ArchivDeutsches Ärzteblatt28-29/2007Palliativmedizin im Studium: Berührungsängste abbauen

THEMEN DER ZEIT

Palliativmedizin im Studium: Berührungsängste abbauen

Dtsch Arztebl 2007; 104(28-29): A-2036 / B-1795 / C-1731

Hibbeler, Birgit

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Die Palliativmedizin ist im Medizinstudium kein Pflichtfach. Dabei ist der Umgang mit Sterbenden eine Herausforderung – medizinisch und zwischenmenschlich.

Man kann nicht behaupten, dass Medizinstudierende nicht mit dem Tod konfrontiert werden. Viele Wochen und Monate des vorklinischen Studienabschnitts verbringen sie im Präpariersaal und lernen die Anatomie des Menschen an Leichen kennen. In den ersten Semestern verbringen sie oft mehr Zeit mit Toten als mit lebenden Patienten. Später dann steht die Heilung von Krankheiten im Vordergrund. Der Bereich zwischen Leben und Tod spielt im Medizinstudium bislang allerdings kaum eine Rolle. Das Sterben kommt in der Ausbildung nicht vor. Mit der neuen Approbationsordnung sind einige neue Pflichtfächer hinzugekommen, in Form von zwölf sogenannten Querschnittsbereichen. Im Gegensatz zu Fächern wie klinische Umweltmedizin, Epidemiologie oder Gesundheitsökonomie zählt aber die Palliativmedizin nicht dazu.
Kurativ orientiertes Studium
Obwohl in der ärztlichen Arbeit der Umgang mit chronisch Kranken und multimorbiden Patienten immer wichtiger werde, spiegele sich diese Entwicklung im kurativ ausgerichteten Medizinstudium noch nicht wider, kritisiert Dr. med. Thomas Schindler, Geschäftsführer der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin (DGP). Gerade für junge, motivierte Ärzte, die frisch aus dem Studium kämen, könnten die ersten Berufserfahrungen ernüchternd sein. „Viele sind mit der Erfolglosigkeit der Medizin überfordert“, sagt Schindler. Die DGP fordert daher, die Palliativmedizin zu einem Pflichtfach im Medizinstudium zu machen. „Es geht darum, ein pallia-tivmedizinisches Basiswissen zu vermitteln“, erklärt Schindler.
Das sieht Prof. Dr. med. Lukas Radbruch, Direktor der Klinik für Palliativmedizin, Universitätsklinikum Aachen, genauso. Sein Anspruch: Die Studierenden sollten über die wichtigsten Symptome – wie Schmerzen, Übelkeit und Luftnot – und deren Therapie Bescheid wissen. „Einfach, schematisch und praxisbezogen“, erläutert Radbruch. Wer genau wisse, wie man Patienten helfen kann, wenn sie sterben, der habe auch weniger Berührungsängste mit Todkranken, ist der Palliativmediziner überzeugt. Die Studierenden sollen erfahren, dass erfolgreiches ärztliches Handeln sich am Ende des Lebens nicht an Lebenszeit, sondern an Lebensqualität misst.
Die Medizinische Fakultät in Aachen ist einer der wenigen Standorte in Deutschland, an dem die Pallia- tivmedizin ein Pflichtfach ist. Im siebten Semester besuchen alle Studierenden das Blockpraktikum „Palliativmedizin und Schmerz“, das Anästhesisten und Palliativmediziner gemeinsam abhalten. Aus diesem Praktikum sollen die Studierenden weit mehr mitnehmen als medizinisches Wissen. Radbruch geht es auch um die persönliche Einstellung der Studierenden. In Kleingruppen stehen deshalb Themen wie Sterbehilfe und Patientenverfügungen auf dem Programm.
Foto: mauritius images
Foto: mauritius images
Nicht nur fehlendes medizinisches Wissen, sondern auch die zwischenmenschliche Überforderung kann Berührungsängste mit dem Sterben schaffen. „Gespräche mit Sterbenden, die über medizinische Inhalte hinausgehen, lassen viele Studierende aus der Situtation flüchten“, sagt Susanne Keilig von der Arbeitsgemeinschaft (AG) Palliativmedizin der Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland (bvmd). Es besteht die Gefahr, dass aus enthusiastischen Medizinstudenten abgeklärte Ärzte werden, die sich emotional zurückziehen und das für professionelle Distanz halten. „Wenn Ärzte einen Patienten nicht heilen können, werden sie auch mit dem eigenen Tod konfrontiert und mit der Tatsache, dass sie nicht jeden retten können“, sagt Radbruch. Deshalb sollten die Studierenden nicht nur über ethische Fragen nachdenken, sondern auch über ihren eigenen Tod und über ihr Selbstbild als Mediziner.
Darüber hinaus findet in Aachen das Konzept „Patient als Lehrer“ unter den Studierenden großen Zuspruch. Dabei begleitet ein Studierender einen todkranken Patienten über mehrere Wochen und erhält eine kontinuierliche Supervision. Radbruch stuft dieses Praktikum als sehr sinnvoll ein. Die Studierenden lernen nicht nur den Umgang mit einem Sterbenden, sondern auch mit ihren eigenen Gefühlen. Das Praktikum ist fester Bestandteil des Qualifikationsprofils Palliativmedizin und regelmäßig ausgebucht.
Neben Aachen haben bislang nur vier weitere Fakultäten einen Lehrstuhl für Palliativmedizin: Bonn, Göttingen, Köln und München. Zwar finden an manchen Universitäten freiwillige palliativmedizinische Kurse statt, an vielen Standorten gibt es aber gar keine Angebote. Das ergab eine Erhebung der AG Palliativmedizin der bvmd aus dem Jahr 2006. Demnach gibt es an 18 Fakultäten keine palliativmedizinischen Lehrangebote.
Pflichtfach als Chance
Bereits 2003 hat der 106. Deutsche Ärztetag in Köln gefordert, die Palliativmedizin in ein Pflichtfach im Medizinstudium umzuwandeln und als Querschnittsfach in die neue Approbationsordnung aufzunehmen. Ohne Erfolg. Das Land Niedersachsen hat im März 2006 eine entsprechende Bundesratsinitiative gestartet. Der Antrag liegt seitdem den zuständigen Ausschüssen zur Beratung vor.
Die Einführung eines Pflichtfachs Palliativmedizin bietet große Chancen. Doch es bestehen auch Risiken, wenn nicht gleichzeitig die palliativmedizinischen Strukturen ausgebaut werden. Zu diesem Schluss kommt zumindest die AG Palliativmedizin der bvmd in ihrer Studie. Denn: Wer soll das Fach an den Fakultäten qualifiziert lehren, die keine palliativmedizinische Abteilung haben? DGP-Geschäftsführer Schindler will diesen Einwand nicht gelten lassen. Er baut darauf, dass an allen Fakultäten qualifizierte Lehrbeauftragte zu finden sind. Ganz wichtig ist ihm, dass es dann keinen Streit um die Zuständigkeiten gibt, sondern dass die verschiedenen Fachdisziplinen gemeinsam an einem Strang ziehen. „Die Palliativmedizin ist ein interdisziplinäres Fach“, stellt er klar.
Dr. med. Birgit Hibbeler
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