ArchivDeutsches Ärzteblatt26/2007Hauptstadtkongress „Medizin und Gesundheit“: Zukunftsmarkt Gesundheitswesen

POLITIK

Hauptstadtkongress „Medizin und Gesundheit“: Zukunftsmarkt Gesundheitswesen

Dtsch Arztebl 2007; 104(26): A-1884 / B-1663 / C-1599

Rabbata, Samir

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„Das Gesundheitswesen ist besser als sein Ruf. In vielen Bereichen ist Deutschland anderen Industrienationen weit voraus“, sagt Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terin Ulla Schmidt (SPD). Foto: dpa
„Das Gesundheitswesen ist besser als sein Ruf. In vielen Bereichen ist Deutschland anderen Industrienationen weit voraus“, sagt Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terin Ulla Schmidt (SPD). Foto: dpa
Ulla Schmidt lobte zur Eröffnung des Hauptstadtkongresses ungewohnt deutlich die Arbeit von Ärzten und anderen Leistungserbringern. Ein Arzt hingegen nahm den „Gesundheitskult“ aufs Korn.

Sind Krankenhäuser die Kathedralen des 21. Jahrhunderts? Ist das Streben nach Gesundheit zu einer Ersatzreligion geworden? Dr. med. Manfred Lütz, Theologe und Chefarzt des Kölner Alexianer-Krankenhauses, beantwortet beide Fragen mit „Ja“. In seiner Festrede zur Eröffnung des 10. Hauptstadtkongresses „Medizin und Gesundheit“, der vom 20. bis zum 22. Juni in Berlin stattfand, beschrieb Lütz mit bissigem Witz die Steigerung des Gesundheitskults in eine säkularisierte Form von Religion. Der Begriff „Sünde“ werde nicht mehr in der Kirche, wohl aber im Zusammenhang mit Sahnetorte verwendet. Gesundheit gelte als herstellbares Produkt: „Wer stirbt, ist selber schuld: Und so rennen die Leute durch Wälder, essen Körner und Schrecklicheres.“ Lütz hält diese Form von Gesundheitsreligion „für albern, anstrengend und teuer“.
Bemerkenswert ist, dass Kongresspräsident Ulf Fink ausgerechnet Lütz zur Eröffnungsveranstaltung eingeladen hatte. Denn der Hauptstadtkongress gilt mit seinen mehr als 6 000 Teilnehmern, rund 150 Ausstellern und 100 Einzelveranstaltungen als eines der größten Treffen der Gesundheitswirtschaft in Deutschland. Kritiker bemängeln, dass die Neuordnung des Gesundheitswesens in erster Linie von Gesundheitsökonomen und Geschäftsleuten diskutiert werde. Auch die launige Festrede des Arztes und Theologen Lütz konnte man als Kritik an der Gesundheitswirtschaft verstehen, die letztendlich von dem von ihm beschriebenem Gesundheitskult profitiert.
Doch stellte Fink klar, dass sich die Gesundheitswirtschaft nicht verstecken müsse. Sie biete mehr als vier Millionen Menschen in Deutschland Arbeit. Der Hauptstadtkongress habe maßgeblichen Anteil daran, dass das Gesundheitswesen nicht mehr nur als Sorgenkind und Kostenfaktor, sondern zunehmend als Zukunftsbranche wahrgenommen werde, sagte Fink bereits im Vorfeld der Tagung.
Gesundheitswirtschaft lebt nicht nur von Privatpatienten
Auch Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terin Ulla Schmidt (SPD) unterstrich die Bedeutung der Branche. Das deutsche Gesundheitswesen sei besser als sein Ruf. Deshalb sollte positiver über das geredet werden, was tagtäglich von den Leistungserbringern geleistet werde.
Häufig werde zudem übersehen, dass in Deutschland sehr viel mehr Geld für medizinische Innovationen zur Verfügung gestellt werde als in anderen Ländern. Auch sei es ein Trugschluss zu meinen, die breite Masse der Bevölkerung würde vom medizinischen Fortschritt abgekoppelt: „Teure Arzneimittel, moderne Prothesen oder aufwendige Diagnoseverfahren stehen nicht nur Privatpatienten zur Verfügung, sondern allen Versicherten.“ Dies müsse sich auch die Gesundheitswirtschaft vor Augen führen. „Sie lebt nicht nur von den zehn Prozent Privatpatienten. Der größte Teil ihrer Einnahmen stammt von gesetzlich Versicherten“, merkte Schmidt an.
Tatsächlich geben die Deutschen rund 240 Milliarden Euro jährlich für ihre Gesundheit aus. Mehr als die Hälfte der Gesamtkosten (57 Prozent) bringt die gesetzliche Kran­ken­ver­siche­rung auf. Hinzu kommen private Ausgaben für Fitnessstudios, Wellnesseinrichtungen und Lifestyleprodukte. Doch für Systemkritiker Lütz ist „Lebenslust“ (so auch der Titel seines neuen Buchs) nicht der tägliche Besuch des Fitnessstudios oder das Streben nach der idealen Figur. In seinem Vortrag plädierte er für ein Menschenbild, das nicht vom Zwang zur Schönheit und Gesundheit geprägt ist. Seiner Meinung nach kann Lebenskunst nur bedeuten, dass man auch in den Grenzsituationen menschlicher Existenz Quellen des Glücks findet.
Doch die Gesundheitsreligion erfasse wie jede andere Religion das gesamte Leben. „Es gibt Menschen, die leben von morgens bis abends nur noch vorbeugend und sterben dann gesund“, sagte Lütz. Und er fügte hinzu: „Aber auch wer gesund stirbt, ist definitiv tot.“
Samir Rabbata
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