ArchivDeutsches Ärzteblatt27/2007Arbeiten im Ausland: Sieben Jahre Norwegen

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Arbeiten im Ausland: Sieben Jahre Norwegen

Dtsch Arztebl 2007; 104(27): A-1972 / B-1739 / C-1675

Riemer, Gunnar

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Der Hafen von Ula, einem Fischerdorf 120 Kilometer südlich der Hauptstadt Oslo. Aquarelle: Gunnar Riemer
Der Hafen von Ula, einem Fischerdorf 120 Kilometer südlich der Hauptstadt Oslo.
Aquarelle: Gunnar Riemer
Was zieht deutsche Ärzte nach Norwegen? Ist es der Wunsch nach einem bequemeren Arbeitsleben? Ist es die Sehnsucht nach der eindrucksvollen Landschaft und dem klaren Sommerlicht? Oder ist es Abenteuerlust? Erfahrungen mit Kontrasten

Keine Fahrt eines großen Seedampfers, wie es unser ‚Meteor‘ doch ist, lässt sich vergleichen mit dieser ruhigen, fast feierlich-getragenen Fahrt durch den Sonnenschein der norwegischen Fjorde, durch das blanke oder leicht gekräuselte grün leuchtende Wasser, zwischen den lang herunterhängenden, fast unbeweglichen, leise zitternden weißen Fahnen der Wasserfälle, zwischen den ernsten, trotzigen, wahrhaften Fels- und Eisriesen, den nie besiegten, namenlosen Recken hindurch.“ So beschreibt Gorch Fock im Jahr 1913 seine Norwegenreise (1), und so wirbt man auch heutzutage in Reisebroschüren und Stellenannoncen für einen Aufenthalt in dem skandinavischen Land.
Ich muss zugeben, dass auch meine Bilder von Norwegen in diesem Licht erstrahlten, als ich mich dazu entschloss, in das nördlichste Land Europas zu gehen. In Berlin wurden wir mit zehn weiteren Ärztinnen und Ärzten in einem dreimonatigen Intensivkurs auf die Sprache, das Land und die Arbeit im Gesundheitswesen vorbereitet. Im Winter 2000 übersiedelte ich mit meiner Familie von Hamburg in die mittelnorwegische Kleinstadt Namsos, die 200 Kilometer nördlich von Trondheim liegt. Dort wurden wir von meterhohen Schneemassen überrascht, die jedoch den Vorteil hatten, das kurz dauernde Licht der niedrig stehenden Sonne so zu reflektieren, dass man wenigstens für ein paar Stunden am Tag das Gefühl von Helligkeit hatte.
Bei meiner Ankunft in Namsos fühlte ich mich gut vorbereitet. Die Kollegen sprachen langsam und deutlich, sodass ich im Grunde alles verstehen konnte. Doch beim ersten Gespräch mit einem älteren Patienten traute ich meinen Ohren nicht. Ich verstand so gut wie kein Wort. Dass der Trønderdialekt so weit vom „bokmål“, der norwegischen Hochsprache, entfernt war, hatte ich nicht befürchtet. Eine gewisse Verständigung gelang schließlich dadurch, dass der Patient Deutschkenntnisse aus den Fünfzigerjahren bewahrt hatte, als er als junger Soldat einige Monate in Deutschland stationiert war. Zusammen mit der neurologischen Untersuchung konnte eine plausible Diagnose gefunden werden, nämlich eine Polyneuropathie als Folge einer Zytostatikabehandlung nach einer Nierentransplantation.
Der gut strukturierte Arbeitsalltag mit ausreichend bemessener Zeit für die Patienten – neurologische Facharztkonsultationen sind mit einer Stunde angesetzt – und das Wohlwollen und Vertrauen der Patienten und Kollegen führten dazu, dass die weitere Eingewöhnung rasch verlief. Nach einiger Zeit traten jedoch andere Schwierigkeiten auf. Die Menschen waren geduldig und freundlich, aber zurückhaltend. Die Gesprächsthemen kreisten um die örtlichen Gegebenheiten, das Lachsfischen oder das regnerische Wetter. Spontane Einladungen erfolgten selten. Der Leiter der Abteilung war es durch die jahrelange Arbeit als einziger Neurologe der Gegend gewöhnt, Entscheidungen allein zu treffen, und bezog mich als Kollegen wenig ein. Besuche aus Deutschland blieben wegen der großen Entfernung selten. Dies und die Tatsache, dass unsere Kinder kurz vor der Einschulung standen, führten zum Entschluss, nach Oslo umzuziehen. Einige unserer Sprachkurskollegen, die auch in kleine Orte gelangt waren, durchlebten Ähnliches und wechselten in größere Städte oder kehrten nach Deutschland zurück, nachdem die erste Euphorie abgeklungen war.
Wir sind froh darüber, dass wir in die Hauptstadt übersiedelten. Oslo bietet das reiche kulturelle Angebot einer Großstadt in enger Nachbarschaft mit der wunderschönen norwegischen Natur. Unsere Kinder besuchen die deutsche Schule in Oslo, die deutsche und norwegische Lehrpläne integriert und von beiden Ländern anerkannt wird. Das gibt uns das gute Gefühl, dass sie gegebenenfalls in Deutschland die Ausbildung fortsetzen können.
Auf fast 1 900 Metern Höhe und 160 Kilometer westlich von Oslo liegt Gaustatoppen.
Auf fast 1 900 Metern Höhe und 160 Kilometer westlich von Oslo liegt Gaustatoppen.
