ArchivDeutsches Ärzteblatt26/2007Vermittlung von Ärzten auf Honorarbasis: Helfen ohne Hierarchien

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Vermittlung von Ärzten auf Honorarbasis: Helfen ohne Hierarchien

Dtsch Arztebl 2007; 104(26): A-1939 / B-1715 / C-1651

Gieseke, Sunna

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Vor neuen Türen: Honorarärzte arbeiten laufend an neuen Orten mit neuen Kollegen, aber ohne Hierarchien. Foto: Eberhard Hahne
Vor neuen Türen: Honorarärzte arbeiten laufend an neuen Orten mit neuen Kollegen, aber ohne Hierarchien.
Foto: Eberhard Hahne
Auf der Suche nach Herausforderungen oder einem Wiedereinstieg in den Beruf können Ärzte den Service von Agenturen nutzen.

Es ist der Unterschied zwischen: ich muss und ich will“, fasst Dr. Michael Weber, Geschäftsführer und Firmengründer der Agentur „Hire a Doctor“, den Unterschied zwischen einer Anstellung und einer Honorararzttätigkeit von Ärztinnen und Ärzten in Krankenhäusern zusammen. Seit sechs
Jahren vermitteln Agenturen in Deutschland Fachärzte für Vertretungen auf Honorarbasis. Die Zeitspanne kann zwischen einer Woche und mehreren Monaten liegen. „Besonders Radiologen, Gynäkologen, Anästhesisten und Fachärzte für Innere Medizin haben gute Vermittlungschancen“, sagt Claudia Brömmelhörster, verantwortlich für Marketing und Kundenbetreuung bei der FachArztAgentur. Bei Urologen, HNO- und Augenärzten sei die Nachfrage seitens der Kliniken nicht ganz so groß. Für eine schnelle Einarbeitung am neuen Arbeitsplatz sei es wichtig, dass die Ausrüstung in den Kliniken ähnlich ist. Dies sei in einigen Fachrichtungen mehr gegeben als in anderen.
Nach der Anmeldung bei den Agenturen wird ein passendes Angebot herausgesucht. Ansonsten müssen sich die Ärzte um nichts kümmern: Es wird ein Lebenslauf erstellt, die Honorare und Dienstzeiten werden verhandelt und am Ende sogar die Abrechnung betreut. Der Service ist für die Ärzte kostenlos. Die Agenturen treten als eine Art Puffer zwischen den Ärzten und den Kliniken auf und ermöglichen beiden Seiten ein unbeschwertes Arbeiten.
Besonders pensionierte Ärzte arbeiten gern als Springer. „Von 180 auf null ist für viele nur schwer zu bewältigen, und auf diese Weise können sie noch beruflich tätig sein“, sagt Weber. Sie hätten die Erfahrung und das Know-how, welches sie in den Kliniken einbringen könnten.
Aber auch junge Ärzte werden vermittelt. Dr. Peter Hering* (34) ist Assistenzarzt der Inneren Medizin. Am Wochenende arbeitet er häufig vertretungsweise als Notarzt und auf der Intensivstation. Er hat aber während eines Fachrichtungswechsels von der Chirurgie zur Inneren Medizin schon längere Krankenhausvertretungen übernommen. Für Hering stellt die Honorararzttätigkeit eine Möglichkeit dar, sich die Stationen, auf denen er arbeitet, besser auswählen zu können. Er schätzt besonders die Tätigkeit auf der Intensivstation. Als Angestellter im Krankenhaus hätte er aber bei der Wahl seiner Station nur begrenzt Mitspracherecht.
Hering nutzt die Tätigkeit als Honorararzt als Nebenverdienstmöglichkeit, um seine Dreiviertelstelle etwas aufzubessern. Finanziell lohne es sich sehr. Als Assistenzarzt erhält er für seine Vertretungstätigkeit 25 bis 50 Euro in der Stunde. Ein Oberarzt wird mit ca. 52 bis 60 Euro vergütet.
