ArchivDeutsches Ärzteblatt27/2007Aidskongress: Anders denken

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Aidskongress: Anders denken

Dtsch Arztebl 2007; 104(27): A-1941 / B-1717 / C-1653

Zylka-Menhorn, Vera

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LNSLNS Derzeit werden in der Aidsforschung viele neue Ansätze verfolgt – ein Teil davon kommt aus Deutschland. So wurden allein in den letzten Tagen drei herausragende Arbeiten der Grundlagenforschung in renommierten internationalen Journalen publiziert. „Dies ist der Beweis dafür, dass in Deutschland eine exzellente HIV-Forschung betrieben wird, die sich durchaus mit internationalen Maßstäben messen lassen kann“, sagte Prof. Dr. med. Norbert H. Brockmeyer, Präsident der Deutschen AIDS-Gesellschaft, anlässlich der Plenarsitzung zum 3. Deutsch-Österreichischen AIDS-Kongress (DÖAK) in Frankfurt am Main.
Brockmeyer verwies auf die Arbeiten der deutschen Virologin Prof. Dr. med. Karin Mölling, die derzeit am Institut für medizinische Virologie an der Universität Zürich tätig ist. Sie entdeckte einen Mechanismus, mit dem man bei Retroviren ein Enzym (siDNA) vorzeitig aktivieren kann, um es letztlich in den „Selbstmord“ zu treiben. Als Folge wird der Abbau des Viruserbguts eingeleitet, und zwar noch bevor eine Sicherungskopie zur Produktion neuer Viruspartikel erfolgen kann. Das Team konnte die Wirksamkeit dieses neuen Prinzips nun erstmals an Mäusen demonstrieren (Nature Biotechnology 2007; 25: 669–74). Prof. Dr. med. Robert Gallo, der als Mitentdecker des HI-Virus zur Kongresseröffnung in der Frankfurter Paulskirche eingeladen war, hält die Entdeckung für eine „pfiffige“ Idee.
Nur wenige Tage nach Möllings Publikation überraschte eine aktuelle Studie von Forschern aus Ulm und Hannover (Erstautor Prof. Dr. med. Jan Münch) die Fachwelt (Cell. 2007; 129: 263–75). Das Forscherteam zeigt, dass ein Fragment von Alpha-1-Antitrypsin den Eintritt von HIV in die Wirtszelle blockiert. Weiterhin stellten sie fest, dass einige wenige Veränderungen der Sequenz dieses Peptids, das als VIRIP (VIRus-Inhibitorisches-Peptid) bezeichnet wird, die Wirksamkeit gegen HIV um etwa das 100-fache steigern. Aufgrund des neuartigen Wirkmechanismus blockieren VIRIP und seine Derivate auch HIV-Varianten, die gegen andere Hemmstoffe resistent sind. „Dies ist ein großer Vorteil und macht VIRIP sehr interessant für die klinische Weiterentwicklung“, sagt der Seniorautor der Studie, Prof. Dr. med. Frank Kirchhoff vom Universitätsklinikum Ulm.
Auf besondere Medienresonanz stieß jedoch die Mitteilung von Forschern des Heinrich-Pette-Instituts und des Dresdener Max-Planck-Instituts, die das HI-Provirus mithilfe von Rekombinasen aus dem Genom herausschneiden wollen (Science 2007; 316: 1912–5). Diese Enzymgruppe, die das Genom nach bestimmten DNA-Sequenzen durchsucht und diese dann herausschneidet, ist schon seit längerer Zeit bekannt. Eines dieser Enzyme ist Cre (causes recombination), ein Bestandteil von Bakteriophagen. Cre sucht eine Sequenz, die zu 50 Prozent mit einer Sequenz des HI-Virus übereinstimmt. Die Gruppe um Joachim Hauber vom Heinrich-Pette-Institut in Hamburg und Frank Buchholz vom Max-Planck-Institut für Molekulare Zellbiologie und Genetik in Dresden musste Cre so umbauen, dass es HIV zu 100 Prozent erkennt. Dies war nach 126 Runden einer „Proteinevolution“, einer Art molekularbiologischen Zucht, erreicht. Die entstandene Rekombinase nennen die Forscher „Tre“.
Wenn mit diesen Arbeiten auch noch kein Durchbruch in der Aidsforschung gelungen ist, so haben die deutschen Forscherteams doch völlig andere Wege beschritten als bisher üblich. Damit entsprachen sie (unbewusst) dem Motto des 3. DÖAK „anders denken“. Eine andere Denkweise forderte auch Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terin Ulla Schmidt beim Kampf gegen die Immunschwächekrankheit Aids im Hinblick auf die Präventionsbemühungen. Besonders erschreckend sei der Wiederanstieg der Neuinfektionen in einer Generation, die mit Aidsaufklärung groß geworden sei, betonte die Ministerin. Sie verwies dabei auf die erneut hohe Rate der HIV-Erstdiagnose bei 40- bis 60-jährigen Homosexuellen in Deutschland.
Dr. med. Vera Zylka-Menhorn, Ressortleiterin Medizinreport
Dr. med.
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