Ich fand eine Stelle an einem Zentrum für seltene, angeborene Krankheiten aus dem neuroorthopädischen Bereich, das einem Rehabilitationskrankenhaus angegliedert ist. Durch die geringe Besiedlungsdichte und die großen Entfernungen gibt es mehrere solcher nationalen Zentren, die medizinische, psychologische und pädagogische Dienste für diese seltenen Erkrankungen anbieten. Unser Zentrum bietet lebenslange Dienste für Patienten mit Myelomeningozele, Marfan-Syndrom, Ehlers-Danlos-Syndrom, Osteogenesis imperfecta, Dysmelie, Arthrogryposis multiplex congenita und Skelettdysplasien an. Die Arbeit hat mein berufliches Spektrum als Neurologe bereichert, einerseits durch die Art der Diagnosen, andererseits durch die ganzheitliche Betreuung der Patienten vom Kindesalter bis zum Tod.
Die Wochenarbeitszeit in Norwegen beträgt 37,5 Stunden, davon stehen drei Wochenstunden für die individuelle fachliche Vertiefung und das Literaturstudium zur Verfügung. Eine Wochenstunde kann für physisches Training, zum Beispiel Schwimmen oder Gruppengymnastik, verwendet werden. Die Krankenhäuser bieten in der Regel ein reichhaltiges kulturelles Programm sowie Betriebssport an.
Die staatlichen Sozialleistungen im Krankheitsfall und bei der Geburt eines Kindes sind gut ausgebaut. Bis zu einem Jahr wird Krankengeld in voller Höhe des Lohns gezahlt, und man erhält 80 Prozent des Lohns im Erziehungsjahr. Bei längerer Krankheit folgt man dem Prinzip des sogenannten inkludierenden Arbeitslebens. Der Krankgeschriebene steht in engem Dialog mit dem Vorgesetzten, wobei besprochen wird, welche Teilaufgaben eventuell ausgeführt werden können. Krankheit und Gesundheit werden nicht als zwei sich gegenseitig ausschließende Zustände angesehen, sondern man geht davon aus, dass unter Umständen ein zeitweiliger Aufenthalt am Arbeitsplatz mit angepassten Aufgaben zu einer
positiven Gesundheitsentwicklung beitragen kann. Diese Regelung ist bei chronischen Erkrankungen sehr hilfreich und wirkt sich nachweislich günstig auf die Länge der Krankmeldungen aus. Wenn man Kinder hat, besteht die Möglichkeit, reduziert zu arbeiten. Überall stehen Vollzeitkindergartenplätze und eine Ganztagsbetreuung in der Schule zur Verfügung. Erkranken die Kinder, kann man pro Kind ohne Arztkonsultation bis zu zwölf Tage im Jahr zu Hause bleiben. Diese familienfreundlichen Regelungen tragen dazu bei, dass Norwegen die höchste Geburtenrate in Europa hat mit 2,1 Kindern pro Frau.
Das Gesundheitswesen ist in drei Sektoren getrennt. Der primäre Gesundheitsdienst besteht aus den Allgemeinärzten, die von den Patienten als feste Bezugspersonen gewählt werden, und dem kommunalen Versorgungsapparat mit einer sehr gut ausgebauten häuslichen Krankenpflege und Weiterbetreuung. Der sekundäre Gesundheitsdienst umfasst die niedergelassenen Fachärzte, von denen es nur wenige gibt, und die regionalen Krankenhäuser, die unter anderem poliklinisch-fachärztliche Untersuchungen anbieten. Der tertiäre Gesundheitsdienst wird von den Universitätskrankenhäusern in Oslo, Bergen, Trondheim, Tromsø und Stavanger ausgeführt. Die Überweisung der Patienten ist nur zur nächsthöheren Instanz möglich.
Diese Dreiteilung des Gesundheitssystems schafft übersichtliche Verantwortlichkeiten. Der Nachteil ist, dass es oft Kapazitätsprobleme gibt, die zu langen Wartelisten führen. In manchen Gegenden müssen Patienten mehr als sechs Monate auf eine neurologische Untersuchung warten. Patienten mit Parkinson-Krankheit oder Epilepsie haben in ländlichen Gebieten oft zu selten Kontrolluntersuchungen, um die Medikation einzustellen. Für psychosomatische Erkrankungen ist das Behandlungsangebot zu klein, und die Psychiatrie ist in der Regel völlig von den anderen medizinischen Fachbereichen getrennt.
In den Krankenhäusern sind die Krankenhausleitung und die medizinische Verantwortlichkeit getrennt. Die Krankenhausdirektoren sind oft keine Ärzte, sondern haben eine administrative Ausbildung. Ärzte erfüllen die medizinische Versorgung, die jedoch den pflegerischen und physiotherapeutischen Aufgaben nicht ausgeprägt übergeordnet ist. Formell sind die verschiedenen Berufsgruppen, die für die Patienten tätig sind, nahezu gleichgestellt. Krankenschwestern und -pfleger haben ein dreijähriges Hochschulstudium absolviert und dadurch einen akademischen Rang. Sie sind befugt, alle Medikamente, auch intravenöse, zu verabreichen und selbstständig Patientengespräche zu führen. Das ist aus ärztlicher Sicht eine enorme Erleichterung.
