ArchivDeutsches Ärzteblatt28-29/2007Grossbritannien: Wütende Assistenzärzte

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Grossbritannien: Wütende Assistenzärzte

Dtsch Arztebl 2007; 104(28-29): A-2079 / B-1835 / C-1771

Schramm-Gajraj, Katharina; Ferié, Julia; Mahr, Peter; Zoettl, Maximilian

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Ärzteparadies Großbritannien? Aufgebrachte Ärzte protestieren in London gegen die Verteilung der Weiterbildungsstellen. Fotos: RemedyUK
Ärzteparadies Großbritannien? Aufgebrachte Ärzte protestieren in London gegen die Verteilung der Weiterbildungsstellen. Fotos: RemedyUK
Die Reform des Weiterbildungssystems ist geprägt von Pleiten, Pech und Pannen. Ab August sind viele Ärzte ohne Stelle, zugleich drohen Engpässe bei der Versorgung.

Tausende britische Assistenzärzte bangen in diesen Tagen: Entweder sie werden am 1. August ganz ohne feste Beschäftigung sein oder sie bekommen eine Stelle weit entfernt vom Wohnort zugewiesen. Für viele werden befristete Verträge für „Non-Training Posts“ (nicht zur Weiterbildung anerkannte Stellen und damit berufliche Sackgassen) den einzigen Ausweg darstellen. Von der Reform des Weiterbildungssystems sind 30 000 Ärztinnen und Ärzte betroffen. Rund 12 000 von ihnen werden im August wohl zunächst arbeitslos werden.
Die bisherige Weiterbildung zum Facharzt in Großbritannien wurde als unstrukturiert und zu wenig planbar angesehen. Unter dem Titel „Modernising Medical Careers“ (MMC) wurde 2003 ein neues standardisiertes nationales Weiterbildungsprogramm beschlossen. Studienabgänger folgen diesem Curriculum seit 2005. Ein zweijähriges „Foundation Year Programme“ zu Beginn der Weiterbildung zielt in erster Linie auf die Entwicklung allgemeiner klinischer Fähigkeiten ab. Die jungen Mediziner durchlaufen Viermonatsrotationen in verschiedenen Fachrichtungen. Dies soll unter anderem die Wahl einer Fachrichtung am Ende des Programms erleichtern, wenn sich die Ärzte in Weiterbildung auf das „Specialist“ oder „General Practice Training“ bewerben. Nach diesem je nach Fachrichtung drei bis sieben Jahre dauernden „Run Through Training“ (unterteilt in „Basic Specialist Training“ und „Higher Specialist Training“) erhält der Kandidat nach regelmäßigen „Assessments“ ein „Certificate of the Completion of Training“ (CCT). Dies erlaubt den Eintrag als „Consultant“ in das „Specialist Register“ oder als „General Practitioner“ in das „General Practitioner Register“.
Insgesamt wird durch dieses neue System die Facharztweiterbildung verkürzt. Viele sehen darin aber auch eine Abwertung des ursprünglichen Trainingsstandards und die Vorbereitung für eine weitere Veränderung, nämlich die Einführung von „Sub-Consultant“-Stellen.
In diesem Jahr sollen nun alle Ärztinnen und Ärzte, die bisher noch gemäß dem alten Curriculum ausgebildet wurden, in das neue System eingegliedert werden und auch dem neuen Weiterbildungsplan folgen.
Für Unruhe sorgt vor allem die Vergabe der Weiterbildungsstellen. Denn diese scheint sich nur selten nach harten Daten zu richten. So war nur für Allgemeinmediziner eine Multiple-Choice-Prüfung Grundlage des Rankings. In allen anderen Fächern wurde einzig der Eindruck in zehnminütigen Vorstellungsgesprächen zur Vergabe des Rankings herangezogen. Das Logbuch des Reformchaos:
6. Dezember 2006: Die Kriterien für die Bewerbung auf eine Weiterbildungsstelle werden bekannt gegeben. Ärzte, die ihr Medizinstudium nicht in Englisch absolviert haben, müssen trotz oft jahrelanger Tätigkeit in Großbritannien einen anerkannten Englischtest ablegen. Dessen Ergebnis musste bis zur eigentlichen Bewerbung per Computerfragebogen im Januar vorliegen.
20. Januar bis 4. Februar 2007: Der offizielle Bewerbungsbogen ist online zugänglich. Der Bewerber soll auch „eine peinliche Situation aus dem Klinikalltag“ und „eine Situation, in der Sie maßgeblich zur Besserung eines Patienten beigetragen haben“ beschreiben. Die Antworten beeinflussen das Ranking. Zahlreiche Pannen stören das Onlineverfahren. Wegen Serverproblemen können nicht alle Bewerbungen zu jeder Tageszeit akzeptiert werden. Die Frist zum Ausfüllen des Fragebogens wird schließlich um einen Tag verlängert.
Nichts wie weg – viele Betroffene wollen Großbritannien den Rücken kehren. Experten befürchten bereits Versorgungsdefizite.
