SCHLUSSPUNKT

Arztgeschichte: Der Geschäftsführer

Dtsch Arztebl 2007; 104(26): [104]

Beck, Herta

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
Zeichnung: Elke Steiner
Zeichnung: Elke Steiner
„Ich hatte mir vorgenommen, die einfühlsamste aller Ärztinnen zu werden; vorerst war ich die unerfahrenste.“

Die Geschichte mit dem Geschäftsführer ist so lange her, dass mir sein Name nicht mehr einfallen will. Ich nenne ihn einfach Herrn Schmidt. Vielleicht war er auch Personalsachbearbeiter beim Kreis, dem das Krankenhaus gehörte, und nicht Geschäftsführer. Damals waren Verwaltungsmenschen in der Hierarchie noch spürbar unterhalb der Ärzte. Es war meine erste Stelle, weit weg von zu Hause, ich wusste nicht, dass man seine Rentenversicherungsbeiträge selbst überweisen muss, warum man einen Ortszuschlag bekommt und was ein Oberkreisdirektor ist. Alles erklärte mir telefonisch freundlich und umsichtig Herr Schmidt. Ich konnte ihn jederzeit anrufen, nie verlor er die Geduld.
Ich hatte mir vorgenommen, die einfühlsamste aller Ärztinnen zu werden; vorerst war ich die unerfahrenste. Die Bereitschaftsdienste waren fächerübergreifend und jedes Mal eine Zitterpartie. Zum Schlafen kam man wenig. Ein Grund war, dass viele Bürger vorschriftswidrig nachts ohne Einweisung ins Krankenhaus gingen, wenn sie Probleme hatten, statt ihren Hausarzt zu rufen oder den Notdienst der KV. Unser Chef hatte bei der Dienstübergabe gerade mal wieder unmissverständlich klargemacht, dass das „eigentlich nicht geht“.
Eines Nachts wurde ich geweckt, zum dritten oder vierten Mal. Ein Mann mit Hexenschuss. „Aber die sollen doch zu ihrem Hausarzt!“ „Soll ich ihn jetzt wieder wegschicken?“, fragte die Nachtwache. Ich quälte mich aus dem Bett. Als erstes klärte ich den Patienten unmissverständlich über sein Fehlverhalten auf. Ich war müde und unfreundlich. Er wurde kleinlaut und sagte: „Aber ich hatte solche Schmerzen, und da dachte ich. . .“ Ich fuhr mit der Aufklärung fort. Dann tat ich, was zu tun war, Untersuchung, Spritze, knappe Verabschiedung. Während ich schrieb, sagte der Pfleger: „Das war Herr Schmidt vom Kreis.“ Nicht nur den Rest dieser, sondern auch die darauffolgenden Nächte schlief ich äußerst schlecht.
Bald darauf wechselte ich die Stelle und zog weg.
Vielleicht liest Herr Schmidt dies und begreift es als verspätete Entschuldigung. Herta Beck
Anzeige

    Leserkommentare

    E-Mail
    Passwort

    Registrieren

    Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

    Fachgebiet

    Zum Artikel

    Alle Leserbriefe zum Thema

    Login

    Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

    E-Mail

    Passwort

    Anzeige