KULTUR

Rumänien: Gemalte Gebete auf Stein

Dtsch Arztebl 2007; 104(26): A-1928 / B-1705 / C-1641

Lädtke, Manfred

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Details in Sucevita: Fast ein halbes Jahrtausend haben die Außenfresken an rumänischen Klosterkirchen überstanden. Neun der schönsten wandbemalten Kirchen sind in einem Umkreis von nur 30 Kilometern zu sehen. Foto: Manfred Lädtke
Details in Sucevita: Fast ein halbes Jahrtausend haben die Außenfresken an rumänischen Klosterkirchen überstanden. Neun der schönsten wandbemalten Kirchen sind in einem Umkreis von nur 30 Kilometern zu sehen. Foto: Manfred Lädtke
Die Moldauklöster in der Bukowina

Rumänien feiert: Zusammen mit Bulgarien ist das Land neues Mitglied der Europäischen Union, und Sibiu wurde zur Europäischen Kulturhauptstadt 2007 gewählt. Hätte Brüssel den Titel, so wie für das Jahr 2010 an das Ruhrgebiet, an eine Region vergeben, die rumänische Moldau hätte einen aussichtsreichen Kandidaten abgegeben. Rund 300 Kilometer entfernt von Sibiu stehen, eingerahmt von jahrhundertealten Tannen- und Buchenwäldern, im Nordosten Rumäniens die ungewöhnlichsten Zeugnisse rumänischer Malkunst.
Auf der Strecke nach Moldovita schnauft der Minibus den Bicazkamm hinauf, den schmalsten Engpass der Ostkarpaten zwischen Siebenbürgen und Moldau. Eine Abzweigung schlängelt sich bis vor das Burgtor am Kloster Moldovita. Hinter dem Torbogen öffnet sich ein Farbenmeer von Fresken, das sich ein paar Schritte weiter zu einem Breitwandfilm biblischer Geschichten, Legenden und historischer Szenen verdichtet. Trotz des rauen Klimas in der Moldau haben die meisten Außenfresken fast ein halbes Jahrtausend überstanden.
Gleich einem Augenzeugen erstattet der Maler auf der Südfassade von Moldovita in kräftigen Farben einen Bericht über die Belagerung Konstantinopels: Neben einer Festung tobt eine Seeschlacht, auf Türmen kämpfen Verteidiger mit Pfeil und Bogen, und von Mauern speien Kanonen Feuerkugeln. Ein kleiner Ausschnitt der Wand ist von einem Holzgerüst verdeckt. Auf den Brettern stehen Konservatoren und streichen metallische Schutzschichten auf Engel, Krieger und Apostel . Die immer noch nicht erforschte Farbmischung, der die Maler im 16. Jahrhundert Eigelb, Ruß und Ochsengalle beigemischt haben sollen, gestattet kein Restaurieren, sondern nur das Konservieren der Originale.
„Zimmer frei“, ist am Dorfrand von Voronet zu lesen, wo der weiße Turm des gleichnamigen Klosters in den Himmel ragt. Die meisten Unterkünfte sind jedoch leer. Nur wenige Touristen an der Schwarzmeerküste wagen mit einem Mietwagen die 500 Kilometer lange Hindernisfahrt durch die Schlaglöcher rumä-nischer Landstraßen.
Die dramatischste Komposition in Voronet ist das „Jüngste Gericht“ mit karikaturistischen Darstellungen einer monströsen Teufelsarmada. Während fratzenhafte Monster um die Sünder raufen, herrscht vor dem Himmelstor Gedränge und Geschiebe – hier hat der Maler Humor bewiesen. Auf der Südwand wächst der „Lebensbaum Christi“, ein Historienfilm mit annähernd 100 Darstellern vor einem in allen Nuancen von Blau leuchtenden Hintergrund.
Die schönste Aussicht auf die von Voronet 30 Autominuten entfernte Klosteranlage Sucevita bietet ein benachbarter Hügel, der in 15 Minuten zu erklimmen ist. Betritt man den Klosterhof, fällt der Blick zuerst auf die „Leiter der Tugenden“. Die Himmelstreppe zwischen Engelscharen und Höllenungeheuern ist die eindrucksvollste Szene dieser bilderreichsten Moldaukirche.
Von einem Fries blicken Plato und Pythagoras herab. Die ausdrucksstarken, lebendigen Gesichter lassen auf einen entwickelten Malstil der geschickten Illustratoren und begabten Erzähler schließen, die auch geschichtliche Kenntnisse gehabt haben müssen. Das Nonnenkloster Sucevita war vor 410 Jahren die letzte orthodoxe Klosterkirche, die außen bemalt wurde. Genauso schnell wie die Fassadenmalerei 1530 in Rumänien begonnen hatte, ging der Farbenrausch 68 Jahre später abrupt zu Ende. Manfred Lädtke

Reiseinformationen
Wer die bemalten Kirchen besuchen will, kann in rumänischen Hotels einen Mietwagen buchen. Sicherer und schneller kommt man mit einer organisierten Reise aus dem Reisebüro voran. Kurzausflüge in die Moldau bieten auch die großen Hotels in Rumänien an.
Auskünfte: Rumänisches Touristikamt, Budapester Straße 20 a, 10787 Berlin; Telefon: 0 30/2 41 90 41.
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