ArchivDeutsches Ärzteblatt25/2007Umfrage: Arztrechnungen werden zunehmend kritisch geprüft

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Umfrage: Arztrechnungen werden zunehmend kritisch geprüft

Dtsch Arztebl 2007; 104(25): [127]

Flintrop, Jens

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LNSLNS Eine vermeintlich fehlerhafte Arztrechnung wird immer häufiger zum Arzthaftpflichtfall.

Zwei Drittel der Deutschen sehen sich ihre Zahnarztrechnungen genau an, um zu prüfen, ob sie fehlerhaft sind beziehungsweise ob die dort aufgeführten Leistungen auch tatsächlich erbracht wurden. Dabei nimmt sich die große Mehrheit der Zahnärzte die Zeit, ihren Patienten die Rechnungen umfassend zu erläutern. Bei mehr als 13 Prozent bleiben aber dennoch Zweifel an der Richtigkeit der Rechnung, knapp fünf Prozent werden sogar aktiv – bis hin zum Prozess. Dies ergab eine repräsentative Befragung des größten deutschen Arzthaftpflichtversicherers DBV-Winterthur in Zusammenarbeit mit TNS-Infratest.
Meist unberechtigte Vorwürfe
Bei der Umfrage wurde ermittelt, ob sich Patienten, die eine Rechnung von ihrem Zahnarzt bekommen – entweder als privat Versicherter oder wenn es sich um den selbst zu zahlenden Eigenanteil geht –, diese genauer anschauen. 70 Prozent haben dies bejaht, während 21 Prozent geantwortet haben, dass sie ihrem Arzt vertrauen würden, dass bei der Rechnung alles seine Ordnung hat. Sechs Prozent gaben an, dass sie Arztrechnungen mit den ganzen Fachbegriffen sowieso nicht verstehen würden. Positiv: Eine große Mehrheit von 71 Prozent betonte, dass ihr Zahnarzt bei Nachfrage versucht habe, ihnen die Inhalte der Rechnung umfassend zu erläutern. Nur 3,3 Prozent äußerten, dass der Arzt auf Nachfrage oft genervt oder mürrisch reagiert hätte.
Trotzdem können immerhin 13,3 Prozent der Befragten nicht zufriedengestellt werden. 8,8 Prozent gaben an, dass bei Rechnungen auch nach den persönlichen Erläuterungen Zweifel blieben, ob diese auch wirklich korrekt war. 4,5 Prozent der Befragten sind sogar schon ein- oder mehrmals aktiv geworden, weil sie die Zahnarztrechnung nicht für korrekt hielten – sei es durch massive Beschwerden beim Zahnarzt selbst oder bei anderen Stellen (zum Beispiel dem Ombudsmann für die private Kran­ken­ver­siche­rung) oder sogar mit anwaltlicher Hilfe.
„Wir stellen immer häufiger fest, dass eine vermeintlich fehlerhafte Rechnung zum Arzthaftpflichtfall wird“, berichtete Patrick Weidinger, Leiter Arzthaftpflicht bei der DBV-Winterthur, beim 113. Internistenkongress in Wiesbaden. Immer dann wenn der Patient die Behandlungskosten ganz oder teilweise persönlich trage, gehe es bei den Arzthaftpflichtfällen oft nicht – wie sonst üblich – um Schadenersatzansprüche, sondern um einen Streit über die Liquidation. Der Patient trage vor, dass er die Rechnung nicht bezahlen wolle, weil er mit der Leistung unzufrieden sei. Erst im weiteren Verlauf stelle er dann eigene Schadenersatzansprüche, weil die vermeintliche schlechte Leistung des Arztes zu einem Körperschaden geführt habe. Weidinger: „Diese Tendenz, Arztrechnungen zu hinterfragen und Fehler zu suchen, könnte ihre Ursache
in der zunehmenden finanziellen Belastung der Patienten haben.“
Grundsätzlich gilt: Seit Jahren ist der überwiegende Anteil der erhobenen Vorwürfe gegen Ärzte in Bezug auf Behandlungsfehler unberechtigt. Beim Marktführer DBV-Winterthur sind 128 000 Ärzte berufshaftpflichtversichert. Im Jahr 2006 gingen bei der Versicherung 4 362 Meldungen über vermeintliche Behandlungsfehler ein. Von diesen Vorwürfen waren 46 Prozent berechtigt, 54 Prozent jedoch nachgewiesen unberechtigt. Dies gilt nicht erst seit 2006. Weidinger: „Obwohl unser Bestand an Arzthaftpflichtversicherten in den vergangenen zehn Jahren kontinuierlich zugenommen hat, blieb die absolute Zahl der jährlichen Schadensmeldungen in diesem Zeitraum stabil.“ Ebenso stabil sei das Verhältnis von berechtigten zu unberechtigten Vorwürfen geblieben: Mehr als die Hälfte der Vorwürfe seien stets nachgewiesen unberechtigt gewesen.
Die DBV-Winterthur bevorzugt den Angaben zufolge immer eine außergerichtliche Einigung. Unmittelbar nach einer Schadensmeldung prüften die Juristen des Unternehmens, gemeinsam mit Beratungsärzten, eine mögliche Haftungssituation. Ziel sei eine zeitnahe und zugleich richtige Entscheidung. In deren Folge würden berechtigte Ansprüche angemessen befriedigt und unberechtigte mit nachvollziehbarer Begründung zurückgewiesen. 89 Prozent aller Fälle können auf diese Weise außerhalb des Gerichtssaals geklärt werden.
Schlichtung hat Vorrang
Bei der Entscheidungsfindung spielten die Gutachter- und Schlichtungsstellen eine große Rolle. In 30 Prozent aller Fälle würden diese durch den Patienten angerufen. Ihr Ergebnis werde meist von allen Beteiligten akzeptiert. Der Anteil der Schlichtungsverfahren beträgt 32 Prozent. Ein gerichtliches Verfahren werde nur aufgenommen, wenn es unvermeidbar ist. Dies kann zum Beispiel der Fall sein, wenn Forderungen der Höhe nach deutlich über den Vergleichsbeträgen der Rechtsprechung liegen. „Vor diesem Hintergrund erstaunt es nicht, dass der beklagte Arzt nur selten den Prozess verliert“, resümiert Weidinger, „von den acht Prozent aller Fälle, in denen es zum Zivilprozess kam, hat der Arzt nur bei vier Prozent verloren: gerade einmal 0,44 Prozent aller Fälle.“
Jens Flintrop
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