ArchivDeutsches Ärzteblatt12/1997Kalziumantagonist Mibefradil: Selektive Hemmung der T-Typ-Kanäle

VARIA: Wirtschaft - Aus Unternehmen

Kalziumantagonist Mibefradil: Selektive Hemmung der T-Typ-Kanäle

Pohlmann, Birgit-Kristin

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Kalziumantagonisten haben einen festen Stellenwert in der Behandlung der Hypertonie und der Angina pectoris, sind aber auch mit einigen Nachteilen belastet, wie zum Beispiel einer mehr oder weniger stark ausgeprägten negativ-inotropen Wirkung oder einem reflektorischen Anstieg der neurohumoralen und sympathischen Aktivität. Mit dem Tetralinderivat Mibefradil wurde ein neuer Kalziumant-agonist entwickelt, von dem man sich ein besseres Risiko-Nutzen-Verhältnis erhofft. Erste klinische Studien scheinen die präklinischen Ergebnisse zu bestätigen.
Mibefradil ist der erste Kalziumantagonist, der weitgehend selektiv die Kalziumkanäle vom T-Typ (= transient, low-voltage activated) blockiert. Die T-Typ-Kanäle kommen hauptsächlich in glatten Muskelzellen der Arterien, im Sinusknoten, in Myokard, in einigen Nervenzellen und auch in den Nebennieren vor - nicht dagegen im normalen Gewebe.
Offensichtlich blockiert Mibefradil nicht ausschließlich, aber primär die T-Typ-Kanäle, betonte Prof. Kent Hermsmeyer (Universität Beaverton, Oregon). Er geht davon aus, daß auch eine teilweise Blockade der L-TypKanäle (= long-lasting, high voltage activated) zur Gesamtwirkung der Substanz beiträgt. Aus der selektiven Blockade der T-Kanäle ergeben sich bedeutsame Konsequenzen:
1. Es kommt zu einer Vasodilatation vor allem der Koronar- und der zerebralen Widerstandsgefäße.
2. Wahrscheinlich werden Umbauvorgänge an der Gefäßwand gehemmt. Man vermutet, daß Signale aus den Kalziumkanälen vom T-Typ diese Umbauvorgänge unterstützen oder sogar initiieren.
3. Darüber hinaus führt die Blockade der T-Kanäle im Myokard zu einer Senkung der Herzfrequenz. Hermsmeyer geht davon aus, daß diese Effekte von Mibefradil insbesondere bei der Hypertonie, der Angina pectoris und bei Vasospasmen therapeutisch von Nutzen sein dürften.
Alle bisher durchgeführten klinischen Studien bei Patienten mit milder bis mäßiger Hypertonie belegen ein deutliches Dosis-Wirkungs-Verhältnis, erläuterte Dr. Isaac Kobrin (Hoffmann-La Roche). Ein echter Therapieeffekt ist ab einer Tagesdosis von 50 mg Mibefradil erkennbar. Eine Dosierung von mehr als 100 mg/Tag bringt keinen weiteren therapeutischen Vorteil.
Die plazebokorrigierte Senkung des diastolischen Blutdrucks lag bei 10 bis 12 mm Hg. Im Mittel wurde bei 60 bis 70 Prozent der Patienten eine Normalisierung der Blutdruckwerte erreicht. Die eigentliche Responserate - definiert als Blutdrucksenkung von mindestens 10 mmHg beziehungsweise Normalisierung der Werte - betrug 70 bis 80 Prozent.
Die klinischen Studien belegen eine gleichmäßige Blutdruckreduktion über 24 Stunden mit wenig Fluktuationen. Allerdings tritt die vollständige blutdrucksenkende Wirkung von Mibefradil erst allmählich innerhalb der ersten beiden Behandlungswochen ein, so daß ein First-dose-Effekt nicht zu erwarten ist.
Eine ähnlich gute Wirksamkeit von Mibefradil würde auch bei Patienten mit chronisch stabiler Angina pectoris bestätigt, betonte Kobrin. Auch hier liegt der Dosisbereich zwischen 50 und 100 mg/Tag Mibefradil. Dosisabhängig nahmen die anginösen Episoden pro Woche deutlich ab - begleitet durch eine Abnahme des Nitratverbrauchs.
Anzahl und Dauer der stummen Ischämien wurden mittels ambulanter EKG-Registrierung über 48 Stunden belegt. Ähnlich wie in den Hypertoniestudien kam es auch bei den Patienten mit Angina pectoris zu einer Verminderung der Herzfrequenz - abhängig von der Dosis und dem Ausgangswert. Kobrin wies darauf hin, daß eine niedrigere Herzfrequenz mit einem verminderten kardiovaskulären Morbiditäts- und Mortalitätsrisiko einhergehe. Die Verträglichkeit von Mibefradil im Dosisbereich von 50 bis 100 mg/Tag bewertete Kobrin als gut. Dosisanpassungen seien, so Kobrin, auch bei Hochrisikopatienten nicht notwendig. Mibe-fradil werde rasch und vollständig absorbiert; die Bioverfügbarkeit betrage ungefähr 90 Prozent und werde nicht durch Nahrungsaufnahme beeinflußt, betonte Thomas F. Lüscher (Bern).
Die Wirkdauer ist mit einer HWZ von 17 bis 25 Stunden deutlich länger als bei den meisten anderen Kalziumantagonisten. Mibefradil wird nach Angaben des Herstellers Hoffmann-La Roche in der zweiten Jahreshälfte als Posicor® auf den Markt kommen.
Birgit-Kristin Pohlmann
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema

Stellenangebote