Die Wünsche der Ärzte sind sehr individuell. Nur wenige arbeiten Vollzeit, und oft geht die Tätigkeit in einem Krankenhaus in eine Festanstellung über. Dr. Britt Schumacher* (49) arbeitet in einer deutschen Großstadt an einem Krankenhaus. Für sie war die Vertretungsarzttätigkeit ein sinnvoller Wiedereinstieg in den Arztberuf. „Die ersten Tage waren hart, aber man kommt schnell wieder rein.“ Nach siebenjähriger Auszeit und einer Tätigkeit im nicht kurativen Bereich, suchte Schumacher erneut die Herausforderungen der Medizin. Seit einem Jahr ist die Radiologin nun als Honorarärztin tätig. Für sie liegen die Vorteile klar auf der Hand: „Man arbeitet eigenständig und ist nicht weisungsgebunden. Außerdem kann man jederzeit gehen.“ Für Honorarärzte fielen die häufig kritisierten Hierarchien in den Kliniken weg: „Ich kann als junger Arzt schneller Verantwortung übernehmen und habe auch viel mehr Freiheiten“, sagt Hering. Allerdings gibt es keinen bezahlten Urlaub und keine Lohnfortzahlung im Krankheitsfall. Für die soziale Absicherung müssen die Honorarärzte komplett alleine sorgen. „Das ist ein zweischneidiges Schwert und bestimmt auch eine Charaktersache, ob man so arbeiten mag oder nicht.“ Von Honorarärzten in Kliniken wird allerdings auch ein hohes Maß an Flexibilität erwartet: „Das vertraute Team und das gewohnte technische Equipment im Notarztwagen – die fallen schon mal weg.“ Um sich hier gut einfinden zu können, müsse man sehr kommunikativ sein. Die Kollegen reagierten im Allgemeinen aber positiv und seien dankbar für die Hilfe, so Hering. „Vielen ist die Honorararzttätigkeit unter Klinikärzten nicht bekannt, denen muss man den eigenen Status erst einmal erklären“, so Schumacher. Für Ärzte bedeuten die entstandenen Vakanzen in der Versorgung eben auch eine zusätzliche Belastung.
Die Springer müssen zudem schnell umdenken und schnelle Entscheidungen treffen können: Einen direkten Chef, um sich noch einmal abzusichern, gibt es eben nicht.
Die Arbeitsstellen können für Honorarärzte überall sein. Daher wird vor allem ein hohes Maß an Mobilität von den Springern erwartet. „Man hat keine Garantie dafür, Angebote aus einem bestimmten Ort zu bekommen“, erklärt Brömmelhörster. Dies könne vor allem dann eine Schwierigkeit darstellen, wenn man familiär gebunden sei.
Um sich zu orientieren, sei das System aber optimal, findet Dr. Carl Wolff* (42). Er arbeitete einige Jahre im Ausland und ist letztes Jahr nach Deutschland zurückgekehrt. Seit Januar dieses Jahres ist er als Honorararzt tätig. Der Anästhesist wollte sich bei der Suche nach einem Job Zeit lassen und konnte sich auf diesem Weg in Ruhe einige Kliniken ansehen. Demnächst wird er aber eine Festanstellung erhalten. Er habe schon mehrere Angebote. „Die Vermittlung ging recht unbürokratisch“, resümiert Wolff. Er konnte – ein angenehmer Nebeneffekt – viele wertvolle Erfahrungen sammeln. Vor allem lerne man, die eigenen Fähigkeiten noch einmal neu einzuschätzen, da man die gewohnte Routine verlasse. Diese Herausforderungen müsse man aber mögen.
Vor allem in Großbritannien und Frankreich, aber auch in der Schweiz hat sich die Vermittlung von Ärzten auf Honorarbasis bereits bewährt. Dort sei sie zu einem Bestandteil gesundheitlicher Versorgung geworden, um dem Ärztemangel entgegenzuwirken, erklärt Weber. Auch in Deutschland werde sich das System immer mehr durchsetzen. Vielleicht sei dies eine Möglichkeit, auch hier dem Ärztemangel entgegenzutreten.
Sunna Gieseke
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