Nichts wie weg – viele Betroffene wollen Großbritannien den Rücken kehren. Experten befürchten bereits Versorgungsdefizite.
Im Februar: „Consultants“ (Oberärzte/Chefärzte) der verschiedenen Fachrichtungen werten die Onlinefragebögen aus und geben die Ergebnisse bekannt. Erste Stimmen unter den „Consultants“ werden laut, die kritisieren, dass die Fragen im Bewerbungsbogen nur eine sehr geringe „Discriminative Power“ hätten. Zwar könnten sehr gute Bewerber von extrem schlechten unterschieden werden, aber anhand der online abgefragten Informationen sei es unmöglich, Kenntnisse und Können eines extrem großen Mittelfelds auszuloten. Basierend auf den Rankings der „Consultants“ erhalten manche Bewerber vier Vorstellungsgespräche vermittelt. Viele Bewerber gehen aber auch leer aus. In Onlineforen wie www.doctors.net.uk wird berichtet, dass zu den Gesprächen auch Kandidaten eingeladen wurden, die die Grundkriterien des jeweiligen Jobs nicht erfüllten.
17. März: Der Unmut über das neue System erreicht einen ersten Höhepunkt: Tausende Ärzte versammeln sich zu einem Protestmarsch in London. Der Marsch wird hauptsächlich von der Ärztegruppe „RemedyUK“ organisiert. Im Dezember 2006 gegründet, hat diese Organisation jetzt bereits 8 000 Mitglieder. Auf dem Rechtsweg erreicht „RemedyUK“, dass jedem Bewerber ein Vorstellungsgespräch für die Weiterbildungsstelle seiner Erstwahl angeboten werden muss. Dies bedeutet jedoch nicht, dass es damit genug Stellen für alle Ärzte in Weiterbildung gibt. Diejenigen, die bereits Vorstellungsgespräche geführt haben, werden nicht erneut eingeladen.
30. März: Alan Crockard, National Director of MMC, tritt zurück. Er habe den Eindruck, „verantwortlich zu sein, aber zunehmend weniger Einflussmöglichkeiten“ zu haben.
Im April: Aufgrund einer Panne sind sensible Daten aller Bewerber für „Foundation-Year-1“-Stellen und „Specialist-Training“-Stellen (ethnische Zugehörigkeit, sexuelle Orientierung, Religion etc.) einen Tag lang über das Internet abrufbar. Wegen der Sicherheitslücke wird die Homepage von MTAS (Medical Training Application System) geschlossen. Die im Januar und Februar ausgefüllten Bewerbungsfragebögen gehen nicht in die Bewertung ein. Die Mühe der Bewerber und Auswerter war umsonst.
24. Mai: James Johnson, Vorsitzender des britischen Ärztebundes, tritt zurück. Er hatte das MMC gelobt.
1. Juni: Die Bewerber erfahren, ob sie eine Weiterbildungsstelle erhalten. Die Tragweite der Reform wird sichtbar: 18 000 Mediziner gehen leer aus. Viele andere wissen immer noch nicht, wo genau sie am 1. August ihre Stelle antreten sollen. Sie kennen das Dekanat, nicht aber das Krankenhaus.
Doch nicht nur die Assistenzärzte sind die Leidtragenden der Reform. Krankenhausdirektoren und „Consultants“ warnen inzwischen vor Engpässen bei der Patientenversorgung. Denn durch die Verzögerungen bei der Vergabe der Weiterbildungsstellen konnte bislang nur die Hälfte der Stellen besetzt werden. Zum 1. August werden zu wenige Ärzte angestellt sein. Denn die „zweite Runde“ der Jobvergabe kann nicht vor August 2007 abgeschlossen werden. Deshalb haben viele Krankenhäuser Stellen ausgeschrieben, die je nach Verfügbarkeit von „MMC-Ärzten“ vergeben werden. Viele dieser Stellen sind „Non-Training Posts“.
Die Folge: Für junge deutsche Ärztinnen und Ärzte wird es deutlich schwieriger, eine anerkannte Weiterbildungsstelle in Großbritannien zu finden. Denn die Konkurrenz ist groß. In der Chirurgie kommen derzeit beispielsweise 75 Bewerber auf eine Stelle. Und: Auch wenn EU-Recht berufliche Qualifikationen innerhalb der EU anerkennt, ist in der Praxis die Weiterbildung in den EU-Mitgliedstaaten so verschieden, dass EU-Bewerber nicht mit lokalen Bewerbern gleichziehen.
Eine Abwanderung von britischen Ärzten und bisher in Großbritannien tätigen Ärzten, wird hauptsächlich in englischsprachige Länder wie Australien, Neuseeland, Kanada oder die USA erwartet. Es gibt aber auch Ärzte, die versuchen wollen, dem neuen britischen Weiterbildungssystem in Richtung Deutschland zu entfliehen.
Eine Abwanderung von Deutschland nach Großbritannien kann derzeit besonders vor der Facharztprüfung nicht empfohlen werden und bringt zudem auch finanziell keine Vorteile.
Dr. Katharina Schramm-Gajraj, Dr. Julia Ferié, Peter Mahr, Maximilian Zoettl
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