ArchivDeutsches Ärzteblatt28-29/2007Terror in Grossbritannien: Geschockt über die Verstrickung von Ärzten

POLITIK

Terror in Grossbritannien: Geschockt über die Verstrickung von Ärzten

Dtsch Arztebl 2007; 104(28-29): A-2025 / B-1787 / C-1723

Thomas, Kurt

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Ein Arzt saß am Steuer des Geländewagens, der brennend in den Terminal des Glasgower Flughafens gefahren wurde. Foto: dpa
Ein Arzt saß am Steuer des Geländewagens, der brennend in den Terminal des Glasgower Flughafens gefahren wurde. Foto: dpa
In die jüngsten Terroranschläge in London und Glasgow sind sechs Ärzte involviert. Das britische Ge­sund­heits­mi­nis­terium reagiert mit einer schärferen Überprüfung von ausländischen Stellenbewerbern. Ärzte sind verstärkt in den Fokus der Terrorfahndung geraten.

Britische Krankenhäuser und die Verwaltungen des staatlichen Gesundheitsdienstes (National Health Service, NHS) müssen künftig Stellenbewerber noch sorgfältiger überprüfen, bevor diese eingestellt werden können. Das sehen neue Richtlinien des Londoner Ge­sund­heits­mi­nis­teriums vor. Die Richtlinien waren im Eiltempo erlassen worden, nachdem bekannt geworden war, dass mindestens sechs im Zusammenhang mit den jüngsten Terroranschlägen in London und Glasgow verhaftete Personen Ärzte waren. Außerdem mehren sich in Großbritannien die Forderungen nach einer strengeren Zulassungsüberwachung für ausländische Ärzte, die im staatlichen Gesundheitsdienst praktizieren wollen.
Britische Berufsverbände warnten in jüngster Zeit wiederholt vor voreiligen Reaktionen der Politiker. „Die Zulassungskriterien sind streng genug und nicht das Problem“, so ein Sprecher des britischen Ärztebundes (British Medical Association) in London. Zuvor hatte bereits der General Medical Council, Großbritanniens wichtigstes Organ der ärztlichen Selbstverwaltung, darauf hingewiesen, dass es „keinen unmittelbaren Handlungsbedarf“ gebe. Die Prüfung von Anträgen ausländischer Ärzte sei „gründlich“. Sie müssten vor ihrer Zulassung unter anderem Reisepass, Qualifikationsdokumente sowie persönliche Referenzen vorlegen.
Die britische Öffentlichkeit ist geschockt, nachdem bekannt wurde, dass mindestens acht nach den Terroranschlägen verhaftete Personen für den NHS arbeiteten. Sechs der acht Personen sind Ärzte, die sich im nicht europäischen Ausland beruflich qualifizierten.
Damit scheinen islamistische Terrororganisationen eine neue Taktik eingeführt zu haben. Anstatt sich wie bisher auf die Rekrutierung von sozialschwachen und bildungsarmen Einwandererkindern zu konzentrieren, versucht man jetzt offenbar, gebildetes und medizinisch qualifiziertes Fachpersonal ins Land zu schleusen. Großbritannien sucht seit Jahren im Ausland nach qualifizierten Haus- und Fachärzten sowie nach Krankenpflegepersonal, um die Versorgungslücken im NHS zu schließen. Das nutzen die Terroristen. Deshalb stehen Ärzte nun im Fokus der britischen Terrorfahnder. Zu Wochenbeginn hatte der Antiterrorexperte des neuen britischen Premierministers Gordon Brown, John Stevens, die Befürchtung geäußert, Großbritannien werde diesmal nicht von „hausgemachten“ Terroristen angegriffen, sondern von einem Netz islamistischer Terroristen, welches die Terrortaktik aus dem Irak auf die Britischen Inseln importiere.
Aktuell wurden mehrere Krankenhäuser im Königreich von den Terrorfahndern besucht. Vor einer staatlichen Klinik im schottischen Paisley führte die Polizei zwei kontrollierte Explosionen aus. Das geschah vermutlich aus Angst vor weiteren Sprengstoffanschlägen. In dem Krankenhaus in Paisley wird seit dem 30. Juni einer der mutmaßlichen Attentäter behandelt. Der Mann hatte zusammen mit einem Komplizen versucht, einen brennenden Geländewagen in den Terminal des Flughafens von Glasgow zu steuern. Der dabei lebensgefährlich verletzte Fahrer ist nach Behördenangaben ein NHS-Klinikarzt.
Was die britische Öffentlichkeit an den jüngsten Entwicklungen so sehr schockiert, ist die Tatsache, dass alle festgenommenen Ärzte bis kurz vor den Anschlägen unauffällig ihren Dienst an Patienten verrichteten. Expatienten von Dr. Asha beschrieben den 26-Jährigen als „einfühlsam“ und „sehr freundlich“. Kollegen des verhafteten Neurologen äußerten sich ebenfalls geschockt. Einige bezweifelten gar, dass Dr. Asha zu derartigen Gewalttaten fähig sei. Allerdings ist die Beweislast gegen ihn eindeutig.
Dr. Asha war kürzlich bei einer wilden Verfolgungsjagd auf einer Autobahn in Schottland verhaftet worden. Er hatte seine Frau und seinen zweijährigen Sohn dabei.
Der britische Ärztebund warnte indes vor einer „Verteufelung“ ausländischer Ärzte. Großbritannien sei auf die Dienste ausländischer Mediziner angewiesen, hieß es in London. Die britischen Medien reagierten eindeutig auf die Verhaftung der Ärzte. Überschriften wie „Ärzte des Todes“ spiegeln die derzeitige Gemütslage der Briten wider. Kurt Thomas
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  • Terror: Mörder
    Dtsch Arztebl 2007; 104(43): A-2940 / B-2590 / C-2512
    Kurtze, Michael

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