ArchivDeutsches Ärzteblatt28-29/20073. Deutsch-Österreichischer Aids-Kongress: Aktuelle Daten zeigen gute Behandlungsqualität

MEDIZINREPORT

3. Deutsch-Österreichischer Aids-Kongress: Aktuelle Daten zeigen gute Behandlungsqualität

Dtsch Arztebl 2007; 104(28-29): A-2034 / B-1793 / C-1729

Warpakowski, Andrea

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Das Kompetenznetz HIV/AIDS gibt auf dem AIDS-Kongress in Frankfurt am Main einen Einblick in seine Patientenkohorte und die laufenden Forschungsprojekte.

Fast ein Drittel aller in Deutschland lebenden Menschen mit HIV-Infektion umfasst mittlerweidie Kohorte des Kompetenznetzes HIV/AIDS. Gespeist wird die Datenbank seit 2004 bundesweit von 44 HIV-Schwerpunktzentren, die nach der Einverständniserklärung der Patienten deren Daten in das Register eingeben und standardisiert Blut und Serum für künftige Fragestellungen asservieren. Auf Basis dieser Patientenkohorte wurden bereits zahlreiche Studien und Projekte initiiert.
Eine aktuelle Auswertung vom Mai 2007 spiegele nach den Worten von Dr. med. Stefan Esser (Universitätsklinikum Essen) die Behandlungsrealität in Deutschland wider. So verteilt sich die Hälfte der gemeldeten Patienten auf zwölf große Zentren, die jeweils mehr als 400 HIV-Patienten pro Jahr behandeln, davon sechs Zentren mit mehr als 600 Patienten.
Von den 15 000 Patienten sind
jeweils 85 Prozent Männer, 84 Prozent Kaukasier und 80 Prozent deutscher Herkunft. Patienten aus Hochprävalenzländern sind jedoch unterrepräsentiert. Das mittlere Alter der Infizierten liegt bei 44 Jahren, allerdings sind bereits 1 400 Patienten der Kohorte über 60 Jahre alt. Die HIV-Erstdiagnose wurde vor durchschnittlich 7,8 Jahren gestellt, und die medikamentös behandelten Patienten erhalten im Mittel seit 3,7 Jahren eine antiretrovirale Therapie.
Während 26,2 Prozent der Kohortenpatienten das Vollbild Aids entwickelt haben, weisen 35,4 Prozent noch keine klinischen Symptome auf. Der häufigste Infektionsweg sind homosexuelle Kontakte (60 Prozent), gefolgt von intravenösem Drogengebrauch (6,5 Prozent) und Herkunft aus einem Hochprävalenzland (4,8 Prozent).
Während 17 Prozent der Infizierten noch ohne Arzneimittel betreut werden können, erhalten zwei Drittel der Kohortenpatienten eine antiretrovirale Therapie (ART); diese ist so effektiv, dass bei der Mehrzahl der Behandelten keine Viren mehr im Blut nachweisbar sind. „Die Ansprechraten unter einer antiretroviralen Therapie in dem unselektionierten Kohortenkollektiv sind mit 60 bis über 70 Prozent der Patienten unter der Nachweisgrenze denen in Studien vergleichbar – das ist ein hervorragendes Ergebnis für die deutschen HIV-Behandler“, betonte Esser auf einem Symposium des Kompetenznetzes im Rahmen des Deutsch-Österreichischen AIDS-Kongresses (DÖAK) in Frankfurt/Main.
Auch über die Art der Therapie gibt die Kohorte Auskunft: Am häufigsten erhielten die Patienten einen geboosterten Proteasehemmer plus zwei NRTI* (41,2 Prozent), gefolgt von einem NNRTI** plus zwei NRTI (35 Prozent). Sicher ist, dass jeder Vierte der Gesamtkohorte und 36,8 Prozent aller Patienten unter ART mindestens eine Vortherapie erhalten haben. Insgesamt gebe es in der Datenbank mehr als 8 000 Patienten, die im vollständig langfristigen Verlauf dokumentiert worden seien, resümierte Esser in Frankfurt.
Eine Aidsschleife aus roten Rosen schmückte das Rednerpult der Frankfurter Paulskirche zur Eröffnung des 3. DeutschÖsterreichischen AIDS-Kongresses (DÖAK). Foto: Andrea Warpakowski
Eine Aidsschleife aus roten Rosen schmückte das Rednerpult der Frankfurter Paulskirche zur Eröffnung des 3. DeutschÖsterreichischen AIDS-Kongresses (DÖAK).
Foto: Andrea Warpakowski
Dass sich die Kohorte des Kompetenznetzes auch für pharmakogenetische Studien eignete, zeige eine vorläufige Auswertung zum Zusammenhang ethnischer Herkunft und Metabolisation von Medikamenten, berichtete Dr. med. Christoph Wyen (Universitätsklinikum Köln). Daten aus den USA, aus Afrika und der Schweiz belegen, dass bei Menschen afrikanischer Ethnität genetische Varianten des Cytochrom-2B6-Isoenzyms (CYP2B6) zu unterschiedlich hohen Plasmaspiegeln – vor allem des Wirkstoffs Efavirenz – mit dementsprechenden Nebenwirkungen führen.
