KULTUR

„Hymne auf Kirihito“: Der Arzt als Hund

Dtsch Arztebl 2007; 104(26): A-1927 / B-1704 / C-1640

Litten, Freddy

In dem rund 800 Seiten starken Manga des Mediziners Osamu Tezuka geht es um Verrat und Gewalt, Liebe und Perversion, um das Christentum und Rassismus.

Es beginnt in Zimmer 66 der renommierten Klinik der M-Universität in Japan. Dort wird ein Mann in Quarantäne gehalten, dessen Aussehen dem eines Hundes ähnelt. Er stammt aus dem entlegenen Dorf „Hundegottbach“, in dem es offenbar bereits eine ganze Reihe solcher Erkrankungen mit stets tödlichem Ausgang gegeben hat. Der Chefarzt, Professor Tatsugaura, tippt auf einen Virus als Verursacher der „Monmow-Krankheit“, während einer seiner engsten Mitarbeiter, Dr. Kirihito Osanai, eine endemische Erkrankung für wahrscheinlicher hält. Tatsugaura entsendet Osanai zu Nachforschungen nach Hundegottbach, und es kommt, wie es kommen muss: Auch Osanai erkrankt an „Monmow“. Doch jetzt entfaltet sich erst eine verwickelte und dramatische Geschichte, die auch nach Taiwan, Südafrika und in den Nahen Osten führt.
Ihr Verfasser, Osamu Tezuka (1928–1989), kannte sich auf medizinischem Gebiet aus. Er hatte nicht nur 1947 das Medium des Story-Mangas, also des Geschichten erzählenden japanischen Comics, begründet und aufgrund seiner ungeheuren Produktivität (circa 150 000 Seiten), Vielseitigkeit und Popularität den Beinamen „Gott des Manga“ erhalten. Er war zudem selbst promovierter Arzt. Insofern verwundert es nicht, dass an vielen Stellen medizinische Termini verwendet werden. Anspielungen auf die Minamata- und die Itai-Itai-Krankheit, berüchtigte Massenerkrankungen aufgrund von Schwermetallaufnahmen im Japan der 1950er- und 1960er-Jahre, sind unverkennbar. Doch geht es Tezuka nicht um Umweltverschmutzung, sondern er nutzt seine Erfahrungen als Arzt in einem großen Krankenhaus in Osaka, um scharfe Kritik am medizinischen System und Karrieredenken zu üben. Schon zu Beginn vergleicht er die Chefarztvisite mit einer Fürstenprozession; eine der Haupthandlungslinien betrifft den skrupellosen Versuch Tatsugauras, mit seiner Untersuchung der mysteriösen Krankheit zum Vorsitzenden des japanischen Ärzteverbandes gewählt zu werden. In diesem Manga geht es aber noch um andere Dinge: um Verrat und Gewalt, Liebe und Perversion, um Christentum – und vor allem um Rassismus und die Frage, inwieweit das Äußere und die Reaktion der Umwelt darauf das Menschsein bedingen.
Wenn hierzulande über Comics für Erwachsene gesprochen wird, beginnt man meist in den 80er-Jahren mit Art Spiegelmans „Maus“. In Japan dagegen wurden Manga bereits im Laufe der 60er-Jahre „erwachsen“. Tatsächlich entstand „Hymne auf Kirihito“ ursprünglich 1970 bis 1971 in Fortsetzungen in der Manga-Zeitschrift „Big Comic“. Es sollte auch nicht das letzte Mal sein, dass Tezuka die Hauptrolle mit einem Arzt besetzte: Zwischen 1973 und 1978 schuf er mit dem Chirurgen „Black Jack“ eine seiner berühmtesten Figuren.
„Hymne auf Kirihito“ erschien vor Kurzem in den USA unter dem Titel „Ode to Kirihito“ im Verlag „Vertical“. Freddy Litten
Fotos: Vertical Inc.
Fotos: Vertical Inc.
Anzeige

    Leserkommentare

    E-Mail
    Passwort

    Registrieren

    Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

    Fachgebiet

    Zum Artikel

    Alle Leserbriefe zum Thema

    Login

    Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

    E-Mail

    Passwort

    Anzeige