ArchivDeutsches Ärzteblatt27/2007Doping im Breitensport: Anabolika per Mausklick

MEDIZINREPORT

Doping im Breitensport: Anabolika per Mausklick

Dtsch Arztebl 2007; 104(27): A-1967 / B-1735 / C-1671

Siegmund-Schultze, Nicola

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Körperformungswünsche und sportlicher Ehrgeiz sind die Hauptmotive des Gebrauchs von Dopingmitteln im Freizeitbereich. Foto: Leukotape®
Körperformungswünsche und sportlicher Ehrgeiz sind die Hauptmotive des Gebrauchs von Dopingmitteln im Freizeitbereich. Foto: Leukotape®
Gedopt wird nicht nur im Leistungs-, sondern auch im Freizeitsport. Wie können Ärzte bei einem Verdacht reagieren? Die Politik hat die gesellschaftliche Debatte über den Umgang mit dem Wunsch nach „Selbstoptimierung“ verschlafen.

Drei Stunden dauerte die Operation, bei der die Ärzte dem 36-jährigen Sportler 400 Gramm Brustdrüsengewebe entfernten. Die Narben, die gelegentlich schmerzen, erinnern den ehemaligen Bodybuilder Jörg Börjesson an die, wie er sagt, schmerzlichste Zeit seines Lebens: Die Phase, in der sich die unerwünschten Wirkungen der langjährigen Einnahme von leistungssteigernden Substanzen voll entfalteten, der Sportler selbst sich aber seinen Problemen noch nicht stellen konnte. „Es gab Anzeichen beim Training, die ich nicht wahrhaben wollte, zum Beispiel den plötzlichen Schuss Blut aus der Nase und eine depressive Stimmung“, berichtete Börjesson bei einer Fortbildungsveranstaltung der Ärztekammer Nordrhein zum Thema Doping im Freizeitsport.
Auch die Entwicklung der Brust, die immer weiblicher wurde und schmerzte, habe er lange Zeit verdrängt und nach außen überspielt. Ein „Schlüsselerlebnis“ sei die Frage des vierjährigen Sohns gewesen, ob er denn nun ein Mann sei oder eine Frau. Da hatte Börjesson bereits eine ausgeprägte Gynäkomastie.
„Hunderttausende deutscher Freizeitsportler nehmen vermutlich leistungssteigernde Substanzen ein, die Schätzungen liegen bei 200 000 Hobbyathleten, die Dunkelziffer ist hoch“, erläuterte Dr. med. Arnold Schüller, Vizepräsident der Ärztekammer Nordrhein, und kündigte eine Reihe von Fortbildungsveranstaltungen zu dem Thema an. „Wir möchten erreichen, dass unsere ärztlichen Kolleginnen und Kollegen aufmerksamer darauf achten, wo Missbrauch betrieben wird. Und wir wollen die derzeit entstehende Aufbruchstimmung für einen dopingfreien Sport nutzen, und zwar durchgehend: vom Breiten- bis zum Spitzensport“, sagte Schüller.
Die Ärzte müssten sich der zunehmend leichten Zugänglichkeit von Leistungssteigerern über Internet und Dealer stellen, betonte Schüller. In Bodybuilderkreisen werde derzeit beispielsweise ein Mix aus Koffein, Aspirin und Ephedrin als „Wunderdiät“ gehandelt, anabole Steroide und Diuretika seien Klassiker. In einschlägigen Internetforen wird über die Bezugsquellen, Dosierungen, den Gebrauch und die Wirksamkeit der Substanzen diskutiert.
Der Körper wird zur Projektionsfläche
„Viele Jugendliche und junge Erwachsene haben keine sportlichen Ambitionen, sondern möchten einfach über ihren Körper besser akzeptiert und in Gruppen integriert sein“, sagte Börjesson, der sich für die Dopingprävention im Breitensport engagiert. Vom Wunsch nach „Selbstoptimierung vor sich und im Spiegel der anderen“, sprach der Kölner Psychologe und Psychotherapeut Werner Hübner. Der Körper würde Retter und Projektionsfläche, um vermeintliche Defizite auszugleichen und eine psychische Balance wieder herzustellen.
