ArchivDeutsches Ärzteblatt28-29/2007„Was wir tun müssen, ist überzeugen“

POLITIK: Das Interview

„Was wir tun müssen, ist überzeugen“

Dtsch Arztebl 2007; 104(28-29): A-2026 / B-1788 / C-1724

Klinkhammer, Gisela; Korzilius, Heike

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Otmar Kloiber ist seit 2005 Generalsekretär des Weltärztebundes. Davor war er als stellvertretender Hauptgeschäftsführer der Bundesärztekammer tätig. Fotos: Lajos Jardai
Otmar Kloiber ist seit 2005 Generalsekretär des Weltärztebundes. Davor war er als stellvertretender Hauptgeschäftsführer der Bundes­ärzte­kammer tätig.
Fotos: Lajos Jardai
83 nationale Ärzteorganisationen gehören inzwischen dem Weltärztebund an. Seit seiner Gründung 1947 bezieht er Stellung zu medizinethischen Fragen.

Der Weltärztebund wird in diesem Jahr 60 Jahre alt. Er wurde, wie viele andere internationale Organisationen noch unter dem Eindruck des Zweiten Weltkrieges gegründet. Welche Bedeutung hat die Vereinigung heute noch?
Kloiber: Ich glaube, der Weltärztebund hat heute vielleicht sogar eine größere Existenzberechtigung, als er sie zur Zeit seiner Gründung hatte. Denn die Fragen der medizinischen Ethik, der ärztlichen Berufsethik, aber auch sozialmedizinische Fragen, mit denen wir uns von Anfang an beschäftigt haben, sind nach wie vor aktuell und drängend.
Außerdem haben wir jetzt erstmals Zugang zu den meisten Ärzteschaften weltweit. Das war nach dem Zweiten Weltkrieg allein technisch nicht möglich und wurde danach durch die politische Teilung der Welt in Ost und West verhindert. Jetzt haben wir zum ersten Mal die Gelegenheit, unsere Arbeit weltumspannend zu tun. Wir sind nicht länger der Club der westlichen Länder. Wir haben mit 83 nationalen Ärztegesellschaften eine breitere und globalere Basis bekommen.

Welche Motive führten zur Gründung des Weltärztebundes?
Kloiber: Es gab bereits vor dem Zweiten Weltkrieg eine globale ärztliche Organisation, die aber mit dem Eintritt in den Zweiten Weltkrieg praktisch aufhörte zu existieren. Nach dem Zweiten Weltkrieg sind einige nationale Ärzteorganisationen zu der Auffassung gelangt, dass man aus dem, was sich insbesondere in Nazideutschland ereignet hatte, lernen und einen Neuanfang machen musste. Die Gründungsvorbereitungen für den Weltärztebund fielen zeitlich mit dem Nürnberger Ärzteprozess zusammen. Seine Neugründung fand dann im September 1947 in Paris statt, diesmal mit dem Ziel, sich vorrangig um die ärztliche Ethik zu kümmern. Das ist unser Schwerpunkt geblieben.

Der Weltärztebund hat 83 Mitgliedsverbände aus den unterschiedlichsten Teilen der Welt. Erschwert es diese Vielfalt nicht, gemeinsame Standpunkte und Positionen zu entwickeln? Beispiel China: Dort vertritt man ja in puncto Organspende durchaus andere ethische Standards als in vielen westlichen Ländern.
Kloiber: Richtig ist, dass die Praxis eine andere ist. Aber die Praxis hat nicht unbedingt immer etwas mit der ärztlichen Ethik zu tun. Die Praxis hat mit den gesellschaftlichen und politischen Zuständen in einem Land zu tun. Genauso wie es viele soziale und ökonomische Zwänge gibt, die ärztliches Handeln beeinflussen. Deshalb kümmern wir uns auch um diese Themen. Wir sollten uns davor hüten zu glauben, dass wir in den westlichen Ländern als einzige wissen, was richtig ist.
Mit der Chinese Medical Association sind wir gerade, was die Frage der Organtransplantation angeht, auf einem recht guten Weg. Und der chinesische Vizegesundheitsminister hat uns versichert, das Problem der Organentnahme nach Exekutionen anzugehen.