Die Patienten haben einen „partnerschaftlichen“ Status und Anspruch auf einen für sie verantwortlichen Arzt, der ihr Ansprechpartner ist. Es ist üblich, viel Zeit dafür zu verwenden, die Patienten in einer für sie verständlichen Sprache zu informieren. In der Regel erhalten sie Kopien der Epikrisen. Nach der Entlassung aus dem Krankenhaus ist der Übergang in die ambulante Behandlung nahtlos, wenn es erforderlich ist. Oft kommt der häusliche Krankenpflegedienst zur Absprache der Folgebehandlung in das Krankenhaus. Bei chronischen Erkrankungen wird ein individueller Behandlungsplan erstellt, und es werden Personen bestimmt, die für dessen Einhaltung verantwortlich sind. Die Patientenmitwirkung ist weit ausgebaut. Es gibt feste Instanzen, an die sie sich zum Beispiel bei Beschwerden wenden können. Großer Wert wird auf die Aufklärung und vorbeugende Gesundheitsarbeit gelegt.
Ambivalentes Bild der Deutschen
Die Ausrichtung der Medizin ist weitgehend angloamerikanisch, was die Literatur, die apparative Diagnostik und die Behandlungsstandards betrifft. Spezielle Untersuchungen, beispielsweise auf genetischem Gebiet, werden eher in die Vereinigten Staaten als nach Mitteleuropa gesandt. Für die deutsche medizinische Literatur nimmt das Interesse ab. Auch die Zahl der Norweger, die in Deutschland Medizin studieren, ist rückläufig.
Die ursprünglich enge Beziehung zwischen beiden Ländern erlitt durch den Zweiten Weltkrieg einen nahezu vollständigen Bruch, dessen Überwindung Jahrzehnte benötigte. Auch wenn die wirtschaftlichen Beziehungen wieder florieren, ist der kulturelle Austausch nicht mehr so intensiv wie früher. Die Deutschen sind mit ihrer Zuverlässigkeit und guten Ausbildung in Norwegen geschätzt, jedoch haben sie auch das Image, konservativ und bürokratisch zu denken.
Eine deutlich positive Entwicklung in der kulturellen Beziehung zwischen beiden Ländern ist durch die politische Haltung Deutschlands im Irakkrieg zu verzeichnen. Seitdem sind in den Medien vermehrt differenzierte Berichte über das politische und kulturelle Leben in Deutschland zu lesen.
Norwegen ist darauf bedacht, seine Eigenständigkeit zu bewahren. Das Land wurde von 1814 bis 1905 von Schweden und zuvor von Dänemark regiert. Von daher erklärt sich eine latente Skepsis gegenüber einer Fremdbestimmung. Die Frage des Eintritts Norwegens in die Europäische Union ist weiterhin offen.
In der norwegischen Gesellschaft haben Frauen und Kinder einen höheren Stellenwert als in der deutschen. Viele Leitungspositionen sind von Frauen besetzt. Kinder sind im Alltag sichtbarer. Sie können sich im öffentlichen Raum deutlicher ausdrücken, ohne von Erwachsenen in Schranken gewiesen zu werden. Persönlich habe ich in Norwegen mit meinen zwei temperamentvollen Söhnen nach der Schurigelei in Hamburg aufgeatmet.
Die zwischenmenschlichen Beziehungen sind von der Auffassung geprägt, dass alle Menschen gleich sind und die individuelle Entwicklung immer die Gemeinschaft zu berücksichtigen hat. Mit dem Herausstellen persönlicher Leistungen oder Kenntnisse ist man äußerst zurückhaltend. Deutsche haben in der Regel am Anfang Schwierigkeiten, sich auf die norwegische Zurückhaltung umzustellen. Sie sind extrovertierter bei der Präsentation ihrer Qualitäten und bei der Durchsetzung von Interessen. Dieses Verhalten löst bei den Norwegern Skepsis aus, die zu weiterer Zurückhaltung führt. Konflikte am Arbeitsplatz werden eher „ausgesessen“ als verbalisiert. Temperamentsausbrüche gibt es so gut wie nie. Die Grundeinstellung zum Leben ist generell positiv. „Dette ordner seg sikkert“ (das ordnet sich sicher), hört man oft. Fehler werden schnell verziehen.
Wenn man sich auf die norwegische Mentalität eingestellt hat, entdeckt man bald die Vorteile eines ruhigeren Miteinanders. Manchmal jedoch stört die überzogene Tabuisierung negativer Gefühle, und man hat den Eindruck, ein „handfester, reinigender Krach“ würde oft schneller zum Ziel führen als das vorsichtige „Dahineiern“. Auffallend ist auch, dass Konflikte am Arbeitsplatz immer wieder zu Langzeitkrankschreibungen mit Diagnosen wie Fibromyalgie, myalgische Enzephalopathie oder chronische Lumbalgie führen. Doch insgesamt ist das Leben weniger stressbelastet.
Als ich mich entschloss, nach Norwegen zu ziehen, dachte ich an einen Aufenthalt von zwei bis vier Jahren. Das Leben in einem neuen Land fordert jedoch so viel persönlichen Einsatz, dass man zwangsläufig in die neue Umgebung hineinwächst und sich von seiner alten Heimat entfernt. Im Lauf der Zeit verliert man Deutschland als Bezugspunkt, ohne jedoch ganz Norweger zu werden. Der Aufbau einer neuen Identität kostet Kräfte. Diese Identität ist wahrscheinlich dann am tragfähigsten, wenn sie die Verständigung der beiden Kulturen zum Ziel hat.
Gunnar Riemer
E-Mail: gunnar.riemer@sunnaas.no

