ArchivDeutsches Ärzteblatt27/2007Die Begegnung mit dem Tod: Sterben, Trauer, Tod – die alltägliche Begegnung

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Die Begegnung mit dem Tod: Sterben, Trauer, Tod – die alltägliche Begegnung

Dtsch Arztebl 2007; 104(27): A-2011 / B-1775 / C-1711

Jürgens, Ute

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Foto: EPD
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Das Zulassen von Gefühlen und der Spiritualität sowie das Annehmen und Bitten um Hilfe sind für Ärzte oft schwieriger als für andere, erleichtern aber unendlich.

Der Tod, schwere Krankheiten, die Trauer der Angehörigen und ihre Betreuung sind trotz viel Erfahrung und Routine immer noch schwierige Alltagsthemen. Wie verarbeitet ein Arzt den Tod seiner Patienten? Ist es einfach „normaler Alltag“ oder immer etwas Besonderes, was ihn innehalten lässt und mehr von ihm fordert? Wie stehe ich zum Tod? Was bedeutet er für mich?
Jeder Mensch ist durch Erziehung, Ausbildung und Erfahrungen unterschiedlich geprägt. Die innere Einstellung einer Ärztin/eines Arztes zum Tod beeinflusst die Fähigkeit, mit ihm und den betroffenen Patienten umzugehen.
Für spirituell geöffnete Menschen jedweder Religion ist es manchmal einfacher, das Sterben eines Menschen zu akzeptieren, als wenn der Arzt sich für alles verantwortlich fühlt und bei jedem Tod ein ungesundes Gefühl des Versagens oder der Schuld empfindet. Zwischen diesen beiden Polen liegt viel Land. Wichtig ist es, den eigenen Standpunkt zu kennen, sich damit auseinanderzusetzen, ob die eigene Einstellung „richtig“ ist, ob sie den Arzt befähigt, besser mit sterbenden Patienten und deren Angehörigen umzugehen. In anderen Lebensbereichen helfen wir gern oder bezeugen Mitleid und Solidarität, Verständnis und Trost. Hier ist es schwieriger.
Wo liegt der Schlüssel zu einem natürlichen oder allgemein gesagt „guten“ Umgang mit dem Thema Tod? Es hilft, Abschiede jeder Art bewusst zu erleben, ohne sich mit dem Wiedersehen zu trösten. Bewusst leben und das Leben lieben erleichtern es, lebenssatt zu sterben. Hierzu gehört auch, das eigene Alter mit allen Fähigkeiten und Einschränkungen zu akzeptieren. Gegengewichte schaffen kann man, indem man Freude gegen das Leid setzt, sich also nicht in Schwierigkeiten oder Krankheiten vergräbt. Das Zulassen von Gefühlen und der Spiritualität sowie das Annehmen und Bitten um Hilfe sind für Ärzte oft schwieriger als für andere, erleichtern aber unendlich. Eltern, Kinder, Partner als eigene Individuen zu akzeptieren und loszulassen, ist ebenso wichtig. Das Klären von Beziehungen trägt ebenfalls dazu bei, den Tod besser annehmen zu können: Dank und Liebe aussprechen, Bedrückendes und offene Rechnungen klären, sich selbst (!) und anderen verzeihen. Schmerzen, Krisen und Verluste sind auch als positive Möglichkeit zu würdigen, sich weiterzuentwickeln und einen Blick für das Wesentliche im eigenen Leben zu bekommen. Das Finden von neuen und alten Ritualen zur Bewältigung von Tod und Trauer und ihr Zelebrieren bringt das Verstehen, die Akzeptanz und die Fähigkeit zum Weiterleben ein großes Stück weiter. Rituale wirken ohne Umweg, Kontrolle und Filtration über den Verstand direkt auf das Gefühl. Das ist wesentlich.
Für einen natürlichen Umgang mit dem Tod hilft das Leben in der Gegenwart: „Lebe, wie du, wenn du stirbst, wünschen wirst, gelebt zu haben!“ Dieser bekannte Ausspruch bringt es auf den Punkt. Ein Arzt oder Patient, der ihn beherzigt, hat es leichter als Menschen, die beim Sterben viel Gewünschtes, aber Ungetanes beklagen.
Im Umgang mit Trauernden, die von sehr verschiedenen Gefühlen bewegt werden, ist es hilfreich, zuzuhören: aktiv, vorurteilsfrei, konzentriert, teilend. Antworten werden kaum erwartet. Jeder Mensch ist anders, von den Erfahrungen in seinem Leben geprägt. Geduld und die Erlaubnis für Todkranke und trauernde Angehörige, den Prozess in der ihnen eigenen Geschwindigkeit zu bewältigen, sind von großem Wert. Tränen sind ein natürlicher Reinigungs- und Heilungsmechanismus. Falls das Weinen dem Trauernden peinlich ist, ist es gut zu verdeutlichen, dass alle Gefühle recht haben und sein dürfen. Es reicht oft schon, die Hand zu reichen.
Bestimmte Warnzeichen sind zu beachten: Mitunter verfallen Trauernde in selbstzerstörerische Verhaltensweisen. Sie konsumieren übermäßig Alkohol und Tabletten und isolieren sich. Es treten Depressionen auf. Man sollte die Betroffenen offen darauf ansprechen und unter Umständen Familienangehörige einschalten. Letztere äußern immer wieder, dass sie sich vor allem während des Sterbeprozesses ihres Familienmitglieds allein, einsam und verlassen fühlten, sich unverstanden, zurückgestoßen, isoliert vorkamen und in ihren Empfindungen nicht ernst genommen oder akzeptiert fühlten.
Jeder Arzt steht in einem ständigen Balanceakt: Wie viel Verantwortung übernehme ich bei wem, was ist „Pflicht“, was ist zu viel oder zu wenig? In welchem Maße möchte ich begleiten, stimmt das mit dem überein, was „man“ von mir erwartet, wo ist das für mich gesunde Maß? Inwieweit richte ich mich danach? Die Fähigkeit der inneren Abgrenzung ist bei Trauerprozessen besonders gefragt, speziell die Wahrnehmung fremder und eigener Gefühle, ohne unter ihnen zu leiden.
Ärzten, die unter der Berufskrankheit Perfektionismus leiden, seien darin bestärkt, sich im Kontakt mit schwer Kranken und Sterbenden lieber einmal ungeschickt zu verhalten, als die Zuwendung aus Angst vor Fehlern vollkommen zu unterbinden. Fehlende Kommunikation ist in weit höherem Maß „verkehrt“, als eine aus der Situation entstehende holprige Mitmenschlichkeit.
Ein Seminar zum Thema „Die Begegnung mit Sterben, Tod und Trauer“ findet am 10. und 11. November in Lilienthal bei Bremen statt (15 Fortbildungspunkte). Anschließend wird der Kurs „Das Aufklärungsgespräch – wie sage ich es meinem Patienten?“ angeboten (12. und 13. November, 16 Punkte). Informationen und Anmeldung: KomMed,
E-Mail: KomMed@freenet.de, Telefon: 0 42 98/46 99 77. Ute Jürgens
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