Kloiber leitet die Geschicke eines Verbandes, der mit einem Budget von 1,5 bis zwei Millionen Euro auskommen muss. Im Wesentlichen stammt das Geld aus Mitgliedsbeiträgen der nationalen Ärzteorganisationen.
Kloiber leitet die Geschicke eines Verbandes, der mit einem Budget von 1,5 bis zwei Millionen Euro auskommen muss. Im Wesentlichen stammt das Geld aus Mitgliedsbeiträgen der nationalen Ärzteorganisationen.
Der Weltärztebund hat sich immer auch für die Menschenrechte eingesetzt. Zum Beispiel beschäftigte sich die Mitgliederversammlung vor zehn Jahren in Hamburg mit der völlig unzureichenden medizinischen Versorgung afghanischer Frauen unter dem Regime der Taliban. Man hat sich damals allerdings sehr schwer getan mit einer gemeinsamen Resolution. Offenbar gibt es doch sehr unterschiedliche Vorstellungen zum Thema Menschenrechte unter den Mitgliedern. Ist das ein Problem?
Kloiber: Das ist in weiten Teilen ein formales Problem, insofern als wir den schmalen Grat wahren müssen, die medizinischen Aspekte der Menschenrechte anzusprechen und nicht in allgemeine politische Statements zu verfallen. Das war auch damals der Punkt bei der Resolution zur Behandlung der Frauen in Afghanistan. Uns geht es nicht darum, irgendein Land oder irgendeine Religionsgruppe anzuprangern. Wir wollen die grundsätzlichen Prinzipien festhalten, die einen freien Zugang zur Gesundheitsversorgung für alle Menschen gewährleisten. Insofern haben wir vor Kurzem beschlossen, diese Resolution in eine generelle Erklärung umzuarbeiten. Denn die Benachteiligung von Frauen ist in vielen Ländern ein Problem.

Sie haben in einem Papier Ihre Ziele bis 2007 zusammengefasst. Unter anderem heißt es dort, sie wollen sich für eine Verbesserung der Gesundheitsversorgung einsetzen, medizinethische Standards formulieren, sich für die Menschenrechte einsetzen, sich international vernetzen. Das sind sehr generelle Ziele. Welche konkreten Schwerpunktthemen bearbeiten Sie zurzeit?
Kloiber: Unser Schwerpunkt liegt nach wie vor auf der Formulierung eines gemeinsamen ethischen Konsenses. Wir haben vor sieben Jahren unsere Deklaration von Helsinki überarbeitet, das ist die Deklaration, die die Forschung am Menschen beschreibt und dem Arzt ethische Handlungsempfehlungen gibt. Die Arbeit an dieser Deklaration werden wir wieder aufnehmen. Diesmal wird es allerdings keine so grundlegende Neufassung geben wie im Jahr 2000.
Ein weiteres Schwerpunktthema wird die Nutzung embryonaler Stammzellen sein. Das wird eine schwierige Diskussion werden, weil hier die Meinungen sehr weit auseinandergehen. Dem muss sich der Weltärztebund stellen.

Besteht dabei nicht die Gefahr, dass man sich letztlich auf einen Minimalkonsens einigt?
Kloiber: Die Gefahr besteht natürlich immer. Dann ist aber die Frage, gibt man sich damit zufrieden, dass man keinen Konsens erzielen kann, oder erkennt man an, dass es in verschiedenen Ländern verschiedene Ansichten darüber gibt, und versucht dann auf dieser Grundlage Regeln aufzustellen, die wir für akzeptabel halten.

Schon die Definition zum Beginn des Lebens ist ja völlig unterschiedlich.
In Israel beispielsweise gilt eine embryonale Stammzelle nicht als menschliches Leben, in vielen anderen Ländern schon.
Kloiber: Das ist richtig. Es gibt völlig verschiedene Zeitpunkte, zu denen der Beginn des menschlichen Lebens gesetzt wird. Das sind teilweise Legaldefinitionen, wie sie auch in Deutschland durch das Embryonenschutzgesetz festgelegt sind, das sind teilweise Festlegungen durch Komitees oder aber auch Ergebnisse religiöser Vorstellungen. Sie alle haben ihre Berechtigung. Gleichwohl wird es damit natürlich sehr schwer, einen globalen Konsens zu finden, und es kann durchaus sein, dass ein solcher bis ins letzte Detail nicht zu erreichen ist. Dann stellt sich die Frage, ob wir nicht den Dissens dokumentieren, einen Mindeststandard etablieren und darauf verweisen, dass es in bestimmten Ländern strengere Standards gibt, die zu respektieren sind.

