ArchivDeutsches Ärzteblatt25/2007Von schräg unten: Fälschung

SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Fälschung

Dtsch Arztebl 2007; 104(25): [128]

Böhmeke, Thomas

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Als vor einiger Zeit aufflog, dass der Koreaner Hwang Woo-Suk seine Stammzellen in reichlich erfundenen Petrischalen gezüchtet hatte, wurde eine vergessen geglaubte Diagnose wieder wachgerüttelt: Auch unsere moderne Wissenschaft beruht auf wackligen Daten. Manche Stimmen echauffierten sich darüber, dass – pfui! – über ein Drittel aller wissenschaftlichen Daten erfunden seien. „Warum regen die sich eigentlich so auf?“, mag sich unsereins fragen, denn Irrtum und Fälschung gehören nun mal zur Wissenschaft genauso wie die Klavikulafraktur zum Motorradfahren, das Kontaktekzem zum Modeschmuck oder die Depression zur Quartalsabrechnung. Die Schwierigkeit liegt aber für uns Ärzte ganz woanders: Wir dürfen ja schon lange nicht mehr unserem besten Wissen und Gewissen gehorchen, sondern nur noch den Prinzipien ebendieser Wissenschaft, so wollen es die Fachgesellschaften, die Politik und alle übrigen Evidenzblasierten. Wenn aber nun eine Messlatte von 30 Prozent falscher Daten vorgegeben ist, so kommen wir in üble Bedrängnis, da im Fälschen völlig ungeübt. Es wird daher höchste Zeit, dass dieses Thema mit gewohnt zuverlässiger Präzision von schräg unten durchleuchtet wird.
Ich nutze meinen freien Mittwochnachmittag, um die Möglichkeiten falscher Datenerhebungen in einer niedergelassenen Praxis auszuloten. Ich hefte zunächst EKG-Elektroden an meinen Brustkorb und dekonnektiere sie für wenige Sekunden. Mit wenig Übung zaubere ich einen überzeugenden Sinusarrest in meinen Spannungskurvenverlauf. Mist. 30 Jahre zu spät. Im Gymnasium hätte ich damit eine prima Entschuldigung für meinen Sekundenschlaf während des Matheunterrichts gehabt; nachfolgende Freistunde inklusive. Alsdann bewege ich die EKG-Elektroden rhythmisch, auch hier bedarf es nur eines kurzen Experimentalstadiums, bis eine über alle Zweifel erhabene Kammertachykardie meinen Sinusrhythmus unterbricht. Hätte ich das doch mal früher gemacht, dann wäre mir die Bundeswehr erspart geblieben. Zufrieden mit meinen EKG-Fälschungen, greife ich zum Langzeit-Blutdruckmessgerät. Auch hier benötige ich nur wenige Manipulationen, um drastisch überhöhte Messwerte hinzulegen. Nicht schlecht, denke ich mir, und entblöße meinen Leib, um einzelne Organe den verräterischen Ultraschallwellen auszusetzen. Mein völlig gesundes Herz erweist sich als dankbares Fälschungsobjekt; im apikalen Vierkammerblick habe ich mir schnell einen Mitralklappenprolaps angedichtet, mit tangentialem Anschallen der Segelränder auch die zugehörige endokarditische Apposition. Schalle ich den linken Ventrikel nahe dem Mitralklappenring an, so sieht es aus wie ein alter Hinterwandinfarkt. Begeistert betrachte ich mein Werk. Diese sauber dokumentierten Bildsequenzen würden für mindestens drei Monate Krankschreibung ausreichen, aber leider bin ich selbstständig. Völlig hingerissen schalle ich nun lauter Raumforderungen in meine Leber, lauere auf Artefakte, die mir Gallensteine vorgaukeln und eingerissene Aortenwände . . .
Zufrieden lehne ich mich zurück. Der Koreaner wäre mächtig stolz auf mich und meine Diagnosen: Maligne Hypertonie. Ventrikuläre Tachykardien. Multiple Leberrundherde. Hinterwandinfarkt. Aortendissektion. Intermittierender sinuaurikulärer Block. Mitralklappenprolaps mit Endokarditis.
Was bin ich nur für ein fantastischer Diagnostiker. Das hätte . . . Halt! HALT! Bitte nicht drucken! NICHT DRUCKEN!
Zu spät. Was bin ich nur für ein fantastischer Idiot. Das hätte locker für meine Berufsunfähigkeit ausgereicht.

Dr. med. Thomas Böhmeke ist niedergelassener
Kardiologe in Gladbeck.
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