ArchivDeutsches Ärzteblatt26/2007Berufsperspektiven: „Ja“ zum Arztberuf, „Nein“ zu deutschen Verhältnissen

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Berufsperspektiven: „Ja“ zum Arztberuf, „Nein“ zu deutschen Verhältnissen

Dtsch Arztebl 2007; 104(26): A-1881 / B-1661 / C-1597

Richter-Kuhlmann, Eva

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Foto: dpa
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Die heutigen Studierenden wollen kurativ tätig sein – nicht unbedingt jedoch in Deutschland. Nur zwei von drei Studenten sehen gute Berufschancen an deutschen Krankenhäusern: Ergebnisse einer Umfrage des Deutschen Ärztesblattes Studieren.de.

Fast alle nötigen Papiere und Unterlagen hat sie sich bereits besorgt. Mareike Michel, Medizinstudentin im zwölften Semester, möchte Krankenhausärztin werden, Neurologin – das weiß sie schon lange. Doch eine Änderung ihres Berufs- und Lebensziels hat es inzwischen gegeben: Ausüben möchte sie den Arztberuf nicht in Deutschland, sondern in Großbritannien.
Mareike Michel ist kein Einzelfall. Das Gefühl, aus den deutschen Zwängen ausbrechen zu müssen, kennen viele Nachwuchsmediziner. Mehr als 12 000 Ärztinnen und Ärzte haben Deutschland seit dem Jahr 2000 den Rücken gekehrt. Für die Zukunft ist die Situation als ernst einzuschätzen. Deutschland ohne Ärzte? Fast zwei Drittel der heutigen Medizinstudierenden können sich vorstellen auszuwandern. Dies ergab die Umfrage des Deutschen Ärzteblattes Studieren.de*, unterstützt von der Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland (BVMD). Mehr als 1 600 Studierende aller medizinischen Fakultäten in Deutschland nahmen zwischen März und Juni 2007 an der Internetbefragung des „Deutschen Ärzteblattes Studieren.de“ teil.
Die Ergebnisse zeigen: Der klassische Arztberuf hat – allen Unkenrufen zum Trotz – noch nicht an Attraktivität verloren: 90 Prozent der Nachwuchsmediziner in Deutschland wollen kurativ tätig werden (Grafik 1). Der Wunsch, in einem alternativen Berufsfeld zu arbeiten oder ausschließlich zu forschen, ist bei den Studierenden, von denen sich 73 Prozent bereits im klinischen Abschnitt ihres Studiums befinden, eher gering ausgeprägt. Als ausschlaggebend für die Wahl einer kurativen Tätigkeit geben sie die Nähe zu den Patientinnen und Patienten (96 Prozent) sowie ein großes fachliches Interesse (96 Prozent) an. Für 92 Prozent stellt die Arbeit im kurativen Bereich zugleich eine persönliche Herausforderung dar. Auch den Wunsch, Verantwortung zu tragen (88 Prozent) und im Team zu arbeiten (86 Prozent), nennen die Nachwuchsmediziner. Weniger wichtig ist ihnen eine „Berufung zum Heiler“ (71 Prozent) sowie das gesellschaftliche Ansehen (62 Prozent).
Weniger begehrt: alternative Berufsfelder
Deutlich geringeres Interesse zeigen die Studierenden an einer ärztlichen Tätigkeit im nicht kurativen Bereich, wie zum Beispiel bei einer Krankenkasse oder in der Industrie. Als attraktives Arbeitsfeld bewerten 59 Prozent der Studierenden die Forschung, 55 Prozent eine Tätigkeit beim öffentlichen Gesundheitsdienst und lediglich 24 Prozent die Arbeit bei einer Krankenkasse. Als Gründe dafür, nach Beendigung des Studiums möglicherweise doch eine nicht kurative Tätigkeit zu ergreifen, nennen die Studierenden bessere Arbeitszeiten (94 Prozent), die gesundheitspolitischen Rahmenbedingungen (86 Prozent) und eine bessere Arbeitsatmosphäre (62 Prozent).