Körperformungswünsche und sportlicher Ehrgeiz – das sind die Hauptmotive des Gebrauchs von Dopingmitteln im Freizeitbereich, legen die vom Robert-Koch-Institut (RKI) 2006 zusammengefassten Studien nahe (RKI 2006, Heft 34: Doping beim Freizeit- und Breitensport). Weitere Untersuchungen bestätigen dies. „Ich wurde für meinen Körper gelobt“, ist eine typische Rückmeldung, die jugendliche Nutzer von Dopingmitteln in einer Studie zu Protokoll gaben, die Michael Sauer vom Institut für Biochemie der Sporthochschule Köln in Zusammenarbeit mit dem Kölner Institut für Sportsoziologie betreut hat.
Die Forscher hatten 392 männliche Jugendliche aus Kölner Jugendzentren und -werkstätten (Durchschnittsalter 17 Jahre) nach sportlichen Aktivitäten und Konsumverhalten befragt; 45 Prozent gaben an, täglich zu rauchen, 53 Prozent hatten schon einmal Alcopops genommen, jeder Dritte Cannabis in den letzten zwölf Monaten (zehn Prozent täglich), und sieben Prozent antworteten, sie hätten schon Anabolika verwendet.
Interviews mit den Freundinnen der Nutzer von Dopingmitteln deuteten laut Sauer darauf hin, dass viele Jugendliche und junge Männer von ihren Partnerinnen aktiv unterstützt würden – zum Beispiel bei der intramuskulären Injektion von Anabolika. Entsprechende Injektionsspuren könnten auf den Gebrauch von Anabolika hinweisen, hieß es bei der Veranstaltung.
Über die unerwünschten Wirkungen von Dopingmitteln sind viele Jugendliche nicht informiert, ergab die Studie der Kölner Sportwissenschaftler. Etwa die Hälfte der Befragten meinte, wenig über Anabolika zu wissen. „Nach Präventionsveranstaltungen bekommen wir sehr viele Anfragen von Jugendlichen, wie sie mit Nebenwirkungen von Dopingmitteln umgehen sollen“, berichtete Sauer. Diese würden in den Informationsquellen der Freizeitsportler heruntergespielt oder als beherrschbar dargestellt. Dazu Börjesson: „Der Doping-Dealer, der mich versorgt hat, sagte immer: ‚Die Mittel nehme ich selbst, ich habe alles im Griff.‘“
Streben nach seelischer und körperlicher Stärke
Die Realität sieht allerdings anders aus. Schon nach zwei bis drei Jahren des Konsums anabol-androgener Steroide (AAS) können sich unerwünschte körperliche Wirkungen manifestieren, beispielsweise verstärktes Schwitzen (64,4 Prozent), Akne (57,8 Prozent), Gynäkomastie (15,6 Prozent), Hautstreifen und -risse (31 Prozent), Hodenatrophie (29 Prozent), Händezittern (35,6 Prozent) und spontanes Nasenbluten (22 Prozent) (Quelle: RKI-Broschüre, jeweils Selbstangaben von männlichen Nutzern).
Auch pathologische Veränderungen des Lipid- und Leberstoffwechsels werden beobachtet. Zu den psychischen Effekten gehören Aggressivität, Ängste, Depressionen und Schlafstörungen. „Das angestrebte Ideal seelischer und körperlicher Stärke wird bei solchen Symptomen ad absurdum geführt“, erläuterte Sauer, „die Betroffenen leiden erheblich.“
Wie sollte sich der Arzt verhalten, wenn er Hinweise darauf hat, dass ein Patient leistungssteigernde Substanzen einnehmen könnte? „Ein guter Arzt spricht an, was er bemerkt – allerdings so, dass er dem Patienten mit seiner Formulierung zugleich ein Beratungsangebot macht“, meinte Hübner, der Betroffene berät. „Im Idealfall kennt der Arzt den Patienten seit Längerem und kann ihn über die Veränderungen, die ihm auffallen, informieren.“ Kritisch hinterfragen sollte er eine starke Zunahme von Muskelmasse, Veränderungen der Haut und von Blutdruckwerten sowie starkes Schwitzen bei der Untersuchung.
