ArchivDeutsches Ärzteblatt27/2007Kardiovaskuläre Risikofaktoren bei Typ-II-Diabetikern in Deutschland – ein Versorgungsparadox: Versorgungsrealität unberücksichtigt

MEDIZIN: Diskussion

Kardiovaskuläre Risikofaktoren bei Typ-II-Diabetikern in Deutschland – ein Versorgungsparadox: Versorgungsrealität unberücksichtigt

Dtsch Arztebl 2007; 104(27): A-1996 / B-1762 / C-1698

Hensler, Stefan

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LNSLNS Es ist ärgerlich, dass die sogenannten Versorgungsstudien mit ihren Versorgungszahlen die Versorgungsqualität der Hausärzte abzubilden glauben, dabei aber entscheidende Rahmenbedingungen der täglichen Praxis nicht wahrnehmen. Sie scheinen in ihrer Betrachtung der medikamentösen Versorgung deutscher Hausärzte von den Prämissen „unmündiger Patient“ und „freie Finanzierbarkeit“ auszugehen. Die Realität dürfte anders sein. Man kann die zunehmend autonomer und informierter werdenden Patienten nicht ohne Weiteres behandeln, vor allem wenn sie von Medikamentennebenwirkungen betroffen sind oder besondere Einstellungen zu Medikamenten haben. Patientenwünsche kann man auch vor dem Hintergrund eines freien Wettbewerbs nicht übergehen.
Zudem haften die Ärzte für Überschreitungen ihres Medikamentenbudgets mit dem eigenen Honorar. Die angemahnte leitliniengerechte Versorgung ist aber sehr teuer – zum Beispiel in der kardiovaskulären Prävention. Die European Society of Cardiology (ECS) empfiehlt in ihrer führenden Leitlinie Statine ab 5 % 10-Jahres-Risiko für ein Gefäßereignis und Cholesterin > 190 mg/dL und damit praktisch für alle Männer > 65 Jahre und alle Frauen > 70 Jahre. Das belastet eine Praxis mit durchschnittlicher Morbidität wirtschaftlich schwer. Die bisherigen rein quantitativen Daten der Versorgungsstudien spiegeln bestenfalls oberflächlich diesen Spannungsbogen äußerer Rahmenbedingungen. Wie Hausärzte damit umgehen, bleibt im Dunkeln. Das ist sehr bedauerlich, denn Kenntnis darüber könnte gezielter bei Problemen helfen. Die wirkliche Versorgungsqualität der Hausärzte kann man nur abschätzen, wenn die Rahmenbedingungen, zum Beispiel Patientenperspektive, Morbidität und Budgetausschöpfung, zu den Versorgungszahlen in Beziehung gesetzt würden.


Dr. med. Stefan Hensler
Oppenheimer Landstraße 72
60596 Frankfurt
E-Mail: stefan.hensler@gmx.net

Interessenkonflikt
Der Autor erklärt, dass kein Interessenkonflikt im Sinne der Richtlinien des International Committee of Medical Journal Editors besteht.
1.
De Backer G, Ambrosioni E, Borch-Johnsen K: Third Joint Task Force of European and Other Societies on Cardiovascular Disease Prevention in Clinical Practice. European guidelines on cardiovascular disease prevention in clinical practice. Third Joint Task Force of European and Other Societies on Cardiovascular Disease Prevention in Clinical Practice. Eur Heart J 2003; 24: 1601–10. MEDLINE
1. De Backer G, Ambrosioni E, Borch-Johnsen K: Third Joint Task Force of European and Other Societies on Cardiovascular Disease Prevention in Clinical Practice. European guidelines on cardiovascular disease prevention in clinical practice. Third Joint Task Force of European and Other Societies on Cardiovascular Disease Prevention in Clinical Practice. Eur Heart J 2003; 24: 1601–10. MEDLINE

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