An der letzten Fassung der Deklaration von Helsinki hat es auch Kritik gegeben, zum Beispiel, was die Forschung an nicht einwilligungsfähigen Menschen betrifft. So wurde bemängelt, dass jetzt auch nicht therapeutische Forschung möglich sei. Werden Sie diesen Passus noch einmal überarbeiten?
Kloiber: Wir haben bei der letzten Änderung die alte Unterscheidung in eine klinische, dem Probanden nutzende Forschung und eine Grundlagenforschung, die dem Probanden nicht unbedingt nützt, aufgegeben. Denn wir haben festgestellt, dass es eine solche Unterscheidung eigentlich gar nicht gibt. Wenn man als Patient in eine Kontrollgruppe kommt, hat man auch nichts von einem neuen Medikament.
Es gilt, abzuwägen zwischen der Einsichtsfähigkeit der Probanden, der Risikoabschätzung und dem Patientennutzen. Die Deklaration von Helsinki besagt jetzt, dass in Studien an nicht einwilligungsfähigen Probanden, zum Beispiel an Kindern oder mental retardierten oder bewusstlosen Personen, die Belastung und Gefährdung möglichst klein gehalten werden und zumindest für die gleiche Gruppe ein Nutzen erkennbar sein muss.
Dieses Thema wird gerade in Deutschland zu Recht kritisch gesehen. Das hängt natürlich auch mit unserer Geschichte, der medizinischen Forschung während der Nazizeit zusammen. 1
Wir sind aber auf der anderen Seite verpflichtet, Behandlungen für krebskranke Kinder oder für Menschen mit Demenz zu entwickeln. Dieses Dilemma bleibt, und dem müssen wir uns stellen.

Welches Gewicht hat die Stimme des Weltärztebundes?
Kloiber: Unsere Beschlüsse haben den Weg in viele Gesetze, in ärztliche Berufsordnungen oder Kodizes gefunden. Was wir tun müssen, ist überzeugen.

Wie wollen Sie in der Zukunft aufgestellt sein?
Kloiber: Wir wollen die Zusammenarbeit mit internationalen Organisationen und Verbänden verstärken, weil wir denken, dass an vielen Stellen ärztlicher Einfluss in stärkerem Maße ausgeübt werden sollte als bisher, weil es um medizinische Fragen geht. Das können wir nicht den Politikern allein überlassen.
Außerdem betreiben wir zurzeit verschiedene Projekte, die ein bisschen von der traditionellen Route des Weltärztebundes abweichen. So haben wir zum Beispiel ein Handbuch zur medizinischen Ethik herausgegeben. Es soll Ärzten dabei helfen, ein Bewusstsein dafür zu entwickeln, wo ethische Probleme liegen, und wie man damit umgehen kann. Das Handbuch wird inzwischen auch an etlichen Universitäten als Lehrmaterial benutzt. Zu dem Thema wird es auch einen Onlinekurs geben.
Bereits genutzt wird unser Onlinekurs zur Gefängnismedizin. Dazu gab es bislang weltweit überhaupt kein Unterrichtsmaterial. Einen weiteren Kurs zur multiresistenten Tuberkulose testen wir momentan in Südafrika, auf den Philippinen und in Estland.
Viel Beachtung hat unsere Initiative „Caring Physicians of the World“ erfahren, ein Bildband, der 65 Ärzte aus 58 Ländern porträtiert. In einer Zeit, in der wir sehr leichtfertig gewillt sind, Kritik von allen Seiten duldsam zu ertragen, ist es vielleicht mal ganz gut zu zeigen, was Ärzte weltweit leisten.
Das Gespräch führten Gisela Klinkhammer und Heike Korzilius.
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