ArchivDeutsches Ärzteblatt28-29/2007Organspende: Detaillierte Aufklärung
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In den Routineabläufen wie auch in der grundsätzlichen Diskussion um die Organtransplantation sind gewichtige Einwände vergessen und vorsätzlich verdrängt worden:
« Der durch anerkannte elektrophysiologische Methoden festgestellte Hirntod ist eine gefährliche Vereinfachung, wenn nicht Irreführung der Öffentlichkeit, aber auch der Ärzteschaft wie auch der bei Explantationen tätigen Ärzte. Unter wissenschaftlichem Aspekt ist korrekt von irreversiblen Hirnversagen zu sprechen. Denn der landläufig definierte Hirntod ist nicht der endgültige Tod des Menschen: die Lebensvorgänge dauern noch mindestens einige Tage. Eingriffe zur Zeit des so definierten Hirntods sind vielmehr Eingriffe in den Sterbeprozess des Menschen. Das am einfachsten verständliche Argument dafür besteht in dem allgemein bekannten Phänomen: Auch hirntote Schwangere können ihre Schwangerschaft noch über mehrere Monate fortsetzen, z. T. bis zur Schnittentbindung ihres lebensfähigen Kinds. Lediglich ein Beispiel von vielen dafür ist das sogenannte Stuttgarter Baby (1991): In der 17. Schwangerschaftswoche wurde der Hirntod bei einer 33-jährigen Patientin einwandfrei festgestellt. Auf Wunsch des Ehemannes wurde seine Ehefrau in der Filderklinik hospitalisiert, wo sie in der 29. Schwangerschaftswoche per sectio entbunden war. Der Junge führt seither ein gesundes Leben. Sein Vater hat über diese Schwangerschaft ein ergreifendes Tagebuch publiziert (Diese Krankengeschichte ist u. a. publiziert von P. Bavastro in J. Hoff/J. von der Schmitten [Hg.]: „Wann ist der Mensch tot“? Rowohlt 1995).
¬ Die Organimplantation ist für die Organempfänger ein maximaler Eingriff in ihre Existenz. Beispiele dafür sind: die Autobiografie des schweizerischen Kinderpsychotherapeuten Hans-Rudolf Müller-Nienstedt „Geliehenes Leben – Tagebuch einer Transplantation“ (Walter Verlag Zürich und Düsseldorf 1996). Es handelt sich um eine Lebertransplantation. Der Kollege schildert seine Leiden und Qualen, die er in der Zeit der Operation und kurz danach durchmachte. Es liest sich wie eine Höllenfahrt, bei aller sachlich-detaillierten Schilderung. Er urteilt aus eigener Erfahrung, wenn er fordert: Nur der Organspender darf zu Lebzeiten darüber entscheiden, ob ein Organ nach seinem Hirntod explantiert wird oder nicht – seine Angehören haben dazu kein Recht. (Jedoch entspricht dies nicht der sogenannten erweiterten Zustimmungsregelung der gegenwärtigen Rechtslage in der BRD). In ihrem Buch „Mit dem Herzen eines anderen leben? Die seelischen Folgen der Organtransplantation“ (Kreuz-Verlag Zürich 1993) schildert die Kunsttherapeutin Elisabeth Wellendorf ihre jahrelangen Erfahrungen bei der kunsttherapeutischen Begleitung organtransplantierter Kinder in der Kinderklinik der MHH (Herz-Lungen-Implantation). Das vielfältige Leiden dieser Kinder, die z. T. ihren Eltern zuliebe diese Operation über sich ergehen ließen, spiegelt sich in schweren Depressionen, in der seelischen Isolation (da die medizinische Umgebung das Leiden der Kinder nicht verstehen kann oder will), ihren Schuldgefühlen, weil ein anderer dafür sterben musste, damit sie ein Organ erhielten, vor allem aber auch im schwersten leiblichen Entfremdungsgefühl: Die kleinen Patienten hatten sich auf ihr bisher reduziertes Leben eingelassen und hatten u. a. das Empfinden, dieses Leben sei „wertlos“ geworden. Wenn das Transplantationsgesetz neu formuliert werden soll, so sollte der Gesetzgeber verlangen, dass alle unmittelbar Beteiligten und Betroffenen – d. h. potenzielle Organspender und Organempfänger – über diese Fakten eindringlich aufgeklärt werden . . . Diese Aufklärung muss detailliert und durch eine neutrale Person erfolgen, die kein Interessenvertreter ist.
Univ.-Prof. em. Dr. med. Peter Petersen, Kauzenwinkel 22, 30627 Hannover
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