Die Reaktion des Patienten entscheide über den weiteren Gesprächsverlauf. „Entweder wirken die Hinweise des Arztes wie ein ‚Türöffner‘, und der Patient ist froh, dass er über das Thema sprechen kann“, sagte Hübner, oder der Patient bleibe in seinem Suchtverhalten verhaftet und ziehe es vor zu schweigen. „Dann könnte der Arzt zum Ausdruck bringen, dass er sich die Befunde gegenwärtig nicht erklären, sich aber vorstellen kann, dass der Patient mit eigenen Informationen zur Aufklärung beitragen könnte“, meinte Hübner. Es gelte, Gesprächsbereitschaft zu jedem anderen Zeitpunkt zu signalisieren. Bei „Einmal-Kunden“, die irgendeinen Arzt konsultieren, um sich Zugang zu Dopingmitteln zu verschaffen, sei eine ernsthafte Beratung schwierig.
Aufklärung und Beratung vor Ort, „da, wo Jugendliche unterwegs sind“, müssten stärker als bisher gefördert werden, so Hübner. Auch Ärzte sollten kritisch umgehen mit der Verschreibung von Substanzen, die zur Leistungssteigerung verwendet werden könnten, zum Beispiel von Asthmamitteln wie Clenbuterol, die auch anabole Wirkung hätten, so der Appell von Dr. med. Petra Jasker vom Institut für Pathologie des Evangelischen Krankenhauses Bethesda in Duisburg. Der Diagnose Asthma sollte möglichst die Konsultation eines Pneumologen vorangehen. Die Rote Liste weise wirksame Asthmamedikamente aus ohne Missbrauchsrisiko.
Auch wenn Brustkrebspatientinnen um die Verschreibung erhöhter Mengen Tamoxifen bäten, könne dies auf die Weitergabe an Anabolikakonsumenten deuten, die der Gynäkomastie vorbeugen oder sie behandeln wollten, sagte Jasker. Tamoxifen hemme Östrogenrezeptoren und stimuliere Progesteronrezeptoren.
Circa sechs Prozent der Deutschen sind Mitglieder in Fitnessanlagen. In Untersuchungen aus den Jahren 1998, 2001 und 2006 gaben zwischen 13,5 und 19 Prozent der Besucher von Fitnesscentern an zu dopen. 14 bis 50 Prozent der Nutzer nannten als Quelle für die Medikamente den Arzt. „Hausärzte sind oft unwissentlich beteiligt“, teilte Prof. Dr. med. Herbert Löllgen, Leiter der Abteilung Kardiologie/Pneumologie des Sana-Klinikums Remscheid und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Sportmedizin, mit.
Ein Blick in die Rote Liste helfe, das Risiko eines Verstoßes gegen das Arzneimittelgesetz zu minimieren. Behandelte der Arzt einen Patienten, von dem er annehme, er benutze Dopingmittel, sei es wichtig, zu dokumentieren, woher die Mittel stammten, und dass er dem Betroffenen aus ethischen und medizinischen Erwägungen abgeraten habe. Eine „Grauzone“ sei dort, wo Ärzte die Konsumenten von Dopingmitteln behandelten, um „Schlimmeres zu verhindern“.
Löllgen ist wie viele andere Ärzte und Medizinjuristen der Meinung, dass die Politik die gesamtgesellschaftliche Debatte darüber verschlafen habe, wie viel „Selbstoptimierung“ zur Steigerung der körperlichen oder geistigen Leistungsfähigkeit (Enhancement) mithilfe des Arztes akzeptabel sei. Zu den medizinischen Methoden des Enhancements gehören außer Doping auch Schönheitsoperationen und die Anwendung von Psychopharmaka unter bestimmten Umständen – aber unter welchen? Wie sind Nutzen und Risiken zu bewerten?
Solidargemeinschaft belastet
Die Tübinger Juristin Susanne Beck meinte, es sei zunächst „allgemein zu diskutieren, ob die Autonomie über den eigenen Körper das Eingehen von Gesundheitsrisiken zu Verbesserungszwecken rechtfertige, obwohl deren ungewollte Folgen später die Solidargemeinschaft finanziell belasten könnten“ (Medizinrecht 2006; 2: 95–102). Die Diskussion solle zunächst auf das Enhancement begrenzt bleiben. Denn ein Vergleich mit anderen gesundheitsschädlichen Verhaltensweisen ermögliche es nicht, die Absicht der individuellen Verbesserung und deren Folgen in die Abwägung einzubeziehen, ob eine mögliche Beeinträchtigung der persönlichen Freiheit gerechtfertigt scheine. Dr. rer. nat. Nicola Siegmund-Schultze

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