Vermittelt
Zwischen 1998 und 2005 haben die norwegischen und deutschen Arbeitsverwaltungen insgesamt 370 Ärztinnen und Ärzte nach Norwegen vermittelt. Im Rahmen des Projekts „Gesundheitsfachkräfte nach Norwegen“ gingen die meisten von ihnen als Allgemeinärzte in den kommunalen Dienst. Es gab jedoch auch Fachärzte, die Stellen an Krankenhäusern annahmen. Inzwischen konnte der Bedarf an Ärzten weitgehend gedeckt werden.
Ein Vermittlungsprogramm für Zahnärzte, das 1999 startete, wird möglicherweise verlängert. Beendet ist ein Projekt für Krankenschwestern und -pfleger, das von 2001 bis 2003 lief.
Derzeit liegen der Zentralstelle für Arbeitsvermittlung keine Stellenangebote für Ärzte vor. Sie informiert aber über die Initiativsuche, denn in Norwegen gibt es weiterhin viele freie Stellen für Bewerber mit guten norwegischen Sprachkenntnissen. Kontakt: Zentralstelle für Arbeitsvermittlung der Bundesagentur für Arbeit (ZAV), Europaservice Berlin, Doris Mohn, Friedrichstraße 39, 10969 Berlin; Telefon: 0 30/55 55 99 67 56, E-Mail: Berlin-ZAV.europaservice @arbeitsagentur.de, oder im Internet unter www.legefore ningen.no/stilling.
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1.
Mainholz M (Hrsg.): Hapag-Fahrt zu Odins Thron – Gorch Focks Norwegenreise 1913. Hamburg, München: Dölling und Galitz, 1999; 72.
1. Mainholz M (Hrsg.): Hapag-Fahrt zu Odins Thron – Gorch Focks Norwegenreise 1913. Hamburg, München: Dölling und Galitz, 1999; 72.

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