Die Arbeitsgruppe um Wyen analysierte 124 Blutproben von Patienten afrikanischer Ethnität und zur Kontrolle 218 kaukasischer Ethnität aus der Kohorte des Kompetenznetzes. Demzufolge findet man verschiedene CYP2B6-Genotypen im klinischen Alltag der Kohorte wieder, diese erklären nicht nur hohe Plasmaspiegel von Efavirenz, sondern auch die des zweiten Vertreters der NNRTI, Nevirapin. „Die Frequenz von 7,6 Prozent eines seltenen Allels des CYP2B6 an Position 983 stimmt mit Daten aus den USA und Afrika überein und konnte erstmals als homozygoter Genotyp nachgewiesen werden, der NNRTI kaum abbauen kann“, sagte Wyen.
Der halbjährlich zu aktualisierende Datensatz umfasst fast 400 Variablen – eine Herausforderung für die Zentren. In einem Basismodul werden detailliert soziodemografische Parameter, Daten zur Anamnese und HIV-Therapie sowie Nebenwirkungen und Laborwerte abgefragt. Für die Auswertung der Daten spiele neben der Quantität deshalb auch die Qualität eine entscheidende Rolle, betonte Dr. med. Nicole Skoetz vom Koordinierungszentrum für Klinische Studien Köln (KKSK), das seit September 2005 für die statistische und technische Betreuung der Patientenkohorte zuständig ist.
Und der Datensatz wächst weiter: Neben dem Basismodul und den bereits bestehenden Zusatzmodulen „Hepatitis“ und „Neuro-Aids“ kamen im letzten Jahr noch die Module „Kinder“ und „Schwangerschaft“ hinzu. Letztere sollen den Verlauf von Schwangerschaft und Geburt sowie den Gesundheitszustand der HIV-exponierten Kinder erheben. Denn die HIV-Infektion des Kindes unterscheidet sich von der des Erwachsenen nicht nur hinsichtlich Infektionsweg und Virusdynamik, sondern auch was den Reifungsprozess des Immunsystems und Metabolismus betrifft.
Pädiatrische HIV-Medizin
Für die pädiatrische HIV-Medizin sind daher Therapiekonzepte notwendig, welche die physischen und psychischen Besonderheiten der verschiedenen Altersstufen berücksichtigen. Daraus leitet sich ab, dass die Erforschung der kindlichen HIV-Infektion spezifische Fragestellungen verfolgen muss. Derzeit werden die Daten und Befunde von 120 HIV-infizierten Kindern in sieben pädiatrischen Zentren erfasst. Eine Aktualisierung erfolgt alle sechs Monate.
Da die HIV-Therapie immer komplexer wird, werden auch die Gynäkologen mit der Anwendung antiretroviraler Medikamente in der Schwangerschaft und ihrer Resistenzentwicklungen konfrontiert. Auch auf schwangerschaftsbedingte Besonderheiten muss geachtet werden; so ist zum Beispiel die CD4-Zellzahl um zehn bis 20 Prozent erniedrigt.
Internationale Einbindung
„Ziel der Patientenkohorte ist es, ein umfassendes Bild zu erstellen, um auf der Basis dieses Datenmaterials Forschungsfragen schneller zu beantworten“, erläutert so Prof.
Dr. med. Norbert H. Brockmeyer, Sprecher des Kompetenznetzes HIV/ AIDS und Direktor für Forschung und Lehre an der Klinik für Dermatologie und Allergologie der Ruhr-Universität Bochum. Der Versuch einer lückenlosen Abbildung einer HIV-Infektion in verschiedenen Lebensphasen sei für ein nationales Programm weltweit einzigartig. Zusätzlich könne das Patientenregister auch als Modellprojekt für Staaten und Regionen dienen, in denen die Dokumentation der HIV-Infektion gerade erst beginnt, wie zum Beispiel in Osteuropa.
Das Kompetenznetz, das vom Bundesminsterium für Bildung und Forschung gefördert wird, ist inzwischen Partner in europäischen und internationalen Forschungskonsortien. So kooperiert man in „Euro-VaCC“ mit 21 europäischen und chinesischen Arbeitsgruppen in der Vakzineforschung. Zudem beteiligt es sich an der „Collaboration of Observational HIV Epidemiological Research in Europe“ (COHERE) sowie am „Network of European Aids Treatment“ (NEAT) mit dem Ziel, gemeinsame Studien durchzuführen und Trainings für HIV-Behandler aus Osteuropa zu konzipieren. Andrea Warpakowski

 *NRTI = Nukleosidaler Reverse Transkriptase-Hemmer
**NNRTI = Nicht-Nukleosidale Reverse Transkriptase-Hemmer (NNRTI)

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