ArchivDeutsches Ärzteblatt27/2007Von schräg unten: Der Zweiklassenstaat

SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Der Zweiklassenstaat

Dtsch Arztebl 2007; 104(27): [100]

Böhmeke, Thomas

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Dass wir Ärzte in der Presse immer gehörig etwas auf die äußeren Gehörgänge kriegen, daran haben wir uns mittlerweile schon gewöhnt, und das führt bei den meisten von uns zu Resistenzentwicklungen – immer nach dem Motto: nicht hinhören und weiterarbeiten, sonst gibt’s peptische Ulzera. Aber diesmal kam die Schelte aus den eigenen Reihen – und sogar aus dem Bundestag – von unserem Kollegen Prof. Dr. med. Karl Lauterbach. Er schlug uns den „Zweiklassenstaat – wie die Privilegierten Deutschland ruinieren“ um die Ohren. Für diejenigen, denen das Buch zu teuer ist oder denen der „Spiegel“-Vorabdruck entgangen ist, hier die Kurzfassung: Niedergelassene Ärzte stellen bei Kassenpatienten nur Fehldiagnosen, um sie dann überflüssigerweise in die doppelte Facharztschiene stationär einzuweisen, während sie sich an Privatpatienten dumm und dämlich verdienen. Diese können sich aber die Superspezialisten aussuchen, an die ein Kassenpatient nie herankommen kann, weil der keinen Bundestagsabgeordneten kennt, der bei Prof. Lauterbach einen Termin ausmachen könnte. Die Superspezialisten wiederum operieren nur die Hypochondrien der Privaten, während die Kassenpatienten, die an sehr seltenen Erkrankungen leiden, an den Sekretärinnen der Universitätsprofessoren abprallen. Schweinerei.
Soweit es mir zu Augen kam, plagten manch einen Kollege ob dieser Analyse deutscher Medizinmisswirtschaft oben beschriebene gastrale Probleme. Ich verstehe das nicht. Finde ich im Text doch eine handfeste Lebenshilfe zur Optimierung ärztlicher Laufbahnen („Der Facharzt am Starnberger See macht mit relativ leichten Fällen ein Vermögen.“) und Vermeidung beruflicher Divertikel („Ärzte, die in den Stadtteilen praktizieren, in denen es viele Problempatienten und wenige privat Versicherte gibt, sind in jeder Beziehung die Verlierer des Systems.“). Der Herr Professor muss es wissen. Schließlich gibt er mir Antwort auf die uralte Frage nach dem Sein: Ein guter Arzt ist wie ein Modeartikel, nach dem man „shoppen“ gehen muss. Aber leider, leider, redet er immer von den Kollegen in den Unikliniken, und ich fühle ich mich wie ein Ladenhüter, weil niedergelassen. Niedergeschlagen studiere ich den weiteren Text. Und entdecke Furchtbares, nach vielen Zeilen Hohelied auf die Universitätskliniken, Sentenzen voller satirischer Kraft: „Natürlich ist es im Ausnahmefall so, dass das Krankenhaus vor Ort auch für den schweren Fall die beste Versorgung bietet.“ Voller Schmerz muss ich erkennen: Prof. Lauterbach zeigt mir, was subtile medizinische Satire ist. Ich bin am Boden zerstört, muss ich doch einsehen: Die letzte Seite im Deutschen Ärzteblatt gehört diesem begabten Menschen. Der Professor kann’s besser . . .
Meine geliebte Frau kommt herein und findet mich vor dem Schreibtisch, von Depressionen geschüttelt, das literarische Ende vor Augen. „Nein, nein, das siehst du völlig falsch“, versucht sie mich zu trösten. „Ich habe eine Quittung von der Buchhandlung erhalten, die meinten, es wäre ein Fachbuch . . .“
Meine Güte, wie kann man so viel Glück haben . . . er will mir das Letzte doch nicht nehmen . . . und von der Steuer kann ich das Buch auch noch absetzen!

Dr. med. Thomas Böhmeke ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck.
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