ArchivDeutsches Ärzteblatt26/2007Arzneimittelausgaben: Anstieg trotz Reform

POLITIK

Arzneimittelausgaben: Anstieg trotz Reform

Dtsch Arztebl 2007; 104(26): A-1885 / B-1664 / C-1600

Blöß, Timo

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LNSLNS Die Krankenkassen befürchten einen weiteren Kostenanstieg bei den Arzneimitteln. Die Instrumente der Gesundheitsreform könnten dies nicht verhindern.

Gewohnt zuversichtlich zog Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terin Ulla Schmidt (SPD) Bilanz, als sie Anfang Juni die Quartalszahlen der ersten drei Monate des Jahres für die gesetzliche Kran­ken­ver­siche­rung (GKV) vorstellte. „Die konsequente Umsetzung der mit dem GKV-Wettbewerbsstärkungsgesetz verbundenen Einsparungen sowie die Monat für Monat steigenden Beschäftigtenzahlen bieten eine gute Voraussetzung dafür, dass die gesetzliche Kran­ken­ver­siche­rung auf einer stabilen finanziellen Grundlage ab 2009 in den Gesundheitsfonds starten kann“, so Schmidt. Aber nicht nur in ihrem Ministerium, sondern auch bei den Betriebskrankenkassen (BKK) bilanzierte man. Anhand der Daten der ersten fünf Monate des Jahres ist man dort zu einem ganz anderen Schluss gekommen. Wolfgang Schmeinck, Vorstandsvorsitzender des BKK-Bundesverbandes, erwartet drastische Steigerungen bei den Arzneimittelkosten. „Die neuen Möglichkeiten aus der Gesundheitsreform reichen trotz des großen Engagements der Kassen nicht aus, um den Ausgabenan-stieg wirksam zu bremsen“, sagte Schmeinck Ende Juni in Berlin.
Auch wenn die Ministerin den Kostenanstieg bei Medikamenten im ersten Quartal auf „nur“ 4,3 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum bezifferte, warnt man bei der BKK vor allzu großer Gelassenheit. Allein im April 2007 seien die Kosten im Vergleich zum Vorjahresmonat um knapp elf Prozent gestiegen. Auf das Jahr 2007 und die gesamte GKV hochgerechnet ergebe das einen Ausgabenanstieg um 2,1 Milliarden Euro oder 8,4 Prozent. Zurückzuführen sei dieser Anstieg vor allem auf die Erhöhung der Mehrwertsteuer Anfang des Jahres, die die Kassen mit rund 750 Millionen Euro zusätzlich belaste. Zudem würden Ärzte insgesamt mehr Rezepte ausstellen und dabei mehr neue und teurere als „bewährte und günstige Arzneien“ verschreiben. Durch die sogenannte Strukturverschiebung zu diesen Präparaten sähen sich die Kassen mit Mehrausgaben von rund 1,2 Milliarden Euro konfrontiert. Die Mengenausweitung bei den Verschreibungen wird den BKK-Zahlen zufolge im Jahr 2007 zu einem Ausgabenplus von rund 630 Millionen Euro führen.
In ähnliche Richtung ging die Kritik der Gmünder Ersatzkasse (GEK) bei der Vorstellung des GEK-Arzneimittelreports 2007 nur wenige Tage zuvor. Auch nach Ansicht von Prof. Dr. Gerd Glaeske vom Zentrum für Sozialpolitik der Universität Bremen, der den Report im Auftrag der GEK erstellt hat, stehen noch immer teure, teils umstrittene Mittel weit oben auf den Verordnungslisten. Durch eine verstärkte Verschreibung von Generika ließen sich in der GKV bis zu zehn Prozent der Arzneikosten oder 2,5 Milliarden Euro einsparen.
Nicht ohne Schuld an den Mengenausweitungen sind nach Ansicht der BKKen die „kassenindividuellen Rabattverträge“. Als „Kolateralschaden“ würden Rabattverträge den Ärzten signalisieren, dass Verordnungen von Arzneien im Rahmen dieser Verträge automatisch wirtschaftlich seien. Da Arzneimittel aus Rabattverträgen auch von der Wirtschaftlichkeitsprüfung ausgeschlossen sind, würden Ärzte „entspannter verordnen, sie müssen sich keine Gedanken mehr machen“, sagt BKK-Sprecher Florian Lanz.
Noch immer wenig Transparenz bei Rabattverträgen
Auch Arzneimittelexperte Glaeske sieht die Rabattverträge nicht unkritisch. Als Wettbewerbsinstrument seien diese zu begrüßen – gleichzeitig bemängelte er jedoch die Ausgestaltung der Verträge, die für Ärzte und Patienten „häufig eine Zumutung“ darstellten. In der Vergangenheit standen insbesondere Rabattverträge der AOK in der Kritik, da es dort bei kleinen Generikaherstellern zu Lieferengpässen kam. Zudem würde Ärzten durch die Unübersichtlichkeit und mangelnde Transparenz die Arbeit erschwert, so Glaeske. Wie unübersichtlich der Markt schon jetzt ist, zeigt eine Erhebung des Statistikunternehmens IMS-Health, über die das „Handelsblatt“ berichtete. Demnach sei die Zahl der „rabattierten“ Medikamente allein seit April von rund 3 200 auf knapp 16 000 gestiegen.
Mehr Durchblick erhoffen sich die Kassen von der neuen Praxissoftware. Die neuen Praxisprogramme sollen auch alle Rabattverträge beinhalten. Erwartet wird die aktualisierte Software allerdings erst für den Herbst dieses Jahres. Timo Blöß
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