Weltoffen und interessiert an fachlichem Austausch über Landesgrenzen hinweg – so zeigen sich die Medizinstudierenden. Fast alle (89 Prozent) geben an, die sich ihnen bietenden Möglichkeiten nutzen und gern auch im Ausland tätig werden zu wollen. Zunehmende Mobilität und Flexibilität innerhalb Europas sowie eine Vernetzung der Gesundheitssysteme werden diesen Trend künftig sicher noch verstärken. Doch Deutschlands Medizinstudierende sind nicht nur an einem temporären Austauch interessiert. Knapp zwei Drittel (64 Prozent) können sich vorstellen, aus Deutschland auszuwandern. Leben und arbeiten möchten sie vorzugsweise in der Schweiz, in Schweden, Großbritannien, Australien/Neuseeland, in den USA, in Norwegen oder Kanada. Ihren Wunsch nach einer (permanenten) Tätigkeit im Ausland begründen die Studierenden mit einem besseren Arbeitsklima (89 Prozent), geregelten Arbeitszeiten (88 Prozent), dem Interesse an der Sprache und Kultur des anderen Landes (88 Prozent), einer besser strukturierten Aus- und Weiterbildung (80 Prozent), einer besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf (76 Prozent) sowie guten Karrierechancen nach der Rückkehr (67 Prozent). 88 Prozent der Studierenden möchten einen Teil ihrer Facharztweiterbildung in einem anderen Land absolvieren, ein Forschungsaufenthalt kommt für 42 Prozent infrage (Grafik 2).
Ein „Zugpferd“ im Ausland: eine bessere Weiterbildung
Einer Tätigkeit in Deutschland blicken die ansonsten motivierten Nachwuchsmediziner, die auch bereit sind, teilweise viel zu arbeiten, eher missmutig entgegen. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass die Nachfrage der Krankenhäuser nach Fachärztinnen und -ärzten derzeit so hoch ist wie nie zuvor. Lediglich zwei Drittel der Studierenden bewerten angesichts der sehr entspannten Arbeitsmarktsituation ihre beruflichen Chancen an einem deutschen Krankenhaus als „eher gut“. Und auch was den ambulanten Bereich betrifft, der bislang als lukrative Alternative zum Krankenhaus mit persönlicher Freiheit und guten Verdienstmöglichkeiten galt, glaubt nur knapp die Hälfte (47 Prozent) der Studierenden an gute Berufschancen. Ebenfalls nur knapp die Hälfte (46 Prozent) der Nachwuchsmediziner können sich gute berufliche Chancen durch die Nutzung der neuen Möglichkeiten, als angestellte/r Ärztin/Arzt ohne wirtschaftliches Risiko in einer Praxis oder einem Medizinischen Versorgungszentrum zu arbeiten, vorstellen.
Ein Hauptgrund für die Auswanderungsgedanken der Nachwuchsmediziner sind die schlechten Arbeitsbedingungen des deutschen Krankenhauses. Mit dem Arbeitsplatz Krankenhaus verbinden 73 Prozent der an der Umfrage teilnehmenden Studierenden hauptsächlich negative Attribute: Stress, Bürokratie sowie hierarchische Strukturen (Tabelle). Ferner glauben trotz der jüngsten erfolgreichen Tarifvereinbarungen lediglich 15 Prozent an eine angemessene Bezahlung der ärztlichen Tätigkeit im Krankenhaus. Eine weitere, zunehmend wichtige Rolle bei der Wahl des Arbeitsplatzes spielt – sowohl bei Studentinnen (59 Prozent der Umfrageteilnehmer) als auch Studenten (41 Prozent der Umfrageteilnehmer) – die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. An deutschen Krankenhäusern sehen lediglich 14 Prozent die Möglichkeit, ärztliche Tätigkeit und Elternschaft miteinander zu verbinden. Stetig wiederholt werden von den Studierenden die Forderungen nach familienfreundlichen Krankenhäusern sowie flexiblen Teilzeitmodellen.
Im ambulanten Bereich meinen immerhin drei Viertel der Studierenden (74 Prozent), Familie und Beruf miteinander vereinbaren zu können und flexiblere Arbeitszeiten vorzufinden (79 Prozent). Sie assoziieren mit einer ambulanten Tätigkeit vor allem Verantwortung, wirtschaftliches Risiko, Bürokratie, die Möglichkeit einer selbstbestimmten Tätigkeit, aber auch Stress. Als bevorzugte Fachrichtungen für die stationäre Versorgung und den ambulanten Bereich nennen die Nachwuchsmediziner hauptsächlich die „klassischen“ kurativen Fächer: Innere Medizin, Chirurgie, Anästhesiologie, Pädiatrie, Gynäkologie sowie Allgemeinmedizin.
Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann
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