurückzuzahlen. Das „modifizierte“ Schneeballsystem (OLG Köln im April 2001) musste spätestens dann platzen, als nicht mehr genügend frisches Geld akquiriert werden konnte, um die Ansprüche der Altanleger zu bedienen.
So kam es dann auch. Die Göttinger Gruppe stellte Anfang dieses Monats beim Amtsgericht Berlin-Charlottenburg einen Insolvenzantrag, nachdem sich schon zuvor der Himmel über den GG-Machern ziemlich verdüstert hatte. Das Amtsgericht Göttingen präsentierte 137 führenden Managern Haftbefehle wegen Vereitelung oder Verschleppung von Vollstreckungsmaßnahmen.
Am Brunnen angekommen, heißt freilich noch lange nicht, Scherben wegkehren, und das war’s dann. Es ist nämlich durchaus damit zu rechnen, dass der Konkursverwalter sich bei den Anlegern (zusätzlich) noch für die Schulden der Göttinger schadlos hält. Der Scherbenhaufen droht also noch ziemliche Ausmaße anzunehmen. Eine bittere Lektüre mit noch ungewissem Ausgang bahnt sich an.
Macht denn die Berichterstattung über windige Finanzhaie überhaupt Sinn, sollte Börsebius nicht einfach nur über „schöne“ Dinge schreiben, statt bloß zu meckern? Dass so viele Leute immer wieder auf dubiose Geschäftemacher hereinfallen, darf gleichwohl nicht zur Frustration kritischer Berichterstatter führen. Die Gier nach der schnellen Mark durch den todsicheren Tipp stimuliert einfach, unüberlegt zu handeln. Die Hoffnung, wenigstens eine Handvoll Unentschlossener davor bewahrt zu haben, ins Unglück zu rennen, sollte ausreichen, nach wie vor den Finger in die Wunde zu legen. Immer dann, wenn Anlass dazu besteht.
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