ArchivDeutsches Ärzteblatt27/2007Somatoforme Störungen und Funktionsstörungen: Fehlen tut jedem irgendwas

MEDIZIN: Diskussion

Somatoforme Störungen und Funktionsstörungen: Fehlen tut jedem irgendwas

Dtsch Arztebl 2007; 104(27): A-1999 / B-1765 / C-1701

Reuber, Wolfgang E.

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LNSLNS Man muss nur unterscheiden zwischen dem, was ein Patient hat, und dem, was ihm fehlt: Fehlen tut jedem irgendwas, aber eine Krankheit hat glücklicherweise nicht jeder. Es war die Gleichsetzung dieser genau diametralen Befunde – haben versus fehlen – , die im Modell einer „psychosomatischen Medizin“ zu jener ausufernden Pathologisierung des Alltagslebens geführt hat, die unser Sozialversicherungssystem heute so überfordert, dass man über Rationierungen nachdenkt. Und das, obgleich hellsichtige Experten wie Karl Jaspers schon in den 1950er-Jahren davor warnten, subjektives Leiden mit objektivem Erleiden gleichzusetzen, weil damit die auf Objektivität basierende Kompetenz des Arztberufes untergraben würde.
Den zitierten Patienten fehlt etwas, und sie leiden. Doch: „Nobody is perfect“ – wenn wir damit weitermachen, alles therapieren zu wollen, was jemandem fehlt, dann haben wir bald nur noch Kranke. Und die hätten wir dann selber herbeidefiniert, indem wir „Störungen“ mit Krankheit gleichsetzen, denn ungestörtes Leben gibt es nicht – jede neue Lebenserfahrung „stört“ den vorangehenden Status. Ich will solches Leiden damit nicht kleinreden, aber es ist gleichwohl keine ärztliche Sache: Subjektives lässt sich nicht im Sinne von „Diagnosen“ objektivieren – denn „wenn Subjekte zu Objekten der Selbst- und Fremderfahrung werden, verlieren sie eo ipso das, was sie zu Subjekten macht“ (1). So lange niemand das Leib-Seele-Problem gelöst hat, ist deshalb der Terminus „psychosomatisch“ nichts als eine suggestive Leerformel, und sein Gebrauch in der praktischen Medizin führt in eben jene Uferlosigkeit, die unser Gesundheitswesen sprengt.

Dr. med. Wolfgang E. Reuber
Sollinger Straße 24
83317 Rückstetten

Interessenkonflikt
Der Autor erklärt, dass kein Interessenkonflikt im Sinne der Richtlinien des International Committee of Medical Journal Editors besteht.

Die Autoren haben auf ein Schlusswort verzichtet.
1.
Spaemann R: Das Natürliche und das Vernünftige. München: Piper 1987; 52.
1. Spaemann R: Das Natürliche und das Vernünftige. München: Piper 1987; 52.

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